Eine zerstörte Baracke in einem Gefängnis in Oleniwka | AP
Reportage

Foltergefängnisse im Donbass "Sie flehten, dass es aufhört"

Stand: 08.08.2022 10:45 Uhr

Im Gefangenenlager Oleniwka sollen Kriegsgefangene gefoltert und lebendig verbrannt worden sein. Menschenrechtler vermuten im besetzten Donbass bereits seit Jahren dutzende Foltergefängnisse - nicht nur für Kriegsgefangene.

Von Rebecca Barth, WDR, zzt. Kiew

Sie wollten sich lange nicht ergeben. Denn Kriegsgefangenschaft - davon waren die ukrainischen Soldaten aus dem Asow-Stahlwerk überzeugt - bedeute den sicheren Tod. Viele ukrainische Soldaten teilen diese Überzeugung. Darum tragen manche stets eine Handgranate bei sich. Denn dann können sie sich selbst das Leben nehmen, bevor sie in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Immer noch besser, als zu Tode gefoltert zu werden, sagen viele.

Ehemalige Insassin berichtet von Gefangenenlager

Auch in Oleniwka, dem Gefangenenlager, in dem 50 ukrainische Soldaten teilweise in ihren Metallbetten verbrannten, soll gefoltert worden sein, berichtet Anna Woroschewa. Sie selbst war über drei Monate in Oleniwka inhaftiert. Sie berichtet von brutalen Wachen, die Spitznamen von den Häftlingen bekommen hätten. Es sei ein echtes Strafkommando gewesen, erzählt sie. "Sie ließen die Häftlinge in der Hocke aus ihren Zellen kriechen. Sie mussten im Gänsemarsch, die Hände hinter dem Kopf, 100 bis 120 Meter zu einem Raum watscheln. Dort wurden sie brutal geschlagen."

Ich habe die Schläge gehört, das Geräusch der Gegenstände auf ihren Körpern, ihre Schreie. Sie flehten darum, dass es aufhört.

Ukraine: Russland versuchte, Folter zu vertuschen

Die Ukraine wirft Russland vor, gezielt einen Sprengsatz in einem Gebäude des Gefangenenlagers gezündet zu haben, um systematische Folter zu vertuschen. Russland hingegen wirft der Ukraine vor, das Gefängnis gezielt beschossen zu haben. Unabhängige Ermittler wurden bisher noch nicht an den Ort gelassen.

Die Menschenrechtler des ukrainischen Zentrums für bürgerliche Freiheiten wussten jedoch schon seit Jahren von dem Gefängnis in Oleniwka. Der Name taucht 2015 in einem Bericht über Foltergefängnisse im besetzten Donbass auf. Mehr als 70 solcher Orte konnten die Aktivisten identifizieren, einige dieser Orte standen nur für einen kurzen Zeitraum unter der Kontrolle der sogenannten Separatisten.

Dutzende Haftanstalten wie Oleniwka

Noch immer soll es Dutzende Haftanstalten in den von Russland besetzten Gebieten geben, erklärt die Menschenrechtlerin Oleksandra Matwijtschuk. In all diesen illegalen Haftanstalten seien Folter und unmenschliche Behandlung weit verbreitet. "Ich habe mit Hunderten Überlebenden gesprochen und sie haben mir erzählt, wie sie geschlagen wurden, wie sie vergewaltigt wurden, wie ihnen die Finger abgeschnitten wurden, wie sie in Holzkisten gesperrt wurden, wie sie mit Strom gefoltert wurden." Eine Frau habe ihr erzählt, dass man ihr mit einem Löffel die Augen ausgestochen hat.

Die allermeisten dieser Haftanstalten befänden sich in Kellern der Strafverfolgungsbehörden oder des Militärs - manche auch in Fabriken oder Hotels. International bekannt ist vor allem das Gefängnis Isolazija - errichtet auf dem Territorium einer Fabrik für Isoliermittel in Donezk.

Menschenrechtlerin berichtet von Versklavung

Nach der Besatzung von Teilen der Region Donezk errichteten die pro-russischen Separatisten hier eine Militärbasis und ließen die Häftlinge für sich arbeiten, erklärt Menschenrechtlerin Matwijtschuk weiter. Dort habe man jahrelang Männer und Frauen in einem Gefangenenlager gefangen gehalten und "wie Sklaven" benutzt. "Sie mussten der Militärbasis dienen und beispielsweise Gräben ausheben."

Folter mit System?

Oleniwka sei nur ein weiteres Beispiel für eine offenbar systematische Praxis. Laut Matwijtschuk seien Terror und Folter ein gezieltes Instrument der russischen Besatzungstruppen und ihrer Handlanger, um die Kontrolle über die Bevölkerung zu bewahren.

Dieser Vorwurf wird von den Erzählungen anderer ehemaliger Insassen untermauert. Der ukrainische Journalist Stanislaw Assjejew war über zwei Jahre im Isolazija-Gefängnis inhaftiert. Auch er berichtet von schwerer Folter. Einige seiner Mithäftlinge waren Anhänger der sogenannten Separatisten, berichtet er in einer ukrainischen Talkshow.

"2017 und 2018 saß ich mit Vertretern aller militärischen Ränge. Vom Generalmajor bis zum Gefreiten, mit Angehörigen fast aller Brigaden und Bataillone", sagt Assjejew. "Die eine Hälfte der Insassen sind Ortsansässige, die sogenannten Separatisten. Die andere Hälfte kann jeder beliebige sein."

Russland ging 2014 zunächst gegen aktiven Teil der Gesellschaft vor

Beobachter sagen: Als die von Russland gestützten Truppen 2014 in Teilen der Ostukraine die Macht übernehmen, gehen sie zunächst gegen den aktiven Teil der Gesellschaft vor. Gegen Journalisten wie Assjejew, gegen Aktivisten, aber auch gegen religiöse Oberhäupter und Politiker. Einige von ihnen werden getötet, andere verschwinden in den Kellern von Donezk und Luhansk.

Doch auch Jahre später scheinen die Verhaftungen nicht aufgehört zu haben. Grund dafür: Die Machtstruktur der sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk, erklärt der Journalist Illia Ponomarenko: "Das sind kriminelle Enklaven, kontrolliert von kriminalisierten Gruppen sogenannter Separatisten."

Es gehe dort auch um einen Krieg zwischen Gangstern, um die Kontrolle von Territorien und Geld. Es seien Kriege um die profitabelsten Geschäfte oder Unternehmen gewesen. "Es kann inhaftiert werden, wer ein Geschäft besitzt, das jemand anderes haben will. Es kann viele Gründe für eine Verhaftung geben. Das ist der wilde Westen", sagt Ponomarenko.

Internationale Organisationen haben keinen Zutritt

Einmal inhaftiert gelten Betroffene als praktisch schutzlos. Internationale Organisationen oder unabhängige Beobachter erhalten seit Jahren keinen Zutritt zu den Haftanstalten in den von Russland besetzten Gebieten. Auch für Angehörige gibt es kaum eine Möglichkeit, verschwundene Verwandte zu finden und Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Jetzt berichten Menschenrechtler, dass die russischen Truppen das gleiche System erneut anwenden - in den neu besetzten Gebieten im Süden der Ukraine.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 08. August 2022 um 05:18 Uhr.