Passagiere, die aus Afghanistan geflohen sind, steigen auf dem Flughafen Roissy Charles-de-Gaulle aus einem Airbus A330 der französischen Luftwaffe aus.

Afghanistan Balkan-Staaten nehmen Flüchtlinge auf

Stand: 19.08.2021 13:02 Uhr

Albanien, Kosovo und Nordmazedonien wollen vorübergehend afghanische Flüchtlinge aufnehmen, die später in die USA gebracht werden sollen. Die Balkan-Staaten kommen damit einer Bitte Washingtons nach.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Es sind die letzten Vorbereitungen für die Ankunft der afghanischen Flüchtlinge: Tiranas Bürgermeister Erion Veliaj schaut sich das neu errichtete Studentenwohnheim in der Innenstadt an. Alles sehe tadellos aus: "Danke an die Studierenden, die ihre Zimmer vorübergehend geräumt haben", schreibt er anschließend auf seiner Facebook-Seite. Albaner wüssten gut, was es heiße, auszuwandern und seien heute offenherzig für jeden, der sich ein wenig Sicherheit für die Zukunft seiner Familie wünsche.

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

Albanien wird nach Worten von Regierungschef Edi Rama rund 1000 afghanische Flüchtlinge aufnehmen, die im Land vorläufig untergebracht werden, bis ihre Visa-Anträge für die Einreise in die USA fertig sind. Damit entspreche Albanien, das seit 2009 Mitglied der NATO ist, der Bitte Washingtons. Bereits Mitte Juli seien die Gespräche darüber aufgenommen worden, wie Albanien als Transitland von afghanischen Flüchtlingen, die auf dem Weg in die Vereinigten Staaten sind, unterstützen könne.

Er habe nicht allein deswegen zugesagt, so Rama, weil der große NATO-Partner USA darum gebeten habe, sondern "weil wir Albaner sind". Der Ministerpräsident erinnerte dabei an die Tatsache, dass albanische Familien im Zweiten Weltkrieg jüdische Flüchtlinge aufgenommen und versteckt hatten.

Auch Nordmazedonien kommt US-Bitte nach

Außenpolitische und zugleich humanitäre Gründe nennt ebenfalls der Regierungschef von Nordmazedonien, Zoran Zaev, für seine Entscheidung, vorübergehend rund 450 afghanische Flüchtlinge aufzunehmen. Auch an den NATO-Partner Nordmazedonien hatte sich die US-Regierung mit der gleichen Bitte gewandt, afghanische Mitarbeiter und deren Familien bis zum Abschluss ihrer Visa-Verfahren aufzunehmen. Bei den Menschen handele es sich, so Zaev, um Menschenrechtsaktivisten, Frauen, Studenten, Intellektuelle, die Hilfe bräuchten, weil sie um ihr Leben fürchteten.

Regierungschef Zaev sagte: "Wir müssen alle Spekulationen zurückweisen, über eine Flüchtlingswelle, eine mögliche Terrorwelle, oder irgendeine Bedrohung für den Staat. Es ist eine ganz offene Frage: Sind wir menschlich oder nicht!"

Zudem werde Nordmazedonien Afghanen aufnehmen, die die NATO-Einheiten in den vergangenen 20 Jahren unterstützt hätten, darunter auch die Einheiten Nordmazedoniens. Von 2002 bis 2008 waren Soldaten des Westbalkan-Staates in Afghanistan präsent, NATO-Mitglied wurde Nordmazedonien erst im vergangenen Jahr.

Flüchtlingserfahrung aus Kosovo-Krieg

Der Kosovo entsprach auch dem Gesuch der US-Regierung. Darüber sei bereits seit Wochen mit Washington gesprochen worden, sagte Ministerpräsident Albin Kurti: "Die Regierung der Republik Kosovo steht seit einem Monat in regelmäßigem Kontakt und in Gesprächen mit den Vereinigten Staaten, um für die Unterbringung einer Anzahl von Flüchtlingen aus Afghanistan vorbereitet zu sein, mit Blick auf die Logistik, aber auch die Sicherheit und sozialen Auswirkungen."

Die Frage der afghanischen Flüchtlinge sei nicht nur eine schmerzvolle humanitäre Frage, so Kurti, sondern auch eine heikle Sicherheitsfrage.

Die Staatspräsidentin des Kosovo, Vjosa Osmani, verwies auf die kollektiven Flüchtlingserfahrungen ihrer Landsleute im Kosovo-Krieg Ende der 1990er Jahre: Niemand wisse besser als die Kosovo-Albaner, was es heiße, vertrieben zu werden und gezwungen zu sein, zu fliehen, um das eigene Leben zu retten.

Dieser Beitrag lief am 19. August 2021 um 09:20 Uhr im Deutschlandfunk.