Sarah Abitbol und Stephane Bernadis  | Bildquelle: picture-alliance / ASA

Enthüllungsbuch in Frankreich Missbrauchsskandal im Eiskunstlauf

Stand: 05.02.2020 10:19 Uhr

Lange hat sie geschwiegen, nun hat die frühere französische Eiskunstläuferin Abitbol in einem Buch schwere Missbrauchsvorwürfe gegen ihren Ex-Trainer erhoben. Ihre Erfahrungen scheinen kein Einzelfall zu sein.

Von Martin Bohne, ARD-Studio Paris

"Sie waren mein Trainer, ich war gerade 15 Jahre alt und Sie haben mich vergewaltigt." So schreibt es Sarah Abitbol in ihrem gerade veröffentlichten Buch mit dem Titel "Ein so langes Schweigen".

"Ich habe 30 Jahre gebraucht, um ein Wort zu finden für das, was mir passiert ist: Vergewaltigung. Und auch jetzt noch, wenn ich das sage, brenne ich, mein Körper verbrennt mir."

Damals stand sie am Anfang einer erfolgreichen Karriere, eigentlich hätte sie glücklich sein müssen. "Ich war aber nicht glücklich. Ich wollte Medikamente schlucken und eigentlich gar nicht mehr leben."

Sarah Abitbol und ihr Partner Stephane Bernadis bei den World Figure Skating Championships 1999. | Bildquelle: ANJA NIEDRINGHAUS/EPA-EFE/REX
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Sarah Abitbol und ihr Partner Stephane Bernadis bei den World Figure Skating Championships 1999.

Weitere Eisläuferinnen berichten von Missbrauch

Abitbol wurde zehnmal französische Meisterin im Eiskunst-Paarlaufen, auch bei Welt- und Europameisterschaften holte sie mehrere Medaillen. Was sie nach so langer Zeit endlich zu sagen wagte, schockiert Frankreich und erschüttert den französischen Eislaufverband, ja den ganzen Sportbetrieb.

Umgehend gingen noch weitere ehemalige Eisläuferinnen mit ihren ganz ähnlichen Erfahrungen von sexuellem Missbrauch an die Öffentlichkeit. Die Sportministerin Roxana Maracineanu, selbst ehemalige Spitzensportlerin, zitierte den mächtigen Langzeitpräsidenten des französischen Eislaufverbandes, Didier Gailhaguet, zu sich. Und nach dem Gespräch forderte sie ihn auf zurückzutreten.

Bereits vor 20 Jahren gab es Hinweise

"Nach den Enthüllungen und den Zeugenaussagen, die ich gesehen und gehört habe, kann sich der Präsident seiner persönlichen und moralischen Verantwortung für die Vorgänge nicht entziehen", betonte Maracineanu.

Gailhaguet wird vor allem dafür verantwortlich gemacht, dass er es zuließ, dass Gilles Beyer, der ehemalige Trainer von Abitbol, bis zuletzt hohe Positionen in seinem Klub und im Eislaufverband inne hatte - obwohl es schon vor 20 Jahren etliche Hinweise auf seine sexuellen Übergriffe gegeben hatte.

Sportministerin Maracineanu stellt das ganze System an den Pranger: "Die Art und die Häufigkeit der Vorfälle lassen mich zu dem Schluss kommen, dass sie die Folge eines quasi institutionalisierten Fehlverhaltens innerhalb dieses Verbandes sind."

Der Langzeitpräsidenten des französischen Eislaufverbandes, Didier Gailhaguet, äußert sich im Februar 2020 vor der Presse. | Bildquelle: AFP
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Langzeitpräsidenten des französischen Eislaufverbandes, Didier Gailhaguet, weist jede Schuld von sich.

"Ich habe eine saubere Weste"

Gailhaguet weist allerdings jede Schuld von sich. Der Eislaufverband sei mitnichten eine "Horde von sexuellen Raubtieren", die nur Vergewaltigung im Sinne hätten. "Ich war Eiskunstläufer, Trainer und Verbandsfunktionär. Ich habe eine saubere Weste", betonte er.

Nun versucht sich das ganze Land zu erklären, warum die Unkultur des sexuellen Missbrauchs so lange unter dem Deckel gehalten werden konnte. Marie-George Buffet, die kommunistische Sportministerin um die Jahrhundertwende, spricht von einer verschworenen Komplizenschaft der Verbandsfunktionäre:

"Und damals wurde die Gewalt gegen Frauen in der Gesellschaft noch weitgehend toleriert. Es seit Kurzen trauen sich die Frauen, zu sprechen. Aber damals gab es ein Schweigekartell, ein Art Omerta."

Vergehen gegen Abitbol wohl verjährt

Der französische Generalstaatsanwalt hat mittlerweile Ermittlungen wegen des Verdachts der Vergewaltigung und des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen eingeleitet. Die Taten gegen Abitbol sind im Prinzip verjährt, aber die Behörden wollen herausfinden, ob es noch andere Opfer gegeben hat.

Abitbol begrüßt die Ermittlungen: "Was heute passiert, ist außerordentlich. Das ist gut für die künftigen Generationen. Das ist wirklich ein Sieg."

Und es geht weiter: Am Dienstag riefen mehr als 50 französische Spitzensportler in einem offenen Brief dazu auf, das Schweigen zu brechen. Es dürfe nicht mehr vorkommen, dass junge Sportler in den Vereinen sexuelle Übergriffe fürchten müssen.

Frankreich: sexueller Missbrauchsverdacht im Eiskunstlaufen
Martin Bohne, ARD Paris
05.02.2020 09:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 06. Februar 2020 um 10:22 Uhr.

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