Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, läutet eine Glocke. | dpa
Interview

Bätzing vor Weltsynode "Wir haben nur diese Chance"

Stand: 09.10.2021 08:39 Uhr

Die Erwartungen Roms an die Weltsynode seien hoch, sagt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bätzing, im Interview. Er erklärt, welche Fragen und Widersprüche die katholische Kirche in Angriff nehmen will.

ARD: In Rom beginnt am Wochenende ein Synodaler Prozess, der zwei Jahre dauern und alle Ebenen der katholischen Kirche einbinden soll. Hat denn die katholische Kirche überhaupt so viel Zeit?

Georg Bätzing: Der Druck, der auf den Fragen liegt, die wir im synodalen Weg in der deutschen Kirche bearbeiten, ist evident. Gerade in den letzten Tagen sind erschreckende Ergebnisse zum Missbrauch in der Französischen Kirche zutage getreten. Wer jetzt noch antritt und sagt, die Kirche hat kein systemisches Problem, der ist blind - oder er will nicht sehen, was die Wirklichkeit der Kirche ist.

Auf der anderen Seite können wir nur als eine weltkirchliche Gemeinschaft tatsächlich nur gründlich vorgehen. Und der Papst legt für diesen Prozess ein bestimmtes Thema vor: Er will wissen, welche Erfahrungen mit Synodaler Beratung denn in der Weltkirche bereits bestehen, und will diese Erfahrungen im Grunde überhaupt erst für die Weltkirche in Gang setzen. Das sind zwei unterschiedliche Themen in zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Aber ich wüsste nicht, wie es anders gehen soll.

Georg Bätzing | dpa
Zur Person

Georg Bätzing ist Bischof von Limburg und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz.

ARD: Die Gläubigen wurden ja auch schon von anderen Veranstaltungen einbezogen und befragt, beispielsweise vor der Familiensynode oder Jugendsynode. Man hat am Ende nicht immer den Eindruck, dass das, was sich gewünscht wurde, auch in den Abschlussdokumenten auftaucht. Da liegt ja auch ein enormes Frustpotenzial...

Bätzing: Ich glaube, auch darum wird es beim weltweiten Prozess gehen: Was wird denn aus den synodal zusammengetragenen Ergebnissen? Wer sind denn die, die dann ein solches Abschlussdokument erstellen und bestätigen? Ob das auf Dauer wirklich nur der Papst sein kann, steht tatsächlich in Frage.

"Wir gehen keinen deutschen Sonderweg"

ARD: Aber der Papst hat ja auch deutlich gemacht. Er will kein Kirchenparlament...

Bätzing: Im Gespräch mit denen, die jetzt in Rom für diese Synode zuständig sind, habe ich wirklich den Eindruck gehabt: Die forcieren es. Die wollen echte Ergebnisse. Und das muss auch geschehen. Ich meine, demokratisch ist es auch, wenn das gesamte Volk Gottes, einer Diözese und der Weltkirche einbezogen wird. Aber die Kirche ist in der Tat keine Demokratie, sondern sie ist bischöflich verfasst, mit dem Papst an der Spitze. Und dort liegt die Entscheidungskompetenz.

Ich selbst plädiere für viel mehr demokratische Prozesse, die durchaus vermittelbar sind mit der hierarchischen Verfasstheit der Kirchen. Es schadet nicht, sondern es kann nur nützen. Und das ist genau das, was der Papst anlegen will: ganz viele Menschen, Gläubige aller Ebenen und Schichten aller Nationalitäten und Kulturen einzubeziehen in die Prozesse, die wir brauchen.

ARD: Haben Sie den Eindruck, dass man in Rom im Vatikan sensibel genug ist für die sehr kritische deutsche Stimmungslage, die etwa im Synodalen Weg deutlich wurde?

Bätzing: Ich glaube eine gewisse Ängstlichkeit im Vatikan wahrzunehmen. Dem muss man immer wieder entgegenhalten: Wir machen hier kein Spiel, weil wir nichts anderes zu tun hätten, sondern wir haben nur diese Chance. Und wir gehen keinen deutschen Sonderweg. Es sind auch keine deutschen Sonderfragen, sondern das wird mir immer deutlicher im Kontakt mit Vertretern der Kirchen in anderen Ländern, die uns sagen: Genau diese Fragen liegen auch bei uns oben auf.

"Ich glaube, der Papst weiß um die Lage"

ARD: Die Entscheidung des Papstes, Kardinal Woelki und Erzbischof Heße im Amt zu belassen, hat in Deutschland unter vielen Gläubigen für großen Unmut gesorgt und wird immer noch heftig diskutiert. Hat Papst Franziskus verstanden, wie kritisch die Situation der katholischen Kirche in Deutschland ist?

Bätzing: Ich habe ja die Gelegenheit gehabt, im Sommer mit dem Papst und auch mit Präfekten der entsprechenden Kongregationen zu sprechen und dort sehr deutlich gemacht, was die Stimmungslage der Gläubigen ist. Ich habe schon den Eindruck, dass man um die Ernsthaftigkeit der Situation, in der wir stehen, und die Dringlichkeit der Situation, in der wir stehen, weiß. Das Problem, das mir dann immer wieder signalisiert wird, ist: 'Bitte denken Sie auch an uns, an unsere Möglichkeiten im Rahmen der weltkirchlichen Gesetzgebung. Wir können nicht einfach dort agieren, wie wir wollen, sondern sind an Gesetze gebunden, sind an die Zustimmung auch aus der Weltkirche gebunden.' Da gibt's einen Widerspruch. Das muss man sagen. Ich glaube aber, um die Lage hier bei uns weiß der Papst sehr wohl.

ARD: Vergangenes Wochenende gab es in Frankfurt beim Synodalen Weg große Mehrheiten für weitgehende Reformvorschläge, beispielsweise zur Macht und Gewaltenteilung in der Kirche. Was davon würden Sie gern in den synodalen Prozess der Weltkirche einbringen?

Bätzing: Der Synodale Prozess der Weltkirche beschäftigt sich sozusagen mit einer Formalie, nämlich: Wie geht Synodalität? Das ist die Aufgabe des weltkirchlichen Prozesses. Und natürlich werden wir die Beschlüsse, die wir fassen, inhaltlicher Art auch nach Rom geben und auch in diesen synodalen Weg eingeben. Der Punkt, dem vergangenes Wochenende mit großer Mehrheit zugestimmt wurde - nämlich das Thema: Bischöfe können sich selbst binden und damit Entscheidungen in die Hände von gewählten Vertretungen legen -, das ist ja möglich. Das kann man weltkirchlich aufsetzen.

Das Interview führte Tilmann Kleinjung, BR.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 09. Oktober 2021 um 10:13 Uhr.