Ein zerstörtes Stadtviertel | Bildquelle: Jewgenij Rudnyj

Hochwasser in Sibirien Das Zuhause liegt in Trümmern

Stand: 07.07.2019 12:09 Uhr

Das Hochwasser in Sibirien hat Tausende Häuser unbewohnbar gemacht. Betroffene sind sauer auf ihre Stadtverwaltung und hoffen auf Unterstützung - vor allem von Präsident Putin.

Von Ina Ruck und Jewgenij Rudnyj, ARD-Studio Moskau

Nadeshda Nikolaewna kniet inmitten eines Trümmerfelds, am Ufer eines kleinen Tümpels, und zieht ein Einweckglas voller Früchte nach dem anderen aus dem Wasser. Das Trümmerfeld ist das, was von ihrem Haus übriggeblieben ist - und unter der Oberfläche des Tümpels liegt ihr Keller. Mehr als die Konserven konnte sie nicht retten. Ringsum sieht es nicht anders aus: eine riesige wüste Fläche, wo noch vor zehn Tagen ein ganzes Stadtviertel stand.

Tulun in Sibirien, 44.000 Einwohner, ist der am stärksten von der großen Flut betroffene Ort. Aber nicht der einzige: Mehr als 103 Ortschaften im Gebiet Irkutsk, mehr als 10.000 Häuser standen unter Wasser - oder wurden vom Wasser mitgerissen, wie das von Nadeshda Nikolaewna.

Das Fundament eines Hauses ist geblieben. | Bildquelle: Jewgenij Rudnyj
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Nur die Umrisse von Nadeshda Nikolaewnas Haus sind noch zu erkennen. Das Fundament ist geblieben, das Haus hat das Wasser fortgerissen.

Das Tor steht noch - Haus, Garage und Garten sind weg. | Bildquelle: Jewgenij Rudnyj
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Das Tor steht noch - Haus, Garage und Garten sind weg. Nadeshda Nikolaewna hat alles verloren.

Hoffen auf Putin

Nikolaewna ist sauer, vor allem auf die Stadtverwaltung: "Eine halbe Stunde vor der großen Welle sind sie mit dem Megafon herumgefahren. Aber da war es längst zu spät." Dabei seien die Dörfer flussaufwärts schon Tage vorher überschwemmt gewesen. Dass in Tulun der Damm brechen könnte, hätte man vorhersehen müssen.

Überhaupt, der Damm: Er soll Tulun vor dem Fluss Ija schützen, Hochwasser gibt es hier regelmäßig. Vor zehn Jahren wurde er gebaut, es habe Schlamperei gegeben, schreiben russische Journalisten - und Korruption: Den Bauauftrag habe der Vater eben jenes Beamten bekommen, der den Bau beaufsichtigt habe.

Nadeshda Nikolaewna glaubt deshalb, dass nur Präsident Wladimir Putin helfen kann: "Er ist ja extra hergeflogen und hat Anweisungen erteilt. Er kontrolliert das jetzt. Und wir sehen es doch oft im Fernsehen: Erst wenn Putin sich einer Sache annimmt, passiert etwas, dann bewegen sich die örtlichen Behörden."

Aufräumarbeiten nach Hochwasser in Sibirien
tagesthemen 23:40 Uhr, 07.07.2019, Ina Ruck, ARD Moskau

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Klimawandel nur selten Thema in Russland

Ursache für die Überschwemmung war tagelanger starker Regen, gleich mehrere Flüsse traten über die Ufer. Ausgerechnet im Gebiet Irkutsk: Hier hatten sie erst im Frühjahr wochenlang gegen Waldbrände gekämpft. "Die katastrophale Überflutung in Tulun kann sehr wohl ein Indiz für den globalen Klimawandel sein", zitiert die "Nowaja Gazeta" den Umweltschützer Aleksandr Kolotow. "Für Sibirien ist das ein beunruhigendes Warnzeichen, denn die Staudämme der großen Flüsse hier sind nicht auf diesen Wandel ausgerichtet."

Über globale Erhitzung und Klimawandel spricht man in Russland meist nur zögerlich - dem Staat ist das sicher nicht unwillkommen. Denn er macht sein Geld zum großen Teil mit dem Export fossiler Rohstoffe.

Ein zerstörtes Stadtviertel | Bildquelle: Jewgenij Rudnyj
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Ganze Stadtviertel Tuluns wurden zerstört.

Wache schieben gegen Plünderungen

Igor Jakowlew hatte Glück, sein Haus steht. Aber drinnen ist alles hinüber. Bis zur Decke des Erdgeschosses stand das Wasser, zeigt er. Auch er hatte den Behörden vertraut. "Wir hatten die Möbel hochgebockt - so machen wir das immer bei drohendem Hochwasser. Und es hieß ja, dass es in der Norm bleiben würde." Als das Wasser immer weiter stieg, schickte er Frau, Tochter und Enkel zu Verwandten. Gemeinsam mit dem Schwiegersohn saß er dann vier Tage auf dem Dach, bis das Wasser zurückging. Seitdem schieben sie Wache - wegen der Plünderer. Nachts liefen ganze Gruppen durch die Straßen, sagt er.

"Das Schlimmste ist, dass wir die Möbel nicht raustragen dürfen. Vielleicht könnte man ja einiges an der Sonne trocknen und retten. Aber solange die Kommission nicht hier war, dürfen wir nichts bewegen. Alles schimmelt."

Auf die Kommission warten sie alle: Die Administration schickt Gutachter durch die betroffenen Gebiete, die den Schaden schätzen sollen. Bei Igor Jakowlews Nachbar waren sie schon. "Bei dem ist alles kaputt im Haus. 60.000 Rubel (umgerechnet 1400 Euro) soll er bekommen, damit kannst du doch überhaupt nichts machen." Doch er findet auch lobende Worte für die Behörden: Alle Kinder aus den Flutgebieten seien in Ferienlager geschickt worden. "Unseren Enkel haben wir gestern hingebracht. Sie verschicken alle Kinder, drei Wochen, kostenlos, damit sie das hier nicht mit ansehen müssen."

Igor Jakowlew in seinem Haus | Bildquelle: Jewgenij Rudnyj
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Das Hochwasser hat Jakowlews Haus verwüstet.

Die Küche in Igor Jakowlews Haus | Bildquelle: Jewgenij Rudnyj
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Bis zur Decke des Erdgeschosses stand das Wasser.

"Er muss helfen!"

Gegenüber wohnt Elena Besuglowa mit ihrem Mann. Auch ihr großes Haus hat den Fluten standgehalten. Im Bademantel steht sie davor, fast die gesamte Kleidung ist weggespült worden. Sie arbeitet im Arbeitsamt von Tulun, und sie ahnt, was da noch auf die Stadt zukommt. "Viele Betriebe stehen unter Wasser. Es wird lange dauern, bis die wieder anlaufen. Wir haben Hunderte neue Arbeitslose, auf einen Schlag. Die Leute brauchen doch Arbeit, sie brauchen Geld, um das alles wieder aufzubauen."

Eine Versicherung kann sich hier kaum jemand leisten. Igor Jakowlew will jetzt sein Auto verkaufen, andere hoffen auf den Staat. Und vor allem auf den Einen: "Das wichtigste ist, dass Wladimir Wladimirowitsch uns jetzt nicht im Stich lässt", sagt Elena Besuglowa. "Wir sind alle gute Steuerzahler, wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen. Er muss helfen!"

Putin hat tatsächlich Hilfe angekündigt: Bis zum Winter, hat er den örtlichen Behörden befohlen, müssten alle Flutopfer neue Häuser bekommen. Dass das klappt, daran glauben selbst die verzweifelten Leute in Tulun nicht: Der sibirische Winter beginnt bereits im Oktober.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Juni 2019 um 20:00 Uhr.

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