Kämpfer in Tarnkleidung. | Daniel Hechler
Weltspiegel

Krieg in der Ukraine Kämpfer ohne Kampferfahrung

Stand: 12.06.2022 05:00 Uhr

Sie wollen für ihre Heimat kämpfen, auch wenn sie kaum Kampferfahrung haben: Ukrainische Zivilisten, die sich freiwillig zu Kampfverbänden zusammengeschlossen haben, lernen im Schnelldurchgang, mit Waffen umzugehen.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Messerwurf ist nicht gerade seine Stärke. Gut jeder zweite Wurf geht voll daneben, selbst aus geringer Distanz. Aber Sokil übt fleißig weiter. Sein Trainer Olexij Vidumenko gibt ihm Anweisungen, ermuntert, schmunzelt gelegentlich. Für Sokil ist es eine völlig neue Disziplin - eine von vielen, die der 20-Jährige seit Ende Februar lernen muss. Schießen fällt ihm mittlerweile schon viel leichter. Ebenso das Reinigen des Sturmgewehrs.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Sokil entschloss sich, Kämpfer zu werden - ohne jede Kampferfahrung. "Für mich waren diese Explosionen, diese Schüsse natürlich erst einmal furchteinflößend", erzählt er. "Aber trotz der Angst müssen wir unsere Pflicht tun."

So ticken die meisten im Camp. Es sind 28 Zivilisten aus dem Raum Kiew. Vor dem Krieg waren sie Lkw-Fahrer, IT-Spezialisten, Postbeamte zwischen 20 und 64 Jahren. Jetzt marschieren sie im Wald, liegen in Schützengräben, schießen auf Scheiben, um ihre Heimat verteidigen zu können, wenn es darauf ankommt.

Das erste Mal eine Waffe in der Hand

130.000 Ukrainer haben sich seit Kriegsbeginn zu solchen freiwilligen Kampfverbänden zusammengeschlossen. Als Ende Februar russische Truppen auf Kiew vorrückten, die ersten Bomben fielen, übernahm Vidumenko eine kaum lösbare Aufgabe: aus Freiwilligen ohne jede Kampferfahrung im Schnelldurchgang eine wehrhafte Truppe schmieden. "Am Anfang war es echt schwierig", erzählt der Trainer. "Wir wurden angegriffen, bombardiert und es gab bereits Straßenkämpfe. Für viele war es das erste Mal, dass sie eine Waffe in der Hand hielten."

Der Sturm auf die Hauptstadt aber fiel damals aus. Die russischen Truppen zogen sich nach verlustreichen Kämpfen aus dem Norden des Landes zurück.

Seither trainieren sie im Camp jeden Tag, um besser vorbereitet zu sein, wenn russische Soldaten eines Tages zurückkommen sollten. Ihr Kommandeur, der sich den Kampfnamen "Cyber" gegeben hat, rechnet mit einer zweiten Angriffswelle: "Wir bleiben, weil es durchaus sein kann, dass die russische Armee uns aus Belarus noch einmal angreift. Wir gehen von einem zweiten Versuch aus, Kiew einzunehmen."

Ein freiwilliger Kämpfer setzt seine Waffe instand. | Daniel Hechler

Ein freiwilliger Kämpfer setzt seine Waffe instand. Versorgt wird die Gruppe von der ukrainischen Armee. Bild: Daniel Hechler

Bretterverschlag als Schlafzimmer

Das Leben im Camp ist denkbar schlicht. Sokil schläft mit fünf anderen Kameraden auf dünnen Matratzen in einem gut getarnten Bretterverschlag unter der Erde. Strom, eine Lampe, sogar einen Fernseher haben sie. Die Nächte allerdings sind kurz. Mehr als fünf Stunden sind nicht drin. Oft trainieren sie auch in der Nacht.

Morgens stehen sie früh auf. Nach einem kargen Frühstück wird aufgeräumt und wieder trainiert. Zu essen gibt es Würstchen aus Dosen, Plätzchen, Limonade, Kaffee - geliefert von der ukrainischen Armee, deren Oberkommando sie unterstehen.

Sokil gab dafür seinen Job als Ticketverkäufer in einem Fußballstadion in Kiew auf. Seine Familie, seine Freunde sieht er kaum noch. Das aber nimmt er gern in Kauf. "Ich will nur einen friedlichen Himmel über meinem Kopf", sagt er. "Dies hier ist mein Land, mein Zuhause. Ich stehe hier für meine Familie, für meine Freunde."

Dem Feldsanitäter fehlen Wundverbände

Das Camp ist mit Schutzwällen gesichert. Auf denen wurden etliche Schaufensterpuppen positioniert, um den Feind im Zweifel abzulenken. Die Armee hat außerdem ein weitverzweigtes Netz von Schützengräben ausgehoben. Ein Weg führt zum Feldlazarett, ein enger, stickiger Unterstand. Hier hält der Sanitäter ein paar Medikamente, Atemmasken und Pulsmesser vor. Das reicht für Routineuntersuchungen und kleinere Wehwehchen.

Schwere Kriegsverletzungen aber kann er nicht behandeln. Er hofft, dass sich das bald ändert. "Unter den gegebenen Umständen wäre ich für ein paar Wundverbände dankbar", sagt der kräftige Mann, der seinen Namen nicht preisgeben will. "Wir haben eine Menge minderwertiges Material. Das muss ich erstmal aussortieren."

Sie mögen nicht gut vorbereitet und kaum erfahren sein, um eine der größten Armeen der Welt zurückzuschlagen. Motiviert und mutig aber sind sie allemal. Ob sie Kiew tatsächlich eines Tages mit Waffen verteidigen müssen und können, weiß keiner von ihnen so genau. Entschlossen dazu sind sie - so wie Tausende andere freiwillige Kämpfer in der Ukraine auch.

Über dieses Thema berichtet die ARD-Sendung ''Weltspiegel" am 12. Juni 2022 um 18:30 Uhr.