Interview

Interview zu den Unruhen in Ferguson Männlich, schwarz, verdächtig

Stand: 20.08.2014 16:18 Uhr

Seit dem Tod des 18-jährigen Michael Brown diskutieren die USA wieder über Rassismus und die Lage der schwarzen Bevölkerung. Der US-Experte Norbert Finzsch sagt im Interview mit tagesschau.de: Die Wurzeln der Diskriminierung der Schwarzen reichen weit zurück.

tagesschau.de: Wie erklären Sie sich die anhaltende Empörung vor allem der schwarzen Bevölkerung in Ferguson? Was bricht da auf?

Norbert Finzsch: Man kann da weit ausholen. Missouri ist ein Sklavenstaat gewesen, der während des Bürgerkriegs zwar neutral war, in dem es aber  trotzdem Sklaverei gab. Die ökonomischen, politischen und kulturellen Strukturen der Sklaverei sind nie wirklich beseitigt worden. Es wurde zwar ein System der Lohnarbeit eingeführt, aber die Dominanz der weißen Bevölkerung ist in Missouri seit 1865 ungebrochen.

Es gibt eine Form von Polizeigewalt und "racial screening", die davon ausgeht, dass junge schwarze Männer grundsätzlich ein Gefahrenpotential darstellen. Das reicht von der Figur des schwarzen Vergewaltigers bis zur Figur des schwarzen Kriminellen. Schwarze junge Männer stehen unter dem Generalverdacht, kriminell und gewalttätig zu sein, obwohl es dafür empirisch keinen Beweis gibt.

In Ferguson hat zudem eine rein weiße Polizeitruppe agiert, die seit vielen Jahren in der Bevölkerung einen schlechten Ruf hat. Ein weiterer Faktor ist der Fall Trayvon Martin. Hier wurde ebenfalls ein schwarzer junger Mann von einem weißen Mann erschossen, anschließend wurde das als Selbstverteidigung dargestellt. Der Schütze wurde dann vom Vorwurf des Mordes freigesprochen.

alt Norbert Finzsch

Zur Person

Norbert Finzsch ist emeritierter Professor der Geschichte und lehrte bis 2016 an der Universität Köln. Er hat zahlreiche Bücher zur Geschichte der USA publiziert und war mehrfach Fellow an der Universität Berkeley. Zuletzt erschienen von ihm 2012 "Religion und Politik in den Vereinigten Staaten von Amerika: 1760 bis 2011" und der Sammelband "Queer, Gender, Historiographie: Aktuelle Tendenzen und Projekte".

tagesschau.de: Die schwarze Bevölkerung erlebt also, dass die Polizei ihnen voreingenommen, wenn nicht gar feindselig gegenübertritt.

Finzsch: Das beginnt damit, dass schwarze Autofahrer angehalten werden und die Polizei nach einem Vorwand sucht, um das Auto zu durchsuchen. Bei dem geringsten Verdacht muss der Fahrer auf die Straße, alle möglichen Tests über sich ergehen lassen. Und wenn es dann zu einer verbalen Auseinandersetzung kommt, glaubt die Polizei schnell, dass sie berechtigt ist, gewaltsam gegen die Person vorzugehen. Das ist schon eine Form von Schikanierung.

Sie dürfen nicht vergessen, dass die Polizei - anders als in Deutschland - eine kommunale Behörde ist. Die Sheriffs werden direkt gewählt. In der Regel drückt die Polizei das politische Bewusstsein der politischen Mehrheit eines Ortes aus. Sie ist also nicht eine Form der Exekutive, die vom Staat kontrolliert wird.

tagesschau.de: Wenn man um die Probleme vor Ort weiß, wieso wird dann die Polizei nicht anders strukturiert?

Finzsch: Es gibt Polizeitruppen, die aus allen Teilen der Bevölkerung zusammengesetzt sind, aber immer erst nach großen Skandalen. Ich erinnere an Los Angeles in den 1990er-Jahren. Damals hat es massive Übergriffe seitens der Polizei gegeben, eine Untersuchungskommission hat gezeigt, wie rassistisch geprägt die Polizei war. Dann hat man angefangen, im Zuge von Wahlen die Polizei neu aufzustellen. Heute haben sie in Los Angeles eine sehr gemischte Polizeitruppe. In Missouri ist die Mehrheit der Wahlbevölkerung weiß, und das sorgt dafür, dass der Sheriff seine Deputies entsprechend aussucht. Der Umstand, dass der Ku-Klux-Klan angefangen hat, für die Verteidigung des Schützen von Ferguson Gelder zu sammeln, spricht Bände.

tagesschau.de: Es gibt ja auch Kritik an dem martialischen Auftreten der Polizei, die mit schwerem Gerät angerückt ist. Sagt das auch etwas über den Umgang mit solchen Konflikten aus?

Finzsch: Das sagt etwas aus, aber die Diskussion ist müßig. Wenn sich jeder Privatmann sein Schnellfeuergewehr über den Versandhandel bestellen kann, warum sollte die Polizei dann schlechter bewaffnet sein? So würden die Befürworter eines solchen Vorgehens argumentieren.

tagesschau.de: Andererseits kann eine übermäßige Demonstration von Staatsgewalt einen Konflikt unnötig anheizen.

Finzsch: So kann man argumentieren. Man kann aber auch sagen, dass die Reaktion auf die Polizeigewalt überfällig ist - mich wundert, dass das so lange gedauert hat. Früher gab es Organisationen wie die Black Panther und andere Bürgerrechtsgruppen, die in den 1960er- und 1970er-Jahren gezielt gegen Polizeigewalt vorgegangen sind. Solche Kräfte fehlen heute. Deshalb wird es schwierig sein, die Empörung der schwarzen Bevölkerung in politische Kanäle zu lenken. Es wäre wünschenswert, wenn es eine politische Kraft gäbe, die in der Lage wäre, die Kritik an der Polizei politisch zu formulieren und nicht in Form von ohnmächtigen Protesten, die, wenn sie eskalieren, schnell unterdrückt werden können.

"Die Hoffnung auf Obama war naiv"

tagesschau.de: Viele Amerikaner haben gehofft, mit Barack Obama als Präsident werden sich die Lebensverhältnisse der schwarzen Bevölkerung ändern. Diese Hoffnung ist offenbar enttäuscht worden.

Finzsch: Ganz offensichtlich, aber diese Hoffnung war auch naiv. Was soll ein Präsident an den Lebensverhältnissen von 13 Prozent der amerikanischen Bevölkerung ändern? Gesetze werden im Kongress gemacht. Viele der Gesetze, die die Lebensverhältnisse ändern könnten, werden in den Bundesstaaten oder den Kommunen gemacht. Der Präsident kann wenig machen, und wie begrenzt seine Macht ist, erleben wir immer wieder. Die Erwartungen an ihn sind überzogen.

tagesschau.de: Sie haben auf die unterschwellig fortdauernden Strukturen der Sklaverei hingewiesen. In welchen Lebensbereichen erlebt sich die schwarze Bevölkerung als randständig?

Finzsch: Seit den Bürgerrechtsgesetzen von 1965 ist auf der Ebene der formalen Gleichheit einiges geschehen. Formal sind Schwarze gleichgestellt, sie haben das Wahlrecht wieder bekommen, das sie im 19. Jahrhundert verloren hatten. Die Diskriminierung verläuft heute entlang ökonomischer Linien. Das meint die getrennten Lebensverhältnisse in den Städten und Vorstädten, die Segregation der schwarzen Bevölkerung. Das meint die schlechteren Schulverhältnisse, die geringeren Einkommensquoten. Bei keiner Minderheit ist das Nettoeinkommen in den vergangenen 30 Jahren so langsam gestiegen wie bei den Afro-Amerikanern. Es gibt kulturelle Faktoren. Was traue ich jemandem zu? Wie fördere ich jemanden in der Schule. Welche Lebensperspektive biete ich jungen Menschen, die aus der schwarzen Bevölkerung kommen? Aus diesen Faktoren, die  heute tagtäglich Rassismus und Diskriminierung ausmachen.

Obdachloser in den USA
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Auch unter Präsident Obama gilt in den USA: Das Gesicht der Armut ist jung - und schwarz.

Förderprogramme wurden abgeschafft

tagesschau.de: Es gibt eine Fülle von Programmen zu Förderung von Minderheiten - greifen die nicht?

Finzsch: Viele der gut gemeinten Reformabsätze aus der Zeit der Präsidenten Kennedy und Johnson sind längst wieder abgeschafft worden - vor allem im Zuge der Reagan-Revolution und der nachfolgenden konservativen Regierungen. Von gleichen Chancen („equal opportunity“) etwa im Bereich der Hochschulen ist man längst abgekommen.

tagesschau.de: Ein Demonstrant in Ferguson sprach von "Zuständen wie in der Dritten Welt". Wie verstehen Sie diesen Satz?

Finzsch: Das beziehe ich auf die Lebensverhältnisse - den Zustand der Wohnungen, die Höhe der Mieten, auf die Versorgung mit lebensnotwendigen Dingen wie frisches Wasser und auch auf die Krankenversorgung. Selbst Obamas Gesundheitsreform hat an den Mängeln nichts geändert. Es gibt immer noch eine große Anzahl von Menschen, die keine funktionierende Gesundheitsversorgung haben und darauf angewiesen sind, dass Krankenhäuser sie kostenlos behandeln. Wo so eine Struktur fehlt, krepieren diese Leute.

tagesschau.de: Wenn es keine Gruppe oder Organisation gibt, die die Empörung in den politischen Prozess überträgt, müssen wir dann in absehbarere Zeit mit einer Wiederholung solcher Ausschreitungen rechnen?

Finzsch: Das müssen wir annehmen.

Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de

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