Bootsflüchtlingen aus Afrika und Asien treiben auf einem Holzboot im Mittelmeer, 14 Meilen nördlich von Sabratha in Libyen. | Bildquelle: dpa

Zahlen des UNHCR Mittelmeerroute so gefährlich wie nie

Stand: 19.06.2019 20:32 Uhr

Zwischen Libyen und Italien kommt fast jeder sechste Migrant ums Leben. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR richtet einen dringenden Appell an alle europäische Staaten.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Das Mittelmeer bleibt für Flüchtlinge tödlich. In den vergangenen Monaten habe sich die Situation auf dem Weg von Nordafrika nach Europa sogar noch zugespitzt, schildert Roland Schilling vom Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR). "Proportional ist es immer noch die gefährlichste Route. Die Wahrscheinlichkeit, dass man hier ums Leben kommt, hat sich erheblich erhöht."

Laut Schilling, Vize-Verantwortlicher für das UNHCR in Südeuropa, kommt derzeit zwischen Libyen und Italien fast jeder sechste Flüchtling ums Leben. Damit ist die Gefahr zu sterben, fast fünfmal größer als im vergangenen Jahr. Nie sei die Todesrate auf der zentralen Mittelmeerroute höher gewesen, beklagt das UNHCR.

Weniger Menschen nehmen Nordafrika-Route

Das Flüchtlingshilfswerk sagt aber auch, dass sich deutlich weniger Menschen aus Nordafrika auf den Weg machen als im vergangenen Jahr. Die Zahl der Ankünfte in Italien sei um 90 Prozent zurückgegangen, auch in Spanien und Griechenland kämen weniger Flüchtlinge an.

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen, räumt der UNHCR-Verantwortliche Schilling ein, dass Italiens Innenminister Matteo Salvini Recht habe, wenn er behaupte, es würden zurzeit weniger Menschen im Mittelmeer ertrinken als in der Vergangenheit. "In absoluter Zahl ja. Es starben mehr Menschen vor zwei, drei Jahren als heute. Proportional nein. Die Wahrscheinlichkeit ums Leben zu kommen, ist heute wesentlich höher als vor zwei, drei Jahren."

Ursache für das gestiegene Risiko für Flüchtlinge auf dem Mittelmeer sei unter anderem eine Politik, die den freiwilligen Rettungsorganisationen ihre Arbeit erschwert. Das führe dazu, dass weniger Hilfsschiffe unterwegs seien. Das Ergebnis sei eine deutlich größere Gefahr für Flüchtlinge. "Das hat damit zu tun, dass einfach weniger Kapazitäten auf dem Mittelmeer sind. Das heißt die Wahrscheinlichkeit, dass man in Seenot gerät und ums Leben kommt, ist heute wesentlich höher", sagt Schilling.

Kritik an Italiens Flüchtlingspolitik

Das UNHCR kritisiert, dass von staatlicher Seite die humanitäre Rettungsarbeit auf dem Mittelmeer häufig behindert wird. Die Sprecherin des UNHCR Südeuropa, Carlotta Sami, nennt in diesem Zusammenhang unter anderem die italienische Regierung und ihre jüngst beschlossenen Maßnahmen gegen Nicht-Regierungsorganisationen, die künftig Strafen zahlen sollen, wenn sie gerettete Menschen in italienische Häfen bringen. "Wir sind angesichts dieses Vorgehens sehr besorgt. Wir appellieren an alle europäischen Staaten und auch an die italienische Regierung, die Hürden für Organisationen zu beseitigen, die auf dem Mittelmeer Menschen retten", sagt Sami.

Gleichzeitig warnt das Flüchtlingshilfswerk davor, Menschen nach Libyen zurückzubringen. Die Menschenrechtslage dort sei hochproblematisch. Im aktuellen Fall des deutschen Rettungsschiffs "Seawatch" appelliert das UNHCR an alle europäischen Mittelmeerstaaten, die sich an Bord befindenden Flüchtlinge an Land zu lassen. Die "Seawatch" liegt seit Tagen mit über 40 Geretteten vor der italienischen Insel Lampedusa.

 

UNHCR: Mittelmeerroute so gefährlich wie nie
Jörg Seisselberg, ARD Rom
19.06.2019 19:45 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 19. Juni 2019 um 17:23 Uhr.

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