Europaspiele in Baku

Europaspiele in Aserbaidschan Ein hoher Preis für ein wenig Glanz

Stand: 12.06.2015 00:15 Uhr

Wenn heute die ersten "Olympischen Spiele Europas" in Aserbaidschan beginnen, erwartet die Teilnehmer und Besucher ein Sportfest vor einer Hochglanzkulisse, das keine kritische Stimme stören soll. Die Menschen in der Ex-Sowjetrepublik zahlen dafür einen hohen Preis.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Drei Jahre ist es her, dass die aserbaidschanische Hauptstadt Baku im internationalen Rampenlicht erstrahlte. Damals war sie Gastgeberin des größten europäischen Musikspektaktels, des Eurovision Song Contest. Heute beginnen die Olympischen Spiele Europas. 6000 Teilnehmer aus 50 Ländern werden erwartet, darunter etwa 280 deutsche Athleten.

Schon damals gelang es der diktatorisch regierenden Führung Aserbaidschans um Präsident Ilham Alijew nicht ganz, das Image eines modernen muslimischen Staates mit europäischer und demokratischer Ausrichtung zu vermitteln.

Es gab "Störenfriede", die aus Sicht der Präsidialadministration das Ansehen ihres eigenen Staates beschädigen wollten. Die Prominentesten von ihnen, die damals in vielen westlichen Medien zitiert wurden, sitzen heute im Gefängnis oder müssen sich verstecken.

Die deutsche Mannschaft vor dem Abflug nach Baku am Frankfurter Flughafen

Die deutsche Mannschaft vor dem Abflug nach Baku am Frankfurter Flughafen.

Kritische Stimmen verstummen

Dazu zählen die 59-jährige Menschenrechtsaktivistin Leila Junus und ihr Mann Arif. Sie hatten über Zwangsräumungen von Wohnungen berichtet, die dem Bau von Veranstaltungsgebäuden im Wege standen. Beide leiden an Krankheiten, die sich im Gefängnis verschlimmert haben.

Chadija Ismailowa hatte als Journalistin korrupte Geschäfte der Präsidentenfamilie aufgedeckt. Der 30-jährige Anwalt Rasul Jafarow wollte 2012 mit Aktionen unter dem Motto "Sing for Democracy" auf die Einschränkung von Medien- und Meinungsfreiheit aufmerksam machen.

In Haft sitzen sie wegen angeblicher Steuervergehen, illegalen Unternehmertums, Veruntreuung und auch Landesverrats. Das norwegische Helsinki-Komitee zählt derzeit 80 Personen, die nach den Kriterien des Europarats als politische Gefangene einzustufen sind.

Eine Aktion "Sports for Democracy" zu den Europaspielen kam nur in Ansätzen zustande. "Es ist kaum noch jemand vor Ort, der Aktionen organisieren könnte", sagt der Journalist Idrak Abbasov. Er war 2012 schwer verprügelt worden, nachdem er über Zwangsumsiedlungen berichtet hatte. Heute lebt er in Norwegen. Abbasov verweist auf 40 Änderungen im NGO-Gesetz. Verboten sei zum Beispiel die Annahme ausländischer Gelder. Alle unabhängigen NGOs hätten ihre Bankkonten schließen müssen. Dies erinnert an die Gesetzgebung in Russland.

Europaspiele

Die Olympischen Spiele für den Kontinent Europa werden erstmals ausgetragen. Asienspiele zum Beispiel gibt es dagegen seit längerem. Aserbaidschan war der einzige Bewerber für die Spiele.
Es werden 6000 Athleten aus 50 Ländern erwartet, die während der 17 Tage dauernden Spiele in 20 Sportarten antreten. Attraktiv ist der Wettkampf für Sportarten wie Tischtennis, Triathlon und Schießen, weil die Athleten sich dort direkt für die Olympischen Spiele 2016 in Rio qualifizieren können.
Der Deutsche Olympische Sportbund geht von 280 deutschen Teilnehmern aus. Die Tischtennis-Spieler Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov wollen sich für Olympia 2016 qualifizieren. Die Leichtathletik-Wettbewerbe sind nur drittklassig besetzt. Es wurde Kritik laut, der Wettbewerb passe nicht in den bereits ausgefüllten Wettkampfkalender. Für die nächsten Europaspiele gibt es aber bereits 16 Anwärter.

Lage schlimmer als in Russland und Weißrussland

Tatsächlich habe die aserbaidschanische Führung das russische Gesetz kopiert, sagt auch Shahla Ismayil, die noch als Menschenrechtsanwältin und Chefin einer Frauenorganisation in Baku tätig ist. Doch Aserbaidschan sei in einiger Hinsicht deutlich restriktiver als Russland, so Ismayil. Zur gängigen Praxis gehören Einreiseverbotslisten für ausländische Politiker, Journalisten und Aktivisten nicht nur aus Westeuropa und den USA.

Die Lage in Aserbaidschan sei inzwischen sogar schlimmer als in Weißrussland, das hätten ihr Kollegen aus Minsk bestätigt, so Ismayil. Was die Anwältin verärgert: Es habe bislang nur wenige kritische Stimmen aus Westeuropa und den USA gegeben. Viele zeigten sich blind und taub für die Lage der Menschen. Denn Aserbaidschan spielt eine neue Rolle als Öl-und Gaslieferant. Dies umso mehr, seit Alternativen für russische Lieferungen gesucht werden.

In der Folge tritt die aserbaidschanische Führung immer selbstgerechter auf, Mahnungen aus dem Ausland kontert sie rabiat. Im Dezember kritiserte sie die USA scharf. Vor wenigen Tagen warf sie die Vertretung der OSZE aus dem Land. "Die Weißrussen sind in einer besseren Lage, weil sie kein Öl haben", bilanziert Ismayil.

Schmeicheleien für Alijew

Junge, pro-europäisch ausgerichtete Leute in Aserbaidschan fühlen sich oft alleingelassen und sind enttäuscht.

Auch den Besuch einer deutschen Parlamentariergruppe bei Präsident Alijew kürzlich in Baku legten aserbaidschanische Medien und die Präsidialverwaltung zugunsten der Staatsführung aus. Sie zitierten die Leiterin der Delegation, die CDU-Politikerin Karin Strenz, mit den Worten, sie sei besorgt über "doppelte Standards" bei der Bewertung der Lage in Aserbaidschan.

Eben jene Worte verwendet auch Alijew, wenn er Kritik an seiner diktatorischen Politik zurückweisen will, indem er eine faire Bewertung im Vergleich zu anderen Staaten fordert. Alijew durfte sich zudem geschmeichelt fühlen, weil Strenz die Bedeutung der Europaspiele hervorhob und betonte, dass sich Deutschland auf die Wettbewerbe freue.

Das Heydar Alijew-Center in Baku im Abendlicht

Das Heydar Alijew-Center in Baku. Viele Bauten sehen zwar schön aus, haben aber erhebliche Baumängel.

Bevölkerung zahlt für das Prestige

Den Menschen in Aserbaidschan fordert jedoch die Gastfreundschaft viel ab. Seit einer Woche schon dürfen sie nicht mehr mit dem Auto in das Stadtzentrum, Hochzeiten und andere Feiern sind dort verboten.

Aserbaidschan kommt für die Unterkunft und einen Großteil der Reisekosten für die Sportler auf. Der Bau der Veranstaltungsstätten und Prestigebauten verschlang in den vergangenen Jahren bereits Milliarden. Immer wieder stellt sich heraus, dass sie mit billigem Material und unter Missachtung von Sicherheitsanforderungen errichtet wurden.

Die Anwältin Ismayil verweist auf Probleme mit einem sumpfigen Untergrund beim Olympiastadion, die nachträglich gelöst werden mussten. Zudem stehe einer der drei Flammentürme, ein weithin sichtbares Hochhausensemble über der Stadt, an einem unsicheren Abhang. Für 170 Millionen Euro müsse der Turm nun gegen ein Abrutschen gesichert werden.

Vor drei Wochen kamen 16 Menschen beim Brand eines Hochhauses ums Leben. Das Feuer hatte sich rasend schnell über eine leicht brennbare Fassadenverkleidung ausgebreitet. Solche billigen Fassaden zur Verschönerung der Innenstadt gebe es noch an 800 weiteren Gebäuden, so Ismayil.

Demokratie erst nach dem Öl

"Wir und unsere Kinder müssen mit den Fehlern umgehen, die die Führung mit den Einnahmen aus dem Öl gemacht hat. Demokratie kommt erst nach dem Öl", sagt die Anwältin. Viele Menschen freuten sich auf den Tag, an dem die natürlichen Ressourcen Aserbaidschans aufgebraucht seien. Denn gingen der Führung die Mittel aus, die ihr System am Leben erhielten.

Dieser Tag ist absehbar. Der Höhepunkt der Ölförderung wurde Experten zufolge 2010 erreicht, in 15 bis 20 Jahren wird es aufgebraucht sein. Infolge auch des Ölpreisverfalls musste die Zentralbank bereits die Landeswährung um 30 Prozent abwerten, eine weitere Abwertung wird befürchtet.

Schon jetzt bekommt die Führung um Präsident Alijew zu spüren, dass die Hoffnung auf einen Prestigegewinn durch die Austragung internationaler Großereignisse im besten Fall bedingt aufgeht. Die Aufmerksamkeit für das Leiden der Bevölkerung unter dem autoritären Regime nimmt zu - sogar aus der Sportwelt.

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KOMMENTARE

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Bernd39 12.06.2015 • 07:49 Uhr

Richtig getroffen!

"Viele zeigten sich blind und taub für die Lage der Menschen. Denn Aserbaidschan spielt eine neue Rolle als Öl-und Gaslieferant. Dies umso mehr, seit Alternativen für russische Lieferungen gesucht werden." Schon vor Wochen hatte ich auf die in Brüssel vorgestellte Karte mit den strategisch wichtigen Ölländern als "Russlandersatz" verwiesen. Leider hat diese strategische Allianz hierzulande niemand so richtig beachtet. Schon damals wurden, in der Wortwahl, aus Diktaturen strategische Partner.