Blick auf die uralte türkische Stadt Hasankeyf  | Bildquelle: AFP

Staudammprojekt in der Türkei Hasankeyf darf untergehen

Stand: 21.02.2019 15:42 Uhr

Fast 20 Jahre lang hatten die Kläger gegen die Flutung der uralten Stadt Hasankeyf gekämpft. Jetzt hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Beschwerde abgelehnt. Schon im Juni soll Hasankeyf untergehen.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte stellt sich der Überflutung der 12.000 Jahre alten Kulturstätte Hasankeyf in der Türkei nicht in den Weg. Die Straßburger Richter wiesen die Beschwerde einer Gruppe türkischer Intellektueller und Akademiker als unzulässig zurück.

13 Jahre hatte das Gericht für die Entscheidung gebraucht. Die Kläger hatten gefordert, dass der Bau des Ilisu-Staudamms in der osttürkischen Provinz Batman gestoppt wird, denn sobald der Damm am Tigris fertig ist, soll die uralte Stadt geflutet werden - vermutlich schon im Juni.

Blick auf die uralte türkische Stadt Hasankeyf | Bildquelle: dpa
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Blick auf Hasankeyf

"Eine spektakuläre Kulturlandschaft"

Gegen die Flutung führten die Beschwerdeführer unter anderem ins Feld, dass mit dem Verschwinden der Stadt und ihren Artefakten aus vielen Zivilisationen das Menschenrecht auf Bildung der kommenden Generationen verletzt werde.

Die Straßburger Richter folgten der Argumentation der Aktivisten aber nicht. Aus den Bestimmungen der Europäischen Menschenrechtskonvention lasse sich kein Recht Einzelner auf Schutz bestimmter Kulturdenkmäler ableiten, heißt es in der Entscheidung.

"Es ist sehr traurig, dass es jetzt keinen mehr Ausweg mehr gibt", sagte die Istanbuler Architekturprofessorin Zeynep Ahunbay aus der Gruppe der Kläger. "Gesetze sollten kulturelles Erbe schützen und nicht zum Untergang verdammen." In Hasankeyf gebe es Schichten der Besiedlung, die bis in prähistorische Zeiten zurückreichten. Die Einzigartigkeit ergebe sich aber auch aus der Kombination mit den Naturschönheiten im Tigris-Tal. "Es ist eine spektakuläre Kulturlandschaft. Da wäre noch so viel zu erforschen und auszugraben gewesen", sagte Ahunbay über die Stätte auf dem Gebiet des antiken Mesopotamien.

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Einer der letzten Bewohner Hasankeyfs vor seinem Haus

Kläger: Kulturerbe ist Menschenrecht

Der in Deutschland lebende Umweltingenieur und Hasankeyf-Aktivist Ercan Ayboga nannte die Entscheidung des EGMR "beschämend" und sagte, dass die Weltkulturorganisation Unesco und internationale Konventionen den Zugang zu Kulturerbe längst als grundlegendes Menschenrecht festgestellt hätten. "Daran hätte sich das EGMR orientieren und die Mitgliedstaaten unter Druck setzen können."

Unter den Klägern waren Archäologieprofessoren, Architekten, ein Journalist und der Anwalt Murat Cano, der die Beschwerde auch eingereicht hat. Die Gruppe habe schon vor 19 Jahren mit ersten internationalen Appellen und Klagen gegen das Projekt begonnen, sagte Cano. Wie viel Leidenschaft und Energie in den langen Kampf gegen den Damm geflossen war, ist in seiner prächtigen alten Kanzlei nahe dem Taksim-Platz in Istanbul an vielen blauen Ordnern voller Gutachten, Klageschriften und Briefe an europäische Regierungen abzulesen.

Die Klage hatte sich zuerst auch gegen mehrere europäische Staaten gerichtet - auch Deutschland. Die hatten sich aber später aus dem Projekt zurückgezogen.

Bauarbeiten am Ilisu-Staudamm gehen weiter

In Hasankeyf gehen unterdessen die Bauarbeiten weiter. Die türkische Regierung argumentiert, dass der Staudamm, der Teil eines regionalen Entwicklungsprojekts mit vielen Dämmen und Wasserkraftwerken ist, zur Entwicklung einer armen und trockenen Region des Landes beitragen wird. Der Damm bringe Arbeitsplätze, zusätzlichen Strom und helfe bei der Bewässerung weiter landwirtschaftlicher Flächen.

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Das alte Hasankeyf wird bald verschwinden.

Historische Monumente bald verloren?

Von Verzögerungen beim Bau einer Neustadt für Tausende Menschen aus Hasankeyf und beim Umzug historischer Monumente berichtete Umweltingenieur Ercan Ayboga. Die türkische Regierung hat unter großem Aufwand einige Monumente schon in Einzelteile zerlegt und auf Lastwagen fortbringen lassen. Nach Angaben von Architekturprofessorin Ahunbay, die mit Experten des Kulturministeriums in Kontakt steht, sollen insgesamt zwölf Denkmäler verlegt werden, die meisten aus dem Mittelalter. Im August wurde beispielsweise ein Badehaus aus dem 16. Jahrhundert aus der Gefahrenzone gebracht. Anwalt Cano sagt, dass es in Hasankeyf allerdings "516 historische Stätten" gebe. "Wenn das Wasser kommt, werden die meisten darin bestattet."

Über dieses Thema berichtete das Erste am 09. September 2018 um 12:45 Uhr im "Europamagazin".

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