Hunderte von Betten stehen in einer Sporthalle, um ukrainische Flüchtlinge am polnischen Grenzübergang Medyka unterzubringen. (Aufnahme vom 1.3.22) | dpa

Verteilung von Ukraine-Flüchtlingen Mehr europäische Solidarität gefordert

Stand: 27.11.2022 12:11 Uhr

Kein Strom, kein Wasser, keine Wärme - die russischen Angriffe auf ukrainische Infrastruktur zwingen viele Menschen zur Flucht. Doch einige EU-Staaten nehmen deutlich mehr Geflüchtete auf als andere. Es mehren sich Forderungen, das zu ändern.

7,9 Millionen Menschen sind nach Angaben des UNHCR seit Beginn des russischen Angriffskriegs aus der Ukraine geflohen. In den kommenden Monaten könnten es noch mehr werden, denn dem Land stehe ein extrem harter Winter bevor, warnt das UN-Flüchtlingskommissariat. Die Lage sei vielerorts dramatisch. Russland beschießt die Energie-Infrastruktur der Ukraine immer wieder mit Raketen und Marschflugkörpern und richtet dabei schwere Schäden an.

Doch wer nimmt die Menschen auf, die ohne Heizung und Wasser nicht in ihren Häusern bleiben können? Der Vorsitzende der Europäischen Volkspartei, Manfred Weber, forderte in der "Bild am Sonntag" mehr europäische Solidarität bei der Unterbringung. "Wenn jetzt über den Winter hinweg weitere Ukrainer durch die russischen Bombardements und Angriffe gezwungen werden zu fliehen, dann muss das westliche Europa mehr Verantwortung übernehmen", sagte der CSU-Politiker. "Diese beispiellose Herausforderung muss von allen EU-Staaten solidarisch getragen werden."

Migrationsexperte: Leicht in Deutschland Fuß zu fassen

Bislang engagieren sich einige Länder mehr als andere. So hat Polen mit mehr als 1,5 Millionen Menschen die meisten ukrainischen Geflüchteten aufgenommen. In Tschechien suchten laut UNHCR 463.000 Personen Zuflucht - eine beachtliche Zahl für ein Land mit einer Bevölkerung von 10,7 Millionen. In Deutschland sind laut Bundesinnenministerium rund eine Million Geflüchtete aus der Ukraine registriert - und die Vorbereitungen für den Winter laufen. Mancherorts werden wieder Notunterkünfte in Zelten und Messehallen eingerichtet.

Anders sieht es in den südlichen EU-Ländern aus: Frankreich, Italien und Spanien haben bislang weitaus weniger Geflüchtete aufgenommen. Das UN-Flüchtlingswerk zählt in den drei Ländern insgesamt rund 446.000 Geflüchtete. Das liege auch daran, dass es beispielsweise in Frankreich, wo aktuell 119.000 Ukraine-Flüchtlinge leben, schwieriger sei, Fuß zu fassen als in Deutschland, sagte Migrationsforscher Gerald Knaus der "Bild am Sonntag". "Frankreich zahlt Flüchtlingen weniger Geld und es ist sehr kompliziert, eine Wohnung anzumieten, die hohe Kaution zu hinterlegen".

Dadurch kämen einige Länder an ihre Belastungsgrenzen, während in anderen die Kapazitäten nicht annähernd ausgeschöpft seien. Wenn Frankreich, Italien oder Spanien so viele Menschen aufnehmen würden wie Tschechien, "wäre die Lage eine ganz andere", so Knaus.

Johansson: Solidarität der EU-Länder ist intakt

EU-Innenkommissarin Ylva Johansson wies darauf hin, dass Ukrainer überall in der EU den gleichen Zugang zu den Sozialsystemen hätten. "In den vergangenen neun Monaten sind Geflüchtete aus der Ukraine überwiegend dorthin gegangen, wo sie Freunde oder Familie haben, auch die Nähe zu ihrer Heimat und die Vertrautheit der Kultur haben eine Rolle gespielt", sagte Johansson der "Bild am Sonntag".

Die Solidarität unter den EU-Ländern sei intakt. "Mitgliedsstaaten, die noch Kapazitäten haben, steigern ganz klar ihre Bemühungen, um Mitgliedsstaaten zu helfen, die an der Kapazitätsgrenze sind."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. November 2022 um 09:55 Uhr.