Flüchtlinge in Gran Canaria | REUTERS

Migrationskrise auf den Kanaren Die Furcht vor einem "zweiten Moria"

Stand: 01.02.2021 04:30 Uhr

Die Kanaren haben sich zum Migrations-Hotspot entwickelt. Rund 23.000 Menschen kamen allein im vergangenen Jahr. Viele von ihnen warten in Hotels. Denn die Unterkünfte werden nicht fertig.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Das Waikiki ist weiterhin eines der Hotels mit besonderen Gästen auf Gran Canaria. Seit zweieinhalb Monaten wohnen Migranten in dem Drei-Sterne-Haus in Playa del Inglés, der Touristenhochburg im Süden der Insel. Wegen der Urlauberflaute sind nun junge Männer aus dem Senegal, aus Mali oder auch Marokko auf den Straßen und am Strand unterwegs.

Oliver Neuroth ARD-Studio Madrid

Für Tom Smulders ist klar: Die Migranten müssen in andere Quartiere umziehen. Der Niederländer ist Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes FEHT: "Wir sind nicht bereit, dass unsere touristischen Anlagen ein Dauerort werden für diese Leute. Und deswegen haben wir den spanischen Behörden ein Ultimatum mit Mitte Februar gestellt. Dann müssen die Leute, die jetzt noch in touristischen Anlagen sind, in offizielle Unterkünfte der spanischen und europäischen Behörden umziehen."

 Unterkünfte nicht fertig

Zwischenzeitlich waren rund 8000 Migranten in Hotels auf Gran Canaria untergebracht. Die Kosten hat der spanische Staat übernommen. Ein gutes Geschäft für einige Hoteliers, mit dem sie die Corona-Krise immerhin ein Stück weit durchstehen konnten.

Doch die ausgehandelten Preise hätten deutlich unter den normalen Zimmertarifen gelegen, sagt Tom Smulders. Geplant war, dass die Afrikaner schon Ende Dezember umquartiert werden. Zu diesem Zeitpunkt waren die neuen Unterkünfte noch nicht fertig. Eine davon ist die Zeltstadt "Canarias 50" auf einem Militärgelände in der Inselhauptstadt Las Palmas. Inzwischen leben rund 450 Migranten dort, ausgebaut werden soll sie auf 1300 Plätze.

Flüchtlinge in Gran Canaria | REUTERS

Flüchtlinge auf Gran Canaria. Bild: REUTERS

Gewaltandrohungen und Prügelattacken

Doch das Projekt steht in der Kritik. Die Siedlung liegt im Viertel La Isleta, das als sozialer Brennpunkt gilt. In den vergangenen Wochen gab es einzelne Übergriffe zwischen Einheimischen und Migranten: Steine und Gummigeschosse flogen auf das Gelände von "Canarias 50", Migranten berichten von Gewaltandrohungen und Prügelattacken.

Arcadio Diaz Tejera ist Richter in Las Palmas: "Die Ärmsten haben in den Zuwanderern einen Sündenbock gefunden für all ihre aufgestaute Wut. Sei es Arbeitslosigkeit, die wirtschaftliche Lage wegen der Pandemie, die Angst vor der Zukunft und so weiter", sagt sie

Chema Santana hatte schon befürchtet, dass es soweit kommen würde. Er engagiert sich bei der halbstaatlichen Flüchtlingsorganisation CEAR. La Isleta sei den Behörden seit Jahren als Problemviertel bekannt; man haben das Migrantenquartier dorthin gebaut, weil das Grundstück in staatlichem Besitz sei, so Chema.

"Wir erleben Momente großer Frustration und Angst. Sowohl bei den Migranten als auch bei uns, den Flüchtlingshelfern", sagt er. "Denn die spanische Regierung weigert sich, die Afrikaner aufs Festland zu bringen. Wir sind an einem Wendepunkt. Die Kanaren entwickeln sich zu einem Gefängnis."

 "Sie verwandeln die Kanaren in einen Käfig"

Chema nennt die Lage im griechischen Flüchtlingslager Moria als Negativbeispiel, wo zeitweise rund 15.000 Menschen unter prekären Umständen untergebracht waren. Europa wolle die Migranten damit abschrecken, ihnen zeigen, was passiere, wenn sie kämen. Und die Kanaren sind nach Chemas Worten nicht weit davon entfernt, ein zweites Moria zu werden.

Richter Diaz Tejera fordert sogenannten "humanitäre Korridore": Andere Länder in Europa müssten sich verpflichten, Migranten direkt aus ihren Heimatländern aufzunehmen, ihnen vor Ort schon Visa geben, sodass sie gar nicht erst den gefährlichen Weg über das Meer nehmen. Und den Atlantik in einem riesigen Friedhof verwandeln.

Im vergangenen Jahr sind mehr als 1800 Migranten im Meer ums Leben gekommen. Die Europäische Union vergesse gerade, dass sie die Union der Integration sei, so der Jurist. Stattdessen verwandele sie die Kanaren in einen Käfig. Die Regierung möchte die Menschen nun auf verschiedene Inseln verteilen. Auf Teneriffa sind zwei Camps mit insgesamt mehr als 3000 Plätzen fertiggestellt. Offenbar sind sie für einen Großteil der Migranten gedacht, die zurzeit noch im Waikiki und anderen Hotels auf Gran Canaria untergebracht wird. Der Umzug soll schon in dieser Woche beginnen. Fraglich bleibt, ob bis Mitte Februar wirklich alle Hotelzimmer geräumt sind.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Februar 2021 um 05:45 Uhr.