Kinder im Flüchtlingslager Breijding | Bildquelle: Martin Durm

Teil II der Serie Aus der Sahelzone nach Europa

Stand: 19.11.2018 10:58 Uhr

Zehntausende Menschen haben sich vor Milizen in Darfur gerettet. Und nun? UN und EU helfen den Flüchtlingen im Tschad - und den Machthabern, um Migration nach Europa zu verhindern.

Von Martin Durm, SWR

Irgendwo im Osten des Tschad. 46 Grad, wolkenloser Himmel, am Horizont ein paar Staubfahnen. Kurz vor dem Abflug hat der Copilot noch schnell eine Ziegenherde von der Startpiste gejagt. Aus 1000 Meter Höhe sind nur Fels und Sand und verdorrter Busch zu sehen, der den Windungen ausgetrockneter Flussadern folgt. Manchmal sind Rundhütten und Menschen erkennbar, Punkte und Striche auf gelbbraunem Grund. Von hier oben sieht die Sahelzone aus wie eine flüchtig hin gekritzelte Skizze, wie etwas, das gleich wieder weggewischt werden kann.

Blick auf ein Flüchtlingslager im Ost-Tschad | Bildquelle: Martin Durm
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Die Sahelzone - ein Ort von Gesetzlosigkeit und Extremismus, Unterdrückung und Unterentwicklung.

Die Sahelzone kennt kein Maß. Sie überfordert die Helfer, die Politiker, die internationalen Institutionen. Sie ist eine gewaltige, über Staatsgrenzen mäandernde Krisenregion. Bis zu 800 Kilometer breit, zieht sie sich südlich der Sahara quer über den afrikanischen Kontinent. Jährlich dehnt sie sich um etwa zehn Kilometer nach Süden aus. Sie liefert nicht einen Fluchtgrund. Sie liefert Dutzende: Gesetzlosigkeit und Extremismus, Unterdrückung und Unterentwicklung, Hunger und Seuchen, Dürre, Klimawandel und Krieg. Im Grunde gibt es so viele Fluchtgründe, wie es Flüchtlinge gibt.

"Hier will niemand bleiben"

Ziel des UN-Fluges ist Breidjing. Ein unüberschaubares Lehmhüttenlabyrinth, von Zeltplanen überzogen. Oft sind noch die Namen der Spender darauf zu lesen: "US Aid, From the American People", Oxfam, UNHCR. Womöglich wurden die Planen auch schon über andere humanitäre Krisenherde in der Sahelzone gespannt. 

44.541 registrierte Flüchtlinge aus dem Sudan hausen in diesem Camp. Die meisten von ihnen werden seit Jahren von der EU und den Vereinten Nationen am Leben gehalten. "Alles, was wir hier an Hilfe rein pumpen, kommt von außen", sagt UN-Mitarbeiter Ante Galic. "Das ganze Budget wird von den Europäern und den UN getragen. Es gibt innerhalb des Landes keinen operationellen Partner, mit dem wir zusammenarbeiten könnten. Die Präsenz des Staates geht gegen Null. Nein, sie ist Null. Hier will niemand bleiben."

Fluchtursachen bekämpfen, Bleibeperspektiven schaffen

Europas Politiker stehen massiv unter Druck. Sie haben schon so viele Reden gehalten, in denen sie aufzeigen wollten, wie das Migrationsproblem gelöst werden könnte; Fluchtursachen bekämpfen, Bleibeperspektiven schaffen. Nachhaltig, langfristig. Dafür hat die Europäische Union von 2017 bis 2021 allein für den Tschad eine Milliarde Euro bereitgestellt.

Natürlich sind sich Angela Merkel, Emanuel Macron und all die anderen europäischen Geldgeber darüber im Klaren, mit wem sie es in den Sahelstaaten zu tun haben: Mit korrupten, skrupellosen, machtbesessenen Autokraten. Idriss Déby im Tschad. Omar Hassan al Bashir im Sudan. Aber sie wissen auch, was es hieße, wenn deren Länder vollends ins Chaos stürzten: Noch mehr Flüchtlinge, noch mehr Migranten, die nach Europa wollen.

Flüchtling aus Darfur, Imad Hamd Adam | Bildquelle: Martin Durm
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Imad Hamd Adam berichtet von brandschatzenden Milizen und ihrer Hoffnung, doch noch nach Europa zu gelangen.

Flucht vor Reitermilizen

In einer Baracke stehen drei Plastikstühle. Es gibt ein paar Fenster, vier kahle Wände. Eine eingeschüchterte Frau wird hereingebracht. Sie trägt ein gelbrotes Gewand und ein Baby im Arm. Imad Hamd Adam kommt aus Terbeba, einer Kleinstadt in Darfur. Schwer bewaffnete Reitermilizen, die Dschandschawid, brandschatzen seit 2003 im Auftrag des sudanesischen Islamisten-Regimes die Region, um den afrikanisch geprägten Westsudan zu arabisieren. Als die Milizen über Terbeba herfielen, hat Imad ein paar Sachen zusammengerafft, eine Decke, einen Kochtopf. "Dann bin ich losgerannt, westwärts durch den Busch, bis zur tschadischen Grenze am Wadi Hadja." Dort sei sie dann von den Milizionären eingeholt worden. "Die Dschandschawid nahmen sich, was sie in die Hände bekamen, alles wurde zerschlagen und zerfetzt. Auch unsere Kleider", sagt Imad. Dann sagt sie nichts mehr.

Mindestens 300.000 Menschen sind in Darfur ums Leben gekommen, 400.000 flüchteten in den Tschad. Sudans Machthaber Omar al-Bashir wurde wegen der Massaker in Darfur vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auf die Liste der Kriegsverbrecher gesetzt. Doch statt ihn zu ächten, kooperieren die Europäer inzwischen mit dem sudanesischen Potentaten. Mehr als 200 Millionen Euro überwies die EU seit 2015 für sogenannte "Migrationsbewältigung" an den Sudan, um Transitrouten zu blockieren und Grenzen zu kontrollieren.

Europa - Helfer für Flüchtlinge und Machthaber

Europas Migrationspolitik droht an ihren Widersprüchen zu scheitern. Einerseits investiert die EU Millionenbeträge, um in afrikanischen Flüchtlingslagern Hunderttausende vor dem Hungertod zu bewahren. Andererseits paktiert sie mit Potentaten, die für Flüchtlingselend und Kriege verantwortlich sind.  Im Sudan und im Tschad, im Niger und in Mali werden Polizeien und Armeen mit europäischen Mitteln ausgebildet und aufgerüstet. Waren die lokalen Sicherheitskräfte bislang dafür abgerichtet, die eigene Bevölkerung zu schikanieren, so wachsen ihnen nun weitere Aufgaben zu: Migranten abweisen, Schlepperorganisationen bekämpfen.   

Das Kind in den Armen der Flüchtlingsfrau fängt an zu quengeln. Es will gestillt werden. Draußen vor der Baracke werden jetzt um die Mittagszeit die Lebensmittelrationen des UN-Flüchtlingshilfswerks verteilt. Öl und Sorghumhirse und Milchpulver für die Kleinkinder. Imad Hamd Adam steht auf und sagt leise aber bestimmt, sie wolle hier weg. Wohin, zurück nach Darfur? "Nein", sagt sie, "nach Europa".                             

Über dieses Thema berichteten am 18. November 2018 die tagesschau um 20:00 Uhr und die tagesthemen um 22:50 Uhr.

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