Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. | Bildquelle: REUTERS

Wirtschaft in Corona-Zeiten Französischer Staat zahlt fast alle Gehälter

Stand: 08.05.2020 05:40 Uhr

Die französische Regierung will mit einem umfassenden Hilfspaket in der Corona-Krise das Schlimmste verhindern. Im Mittelpunkt steht eine sehr großzügige Kurzarbeiterregelung.

Von Martin Bohne, ARD-Studio Paris

Mitte März versetzte der französische Präsident die Wirtschaft des Landes in Schockstarre. Die Franzosen bekamen eines der striktesten Anti-Corona-Regimes in Europa verordnet. Emmanuel Macron erklärte dem Virus den Krieg. Dem Schutz der Gesundheit solle alles untergeordnet werden. Egal, was es koste. Und dieses "Koste es, was es wolle"-Versprechen dehnte der Präsident auch auf den Schutz der Arbeitnehmer und der Unternehmen aus.

Ein gigantischer Rettungsschirm wurde aufgespannt: staatliche Kreditbürgschaften für existenzbedrohte Unternehmen, die Aussetzung der Sozialabgaben, ein Solidaritätsfonds für Kleinunternehmer und Selbständige, die ihre Tätigkeit wegen der Ausgangssperrren nicht mehr fortsetzen konnten. Das Mittel der Wahl für Macron war aber - mit Blick auf die guten deutschen Erfahrungen - die massive Ausweitung des Kurzarbeitsarbeitergeldes.

90 Prozent Kurzarbeitergeld

Hilfe für all die, die nicht mehr arbeiten können - weil ihre Unternehmen in Schwierigkeiten geraten sind, weil sie wegen der Schließung der Schulen ihre Kinder zu Hause betreuen müssen, oder weil sie gesundheitlich besonders gefährdet sind. Und das zu sehr komfortablen Bedingungen.

"Wir haben die großzügigste Kurzarbeiterregelung in Europa geschaffen", so Premierminister Philippe, großzügiger als die in Deutschland. Zum Beispiel: bei einem bisherigen Nettogehalt von 2.500 Euro werden 90 Prozent als Kurzarbeitergeld weiter gezahlt.

Große Zustimmung für Programm der Regierung

Die Zustimmung zu dieser Maßnahme ist groß, in der Politik, in der Bevölkerung und bei den Unternehmen, die dadurch Massenentlassungen bisher vermeiden konnten. Rund eine Million Unternehmen lassen sich schon die Gehälter ihrer Angestellten vom Staat überweisen. Die Zahl der Kurzarbeiter steigt faktisch von Tag zu Tag, mittlerweile sind es 13 Millionen. Bei 20 Millionen Beschäftigten in der Privatwirtschaft. Fast zwei Drittel.

Präsident Macron sagte dazu voller Stolz in einem Zeitungsinterview: Wir haben die Zahlung der Gehälter verstaatlicht. Noch nie habe der Staat in Friedenszeiten eine so starke Rolle übernommen.

Kosten explodieren

In der Tat, berücksichtigt man auch die öffentlich Bediensteten, die Rentner und die Sozialhilfeempfänger - dann werden derzeit in Frankreich drei von vier Erwachsenen vom Staat alimentiert. Mit der Zahl der Kurzarbeiter explodieren natürlich auch die Kosten, auf 25 Milliarden Euro - Stand Ende April.

Aber noch aus einem anderen Grund stellen Ökonomen und Kommentatoren jetzt zunehmend auch kritische Fragen: könnte es einen Zusammenhang geben zwischen der tiefen Rezession - in keinem anderen Land der Eurozone brach die Wirtschaftsleistung in der Coronakrise so stark ein wie in Frankreich - und der großzügigen Kurzarbeiterregelung? Der Meinungsforscher Brice Teinturier:

"Die Schutzmaßnahmen der Regierung führen dazu, dass die Beschäftigten es gar nicht so schlecht finden, dass sie nicht arbeiten gehen müssen. Sie sind ja gut abgesichert, besser als in anderen Ländern. Und dann noch die Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus, da könne sich viele nur schlecht mit der Wiederaufnahme des normalen Berufslebens anfreunden."

Derzeit begibt sich Umfragen zufolge nur rund ein Viertel der Franzosen täglich an ihren Arbeitsplatz. Am kommenden Montag beginnt Frankreich mit der Lockerung der Corona-Einschränkungen und eigentlich sollen die allermeisten Wirtschaftsbereiche wieder in Gang kommen. Die große Unbekannte ist, wie viele Beschäftigte tatsächlich an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.

Frankreich: Großzügige staatliche Unterstützung
Martin Bohne, ARD Paris
08.05.2020 06:57 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichteteMDR-aktuell am 08. Mai 2020 um 11:09 Uhr.

Darstellung: