Blick in ein Schwimmbad in Helsinki | ARD-Studio Stockholm

Zivilschutz in Finnland Bunker - selbst unter dem Schwimmbad

Stand: 04.05.2022 13:35 Uhr

Finnlands Zivilschutz gilt als vorbildlich. Im ganzen Land befinden sich Geheimlager, über die Menschen im Ernstfall versorgt werden könnten. Zudem gibt es viele Bunker - selbst unter Schwimmbädern.

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Eine Schwimmhalle in Helsinki: Kinder planschen im Wasser, Erwachsene ziehen ehrgeizig ihre Bahnen. Das Bad liegt unter der Erde, Fenster gibt es keine, die Wände sind aus Felsgestein. Es ist laut in der Halle.

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

"Wir können den Pool innerhalb von ein bis zwei Tagen leeren, und dann können in dem Pool 4000 Menschen Leute schlafen", sagt Oleg Jauhonen, der Manager des Bades - das gleichzeitig auch ein Bunker ist.

Oleg Jauhonen | ARD-Studio Stockholm

Schwimmbad-Manager Oleg Jauhonen versichert: Das Bad kann binnen vier Tagen umgerüstet werden. Bild: ARD-Studio Stockholm

Dicke Türen gegen Druck und Gas

Unter dem Becken, noch eine Etage tiefer, befinden sich zwei dicke Türen: Die erste schützt gegen Druckwellen von Bomben, die zweite vor einem Gasangriff - und dahinter versteckt sich ein verzweigtes Tunnelsystem. "Das ist doch ein schlaues Gebäudekonzept: Wir brauchen ohnehin ein Schwimmbad. Warum also nicht eines hier unten bauen und es auch als Bunker nutzen?"

Es gebe viele Orte, die Sportplätze und gleichzeitig Bunker seien, sagt Jauhonen. Hier stehen Betten, eine gigantische Belüftungsanlage und Toiletteneimer. Allein in Helsinki gibt es Platz in Bunkern und Schutzräumen für 650.000 Menschen - also für alle, die hier leben.

Jari Markkanen arbeitet beim Zivilschutz in der finnischen Hauptstadt. Er berichtet von den ersten Schutzräumen, die am Ende des Zweiten Weltkriegs in Finnland gebaut wurden. "Während des Kalten Krieges haben wir dann weitere Schutzräume gebaut. Denn wir fürchteten Strahlenbelastungen und starke Erschütterungen", sagt er. "Es wurde immer weiter gebaut - bis heute."

Wehrpflicht nie abgeschafft

Auch bei der eigenen Verteidigung hat Finnland kontinuierlich investiert. Im Gegensatz zu Schweden wurde hier die Wehrpflicht nie abgeschafft. Und obwohl in Finnland halb so viele Menschen leben wie in Schweden, so verfügt das Land über eine Truppenstärke, die viermal so groß ist wie beim Nachbarn.

Schweden wiederum hat die eigenen Militärausgaben über Jahrzehnte reduziert und vor wenigen Jahren nur ein Prozent des Bruttoinlandprodukts investiert. Nun wolle man diesen Wert verdoppeln, kündigte die Regierung nach dem Angriff auf die Ukraine an.

Blick in ein Schwimmbad in Helsinki | ARD-Studio Stockholm

Im Frieden Bahnen ziehen, im Krieg Feldbetten aufstellen: Das Schwimmbad in Helsinki ist mehrfach nutzbar. Bild: ARD-Studio Stockholm

Robert Dalsjö, Wissenschaftler bei der schwedischen Verteidigungsagentur, erklärt sich diese Unterschiede zwischen beiden Ländern nicht nur damit, dass Finnland eine 1300 Kilometer lange Grenze zu Russland hat:

Schweden hat eine idyllische Geschichte. In den letzten 200 Jahren haben wir keine Kriege mehr geführt. Finnland hingegen ist ein junger Staat und hat vier Kriege um seine Unabhängigkeit erlebt. Die Finnen haben ein anderes Bewusstsein dafür, dass etwas gefährlich sein kann und dass man schnell handeln muss.

Mehrheit für NATO-Beitritt

Diese unterschiedlichen Geschwindigkeiten zeigen sich auch jetzt in der Debatte um eine mögliche NATO-Mitgliedschaft: In Finnland sind mehr Menschen überzeugt davon, dass es richtig ist, sich dem Verteidigungsbündnis anzuschließen.

Auch in Schweden gibt es hierfür inzwischen eine knappe Mehrheit in der Bevölkerung. Und die politische Meinungsfindung scheint in Finnland schneller zu gehen als in Schweden. Schon in der kommenden Woche könnte sich das Land entscheiden. Zumindest will sich am 12. Mai Präsident Sauli Niinistö äußern und dann - so mutmaßen finnische Medien - könnte es ganz schnell gehen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Mai 2022 um 05:48 Uhr.