Flüchtlinge zu Fuß | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmmann

Flucht aus Venezuela Kolumbiens gigantische Anstrengung

Stand: 03.09.2018 09:51 Uhr

In der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta kommen jeden Monat Zehntausende Flüchtlinge aus Venezuela an. Wer dort landet, braucht häufig dringend ärztliche Hilfe.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko

In einer staatlichen venezolanischen Klinik nahe der Grenze zu Kolumbien hat eine hochschwangere Frau - ihren Namen will sie lieber nicht sagen - große Angst. Ihr drittes Baby könnte vier Wochen zu früh kommen. Aber es gibt in Venezuela außerhalb der teuren Privatmedizin weder Brutkästen, noch Material, noch Medikamente.

Ein Arzt redet der Frau gut zu. Das ist alles, was er ihr geben kann. Besorgt ist sie dennoch: "Ich habe Angst, dass mein Baby hier nicht versorgt werden kann. Also muss ich nach Cúcuta, auf die andere Seite, nach Kolumbien. Aber ich kann nicht mehr laufen. Wir müssen einen Rollstuhl beschaffen, weil es ja nur zu Fuß über die Grenze geht, mit langen Wartezeiten. Was ist aber, wenn die Wehen nachts einsetzen und der Grenzübergang zu ist? Was, wenn ich es nicht rechtzeitig über die Grenze schaffe?"

Venezolanische Flüchtlinge | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmmann
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Wegen der desolaten Lage in ihrer Heimat flüchten viele Venezolaner nach Kolumbien.

Kein Geld für Entbindung

Täglich kommen in Cúcuta Tausende Flüchtlinge aus Venezuela an. Die staatliche Uniklinik verzeichnet schon seit Juli mehr venezolanische als kolumbianische Neugeborene. Viele Schwangere gehen aus Angst nur wegen der Geburt über die Grenze.

Manche verbinden den Schritt gleich mit der Ausreise - so wie Heidi Becerra mit ihrem Mann und ihrem Sohn.

Heidi Becerra | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmmann
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In der Ambulanz der Uniklinik wartet die Akademikerin Becerra auf eine Ultraschalluntersuchung.

"In Venezuela konnte ich mir das nicht mehr leisten. Zuerst habe ich die Untersuchungen noch in Privatkliniken gemacht. Aber wegen der Hyperinflation kosteten sie zuletzt einen zweifachen Mindestlohn", sagt Becerra.

"Wir schaffen es nicht mehr"

In Kolumbien sind Untersuchungen und Geburt gratis, der Standard verglichen mit Venezuela luxuriös. Die Uniklinik Cúcuta könne den Andrang aus Venezuela aber nicht mehr aus eigener Kraft bewältigen, sagt Chefarzt Norberto García: "Wenn die schwangeren Venezolanerinnen hierher kommen, haben sie meistens noch keine Untersuchungen gemacht. Viele haben Risikoschwangerschaften, auch wegen der Mangelernährung".

All das stelle die Klinik vor große finanzielle Herausforderungen. "Wir müssen jetzt Notfallpläne aktivieren, weil wir es nicht mehr schaffen." Krankenhäuser, Hilfsorganisationen - alle arbeiten am Limit.

Ruf nach Solidarität

Kolumbiens Außenminister Carlos Holmes Trujillo ist zum Grenzübergang von Cúcuta gekommen, schüttelt überforderten Grenzbeamten und Rot-Kreuz-Mitarbeitern die Hände, wird von Flüchtlingen bejubelt, als er ihnen Solidarität verspricht.

Im ARD-Interview bittet er um Hilfe: "Wir brauchen internationale Solidarität. Für Kolumbien ist das derzeit eine gigantische Kraftanstrengung. Diese Krise wirkt sich auf die ganze Region aus. Deshalb braucht sie multilaterale Fürsorge. Wir schaffen das nicht."

Außenminister Trujillo spricht mit Flüchtlingen | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmmann
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Außenminister Trujillo: Kolumbien "trägt die Hauptlast."

Aber Einreisebestimmungen verschärfen, gar die Grenzen dicht machen - das sei keine Option, so Außenminister Trujillo.

Die meisten Venezolaner fliehen hierher, schon fast eine Million ist nach offiziellen Angaben geblieben. 600.000 befinden sich demnach auf der Durchreise in andere südamerikanische Länder. Aber es dürften weit mehr sein, weil viele unerkannt über die mehr als 2000 Kilometer lange grüne Grenze gehen. Und viele erblicken erst hier das Licht der Welt.

Venezolanische Flüchtlinge in Kolumbien
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko City
03.09.2018 09:18 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 03. September 2018 um 09:23 Uhr.

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