Ein Mann mit Gesichtsmaske ist vor dem Eiffelturm in Paris zu sehen | AP

Corona-Krise in Frankreich Erste Schritte Richtung Normalität

Stand: 11.05.2020 04:32 Uhr

Als eines der letzten Länder in Europa fährt auch Frankreich seine strenge Ausgangssperre zurück. Doch eine Mehrheit der Bevölkerung ist mit dem Krisenmanagement der Regierung unzufrieden.

Von Martin Bohne, ARD-Studio Paris

55 Tage haben die Franzosen im Confinement gelebt, so wird hier die Mitte März verhängte Ausgangs- und Kontaktsperre genannt. Ab heute beginnt die schrittweise Rückkehr zur Normalität, das Déconfinement. Dieses Datum war von Präsident Macron schon vor einigen Wochen in Aussicht gestellt worden, vergangenen Donnerstag konnte Premierminister Philippe grünes Licht geben.

Martin Bohne ARD-Studio Paris

"Angesichts der ermutigenden gesundheitlichen Entwicklungen können wir mit der Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen beginnen", so Philippe. "Das wird ein sehr allmählicher Prozess sein, der sich mindestens über mehrere Wochen erstrecken wird."

Vorsichtig zur Normalität

Heute also der erste Schritt: Die Franzosen können nun wieder ohne Auflagen und ohne Passierschein die Wohnung verlassen und sich mit bis zu zehn Menschen treffen - aber dabei einen Mindestabstand von einem Meter einhalten. Alle Geschäfte dürfen öffnen und die Betriebe sollen hochgefahren werden. Der Schulbetrieb wird im Laufe der Woche wieder aufgenommen, aber vorerst nur für einen kleinen Teil der Schüler.

Aber die Regierung will größte Vorsicht bei der Rückkehr zur Normalität walten lassen, um ein Wiederauflammen der Infektionszahlen zu verhindern. "Wir müssen da ein Gleichgewicht finden", so Premierminister Philippe. Und das ist eine Gratwanderung.

Beschränkungen gibt es so weiterhin: Cafés, Restaurants, Bars, Kinos, Theater und größere Museen bleiben geschlossen und längere Reisen über 100 Kilometer sind nur aus zwingenden beruflichen und familiären Gründen erlaubt. Der Zugverkehr bleibt stark eingeschränkt. Auch die Einreise von EU-Bürgern nach Frankreich ist bis vorerst Mitte Juni nur aus triftigen Gründen möglich.

Wenig Vertrauen in Regierung

Frankreich gehört zu den am härtesten vom Coronavirus getroffenen Ländern. Seit einem Monat sinkt die Zahl der Intensivpatienten aber stetig. Und gestern waren nur noch 70 Todesopfer zu beklagen, der niedrigste Wert seit Verhängung der Ausgangsbeschränkungen. Um die von vielen gefürchtete zweite Infektionswelle zu verhindern, setzt die Regierung auf eine Maskenpflicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln, auf eine massive Ausweitung der Tests und auf eine umfassende Nachverfolgung der Kontakte von Neuerkrankten.

Aber die Franzosen haben nur wenig Vertrauen, dass die Regierung diese Versprechen einhalten kann. Nirgendwo in Europa bekommen die Regierenden so schlechte Noten von den eigenen Bürgern für ihr Krisenmanagement wie in Frankreich. Deshalb sieht eine Mehrheit der Lockerung eher mit Sorge entgegen. "Diese Lockerung beunruhigt zwei Drittel aller Franzosen. Und zwar insbesondere wegen der Situation in den Schulen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln . 80 bis 90 Prozent der von befragten Personen glauben nicht, dass man die geforderten Abstandsregeln dort einhalten könne", sagt der Meinungsforscher Bernard Sananès im Fernsehsender BFMTV.

Flaues Gefühl

Die Wiedereröffnung der Schulen wird von gut zwei Drittel der Befragten für verfrüht gehalten. Und die meisten Eltern wollen von der zugestandenen Freiwilligkeit profitieren und ihre Kinder weiter zu Hause lassen. Die andere große Sorge betrifft die öffentlichen Verkehrsmittel. Besonders im Großraum Paris, wo Bahnen, Metros und Busse normalerweise fünf Millionen Fahrgästen täglich verzeichnen.

Diese Pariserin hat ein sehr flaues Gefühl im Magen, wenn sie an das zu erwartende Gedrängel denkt: "Aber man hat ja nicht die Wahl. Ich muss ja arbeiten gehen. Wie soll man denn da die Abstandsregeln einhalten. Das wird schwierig", sagt sie. Der Zugang zu den Bahnhöfen und Metrostationen wird daher streng kontrolliert werden und überall wurden Markierungen angebracht, um die Menschen auf Abstand zu halten. Jeder zweite Sitz in den Zügen hat frei zu bleiben.

In den Stoßzeiten dürfen nur Leute mitfahren, die zur Arbeit müssen. Das muss durch eine Bescheinigung des Arbeitgebers nachgewiesen werden. In Paris wurden in den letzten Tagen zahlreiche neue provisorische Radspuren eingerichtet, in der Hoffnung, dass viele Menschen auf das Fahrrad umsteigen.

Über dieses Thema berichteten am 11. Mai 2020 die tagesschau um 09:00 Uhr und NDR Info um 09:20 Uhr.