Am Horizont steigen Rauchschwaden von einem Waldbrand in der radioaktiv belasteten Sperrzone um das Kernkraftwerk Tschernobyl auf, Archivbild von 12. April 2020 | dpa

Waldbrand bei Tschernobyl Feuer laut Behörden gelöscht

Stand: 14.04.2020 16:44 Uhr

Der Katastrophenschutz der Ukraine meldet, die Brände rund um die Atomruine in Tschernobyl seien gelöscht. Doch die Bevölkerung bleibt misstrauisch. Sie fühlt sich an die Zeit der Katastrophe 1986 erinnert.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Jaroslaw Jemeljanenko steht vor dem Kontrollposten. Dahinter beginnt die Sperrzone von Tschernobyl. Normalerweise führt er Touristen hier durch. Heute aber beschäftigt ihn ein ganz anderes Thema: "Auf dem Territorium der Sperrzone Tschernobyl hat es in der Nacht geregnet. Die Pfützen sind ziemlich groß und das freut mich sehr." Es gebe noch keine neuen Informationen von den Feuerwehrleuten, die die Zone umflögen und die aktuellen Brände in der Sperrzone feststellten. Er hoffe sehr, dass es nichts mehr zu löschen gebe.

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

Feuer vermutlich durch Brandstiftung entfacht

Es ist die erste greifbare Hoffnung seit 10 Tagen. So lange schon tobten die Feuer in der Sperrzone von Tschernobyl. Mutmaßlicher Auslöser: Brandstiftung. Die Behörden betonten zwar immer wieder, dass alles unter Kontrolle, zwischendurch sogar weitestgehend eingedämmt sei. Doch ein Video von Jemeljanenko, das gestern durch die sozialen Netzwerke ging, rüttelte heftig an dem von den Behörden vermittelten Bild.

Flammen kurz vor der Stadt Prypjat

"Das Feuer ist schon bei der Station Janiw angelangt, wo Feuerwehrleute im Einsatz sind und verhindern, dass sich die Brände ausbreiten", sagt Jemeljanenko. "Wegen der Moore könnten sie die Stadt Prypjat schnell erreichen. Freunde, Prypjat. Wenn man schon jetzt die Feuer auf dem Feld nicht löschen kann, wie wird man dann einen Brand in der Stadt Prypjat löschen können? Schauen sie sich diese Bilder an."

Von dem Dach eines Hochhauses schwenkt die Kamera über die heutige Geisterstadt Prypjat. Im Hintergrund: dicke, rötliche Rauchschwaden. Ebenfalls in Sichtweite: das vor 34 Jahren havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl.

Noch am frühen Abend meldete sich der Direktor der zuständigen Abteilung des staatlichen Katastrophendienstes zu Wort.

 Ein unbewohntes Haus ist bei einem Waldbrand in der radioaktiv belasteten Sperrzone um das Kernkraftwerk Tschernobyl niedergebrannt, Archivbild von 5. April 2020 | dpa

Bild: dpa

Offiziell besteht keine Gefahr

Momentan bestehe keine Gefahr für das Atomkraftwerk Tschernobyl, für die Speicher der abgebauten Kernbrennstoffe und andere kritische Objekte in der Sperrzone. Insgesamt entspreche die radioaktive Grundstrahlung in der Stadt Kiew, in der Region Kiew und in der Sperrzone den Normen.

Schon in den Tagen zuvor hieß es auch von Expertenseite, dass der Rauch, der sich in Richtung der Hauptstadt Kiew ausbreite, keine gefährliche Konzentration an radioaktivem Caesium-137 enthalte.

Menschen bleiben misstrauisch

Doch ein gewisses Misstrauen in der Gesellschaft bleibt. Viele fühlen sich an die Atomkatastrophe von Tschernobyl selbst erinnert, als die damalige Sowjetführung versucht hatte, alles möglichst lange geheim zu halten. Um diesen Ängsten entgegen zu wirken, äußerte sich auch Präsident Selenskyj in einem Statement auf Facebook. Die Gesellschaft werde die Wahrheit erfahren, versicherte er und kündigte ein persönliches Treffen mit dem Chef der Katastrophenschutzbehörde an.

1,5 Millionen Euro für Löscharbeiten

Am Morgen meldete der Katastrophendienst, dass es keine offenen Feuer in der Sperrzone mehr gebe. Mehr als 400 Feuerwehrleute waren bisher im Einsatz, um die Feuer zu löschen, mehr als 20.000 Hektar sollen von den Bränden betroffen sein. Die ukrainische Regierung hat umgerechnet etwa 1,5 Millionen Euro für die Löscharbeiten bereitgestellt. Außerdem hat das Parlament gestern die anfangs sehr laxen Geldstrafen für Brandstiftung erheblich erhöht – zudem drohen, je nach Schwere der Tat, nun auch Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. April 2020 um 16:00 Uhr.