Blick auf das Erstaufnahmelager Fylakio in der Nähe von Orestiada. | Bildquelle: dpa

Flüchtlinge in Griechenland Mehr Lager, mehr Frontex

Stand: 29.06.2018 20:19 Uhr

Die EU will Europas Außengrenzen schließen. Am Grenzfluss Evros in Griechenland zeigt sich, wie schwierig das werden kann - selbst mit viel Geld und noch mehr Frontex-Mitarbeitern.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

Es sind vor allem zwei Signale, die bisher in Griechenland vom EU-Gipfeltreffen ankamen. Zum einen soll es mehr Geld und damit auch mehr Personal für die Grenzschutzagentur Frontex geben.

Zum anderen denken die Regierungschefs über weitere, eventuell größere Aufnahmelager für Flüchtlinge nach - auch in Griechenland. Frontex ist seit Langem schon in der Ägäis mit Booten und Grenzschützern unterwegs, die rund um die Uhr die Seegrenze Griechenlands zur Türkei möglichst lückenlos beobachten sollen.

Allerdings: Über den Grenzfluss Evros im Nordosten des Landes kamen im April plötzlich 4.000 neue Flüchtlinge. Der Vizebürgermeister von Orestiada ist entsprechend ratlos: "Wir haben ein Riesenproblem", sagt er. "Frontex war mit einem kleinen Kontingent hier. Jetzt ist von ihnen nichts mehr zu sehen."

Und da in den Sommermonaten der Fluss weniger Wasser führt, kommen mehr Leute über den Fluss. "Griechenland ist das erste Land in Europa, das sie erreichen können", sagt er. "So müssen wir sie empfangen." Die meisten seien im Moment aus Syrien, dem Iran, Irak und Pakistan."

Migranten in der Grenzregion Orestiada | Bildquelle: ORESTIS PANAGIOTOU/EPA-EFE/REX/S
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Migranten in der Grenzregion Orestiada: Immer mehr überqueren wieder den Evros-Fluss.

Frontex ohne Macht

Zwei Stunden lang etwa dauert eine Autofahrt am Grenzfluss Evros von Alexandroupolis am Meer bis hoch in den äußersten Nordosten Griechenlands. Der Blick hinüber in die Türkei zeigt - hier bräuchte es Unmengen von Frontex-Personal, um auch nur einigermaßen lückenlos kontrollieren zu können. Und auch dort, wo jede Nacht Frontex-Boote zur Abschreckung unterwegs sind, wie vor der südöstlichsten Insel Griechenland, Kastellorizo, sehen die Bewohner, dass es viele Flüchtlinge trotzdem immer wieder schaffen, von der Türkei übers Meer zu flüchten.

"Wenn Frontex die Leute im Wasser auffischt, könnten sie sie gleich wieder zurück in die Türkei schicken", sagt eine Bewohnerin. "Aber sie bringen sie hierher." Frontex sei machtlos. "Frontex kann gar nichts ausrichten."

Überfüllte Aufnahmelager

13.120 Migranten haben die griechischen Behörden seit Jahresbeginn als Neuankünfte auf den griechischen Inseln gezählt - das hat in den Registrierzentren, etwa im überfüllten Aufnahmelager Moria, für nochmal mehr Druck und auch Unfrieden gesorgt.

Ioannis, ein Tavernenwirt am Hafen von Kastellorizo, sagt: Solange Schmuggler in der Türkei so viel Geld verdienten wie im Moment, brauche sich Europa nicht wundern, dass der Flüchtlingszustrom zu hoch bleibt.

Flüchtlinge im Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos, Archivbild | Bildquelle: dpa
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Warten - ohne Hoffnung: Viele Flüchtlinge in Griechenland warten darauf, dass es für sie weitergeht und sie Lager wie das Camp Moria verlassen können.

Tote Flüchtlinge

"Ich habe hier vor meiner Taverne schon viele tote Flüchtlinge gesehen", sagt er. Letztes Jahr sah er ein zweijähriges Kind, das ein Offizier von der Küstenwache über der Schulter trug, erinnert er sich. "Der Offizier und ich mussten weinen, als wir merkten, es ist wirklich tot."

Anschließend hätten sie den Menschenschmuggler vom Boot in Plastik-Handschellen geholt. Der Wirt beschreibt, wie er selbst den Schleuser verprügeln wollte - ihn der Küstenwache-Offizier aber davon abhielt.

Die Bewohner auf den griechischen Inseln, die solche Szenen immer wieder miterleben, haben wenig Verständnis dafür, dass Flüchtlinge so lange in Registrierzentren und völlig überfüllten Flüchtlingscamps nur schlecht versorgt werden.

Mehr Mithilfe gewünscht

Die Gespräche in Brüssel zwischen der deutschen Kanzlerin, dem griechischen und dem spanischen Regierungschef müssen aus Sicht des UNHCR-Verantwortlichen für Griechenland, Boris Cheshirkov, mehr Ergebnisse bringen als nur die Absicht, neue, größere Lager zu bauen.

"Orte wie Moria sind als Registrierzentren geschaffen worden, wo Flüchtlinge möglichst schnell erfasst werden. Aber sie sind Flüchtlingsherbergen geworden," sagt er. "Und zusätzlich haben wir im Sommer viel mehr Neuankünfte." Viele Familien aus Syrien und dem Irak seien gekommen. Darunter besonders viele schutzbedürftige Menschen.

Mehr echte Mithilfe und weniger wohlfeile Absichtserklärungen - das wünscht er sich von Brüssel, sagt der Flüchtlingsexperte der Vereinten Nationen. Die Bewohner auf den griechischen Inseln - Flüchtlinge und Einheimische - werden ihm in der Mehrheit zustimmen.

Griechische Reaktionen auf EU-Gipfel
Michael Lehmann, ARD Istanbul
29.06.2018 19:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete rbb24 am 29. Juni 2018 um 07:25 Uhr.

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