Fernsehsprechstunde mit Wladimir Putin Lada, Terror und Friedrich der Große

Stand: 03.12.2009 16:44 Uhr

In einer vierstündigen Live-Sendung hat sich der russische Ministerpräsident Putin den Fragen seiner Bürger gestellt. Im Mittelpunkt stand der Kurs in der Wirtschaftskrise. Eine erneute Präsidentschaftskandidatur 2012 ließ Putin offen - und zitierte Friedrich den Großen.

Von Esther Hartbrich, ARD-Hörfunkstudio Moskau

Nach dem Anschlag auf einen Zug am vergangenen Freitag war Terrorismus das erste Thema der Fernsehsprechstunde. Darauf vom Moderator des staatlichen Fernsehkanals Rossia angesprochen sagte der russische Regierungschef Wladimir Putin: "Wir haben viel getan, um den Terrorismus zu bekämpfen. Aber die Gefahr ist nicht beseitigt. Wir müssen wirksam dagegen vorgehen. Die ganze Gesellschaft - ich betone, jeder von uns - muss sich der Gefahr bewusst sein. Wir müssen wachsam sein und vorbeugende Maßnahmen ergreifen."

Zwei Millionen Fragen an den Ministerpräsidenten

Wladimir Putin
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Rund vier Stunden lang beantwortete Putin die Fragen seiner Bürger.

Mehr als zwei Millionen Fragen kamen per SMS, E-Mail und Telefon. Dazu gab es Live-Schaltungen in verschiedene Orte und Fabriken Russlands. Zum Beispiel nach Pikalowo, in der Nähe von St. Petersburg. Dort sorgte Putin im Sommer mit einem Machtwort dafür, dass die stillgelegten Zementwerke weiter arbeiteten. Ein Mitarbeiter meinte nun, noch sei nicht alles in Ordnung, da langfristige Verträge mit den Rohstofflieferanten fehlten. Und fragte Putin, ob er nicht noch einmal vorbeikommen könne. Dieser antwortete staatstragend: "Wenn die Lage danach verlangt, komme ich zu Ihnen, überall in der russischen Föderation. Das ist meine Pflicht. Aber ich glaube, das ist jetzt nicht notwendig. Nach meinen Informationen wird bald ein solcher Vertrag abgeschlossen."

Putin beruhigt - und wird gelobt

Kein Wunder, dass sich angesichts der Wirtschaftskrise die meisten Fragen um die weitere Entwicklung, um Arbeitsplatzsicherheit und soziale Fragen drehten. Putin, in blauem Anzug mit weinroter, klein-gepunkteter Krawatte, versprach, sich weiterhin um die Lada-Autowerke in Togliatti und die Probleme in anderen Städten, die von einem großen Betrieb abhängen, zu kümmern. Er beruhigte, kündigte Verbesserungen an und demonstrierte Souveränität.

Lob bekam er zwischendurch für das, was er bereits getan hat. Galina Tschurikowa von der Raketenbaufirma Hrunitschew: "Als Sie unser Werk besucht haben, habe ich Sie gefragt: Warum bekommen die Menschen gleich viel Rente, egal ob sie zehn oder 50 Jahre gearbeitet haben? Trotz aller wirtschaftlichen Probleme haben Sie Mittel gefunden, unsere Rente zu erhöhen." Alle, die schon vor 1991 berufstätig waren, bekämen zehn Prozent mehr und pro Jahr ein Prozent mehr. Bei ihr seien das 47 Prozent zusätzlich. "Natürlich sind wir Ihnen sehr dankbar dafür."

Nur wenige ungefilterte Fragen

Auch wenn man den Eindruck haben musste, dass die meisten Fragesteller ausgesucht und nur wenige Frage ungefiltert waren, gab es trotzdem sehr kritische Themen. Wie zum Beispiel das marode Krankenversicherungswesen. Das müsse neu organisiert werden, meinte der Regierungschef. Warum er die ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko im Präsidentschaftswahlkampf unterstütze, wurde er gefragt. Er stritt dies ab. Seine eigene Kandidatur bei den russischen Präsidentschaftswahlen 2012 schloss Putin erneut nicht aus. Das Gerichtsverfahren gegen den Regierungskritiker und ehemaligen Ölmilliardär Michail Chodorkowski werde nach russischem Recht und Gesetz durchgeführt, sagte Putin auf eine Frage nach dem bekanntesten russischen Häftling.

In einem Geschäft wird die Fernsehsendung mit Wladimir Putin übertragen.
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Putin auf allen Kanälen - in einem Geschäft wird die Live-Sendung übertragen.

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Nach seinem Auftritt erfüllte Putin Autogrammwünsche des Publikums.

"Ich mag einfach Tiere"

Der Verfasser einer Mail meinte: Wenn Putin auf Fotos mit Tigern, Leoparden oder Walen zu sehen sei, sehe er glücklicher aus als im Kreis seiner Minister. Auch darauf hatte Putin eine charmante Antwort: "Ich glaube, es war der preußische König Friedrich der Große, der das gesagt hat: Je mehr Erfahrungen ich mit Menschen mache, desto mehr mag ich meine Hunde. Aber das hat nichts mit den Beziehungen zu Ministern, mit meinen Freunden und Kollegen zu tun. Ich mag einfach Tiere."

Unterhaltsamer als die Rede an die Nation

Auf zwei staatlichen Fernsehkanälen und auf zwei Radiosendern wurde die vierstündige Veranstaltung live übertragen. Die Fragestunde mit dem Regierungschef interessiert laut Meinungsforschungsinstitut Levada die Öffentlichkeit mehr als die alljährliche Rede des russischen Präsidenten Medwedjew an die Nation. Kein Wunder. Putin demonstriert Bürgernähe. Und seine Veranstaltung ist wesentlich unterhaltsamer.

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