Vattenfall-Versuchskraftwerk des sogenannten CCS-Verfahrens | picture-alliance/ dpa

Weltklimarat-Bericht Was Experten gegen die Klimakrise empfehlen

Stand: 04.04.2022 16:55 Uhr

Welche Maßnahmen gegen den Klimawandel sind wirklich effektiv? Der heute veröffentlichte Bericht des Weltklimarats beschreibt neben Königswegen, wo es nicht ohne Verzicht geht - und was sich nicht lohnt.

Von Werner Eckert, SWR

Der menschengemachte Klimawandel führt noch in diesem Jahrhundert zu einer Erwärmung von 1,4 - 4,4 Grad Celsius - so steht es im ersten Teilbericht zu den physikalischen Grundlagen, den der Weltklimarat vergangenen Sommer vorgelegt hat. Eine ziemliche Spannbreite. Die ist vor allem deshalb so groß, da die Wissenschaft nicht weiß, wie sich die Menschheit in Zukunft verhält - was sie und ihre Regierungen unternehmen, um die Klimakrise einzudämmen. Der aktuelle dritte Teilbericht versucht, genau das näher zu beschreiben: Welche Optionen haben wir? Die klare Antwort des Berichts: Der Königsweg ist der Ausstieg aus der Verbrennung fossiler Energien und der Umstieg auf erneuerbare. Aber auch technologische Lösungen und Kernkraft können eine Rolle spielen.

Werner Eckert

Die wohl einzige gute Nachricht: Wir produzieren zwar immer mehr Treibhausgase, aber der Ausstoß ist in den 2010er-Jahren langsamer gewachsen als im Jahrzehnt davor. Das wird aber nicht reichen, um die Klimakrise zu bewältigen, sagen die Wissenschaftler und stellen klar: Die Menschheit bewegt sich damit bis zum Jahr 2100 auf eine Erhitzung von 3,2 Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Zeiten zu.

Industriestaaten müssen etwas ändern

Für UN-Generalsekretär Antonio Guterres bedeutet das: "Wir sind auf der Überholspur Richtung Klima-Desaster unterwegs". Wenn die Welt wirklich die 1,5 Grad-Grenze einhalten will, dann dürften die CO2-Emissionen maximal noch bis 2025 ansteigen und müssten danach schon bis 2030 um 43 Prozent zurückgefahren werden. Auch ein Drittel der Methan-Emissionen müsste vermieden werden. Allerdings wird es auch dann zu einer zeitweisen Überschreitung von 1,5 Grad Celsius kommen.

Fänden wir uns mit zwei Grad Celsius Temperaturanstieg ab, wären immer noch 25 Prozent Rückgang nötig - und zwar weltweit im Durchschnitt. Für die Industriestaaten bedeutet das immer deutlich höhere Werte. Die 50 am wenigsten entwickelten Länder haben bisher zum gesamten menschengemachten Treibhauseffekt nur 0,4 Prozent beigetragen. Auch das stellt der Bericht klar.

"Königswege": Sonne, Wind, starke Wälder

Die kommenden acht Jahre sind entscheidend für die weitere Entwicklung. Das ist die Hauptbotschaft. Denn die bisher in Aussicht gestellten Ziele der Staaten - soweit sie als nationale Klimaschutzzusagen an das UN-Klimasekretariat gemeldet wurden - reichen nicht aus, um den Temperaturanstieg zu begrenzen: Sie führen immer noch auf einen Weg von 2,8 Grad Celsius Erwärmung. Alleine die bestehende Infrastruktur an Kraftwerken und Industrieanlagen würde mehr als ausreichen, um das verbleibende Kohlenstoffbudget zu verbrauchen.

Der Bericht stellt die Potentiale der einzelnen Maßnahmen klar. Welche davon die Regierungen wählen, das schreibt der Weltklimarat nicht vor. Er berechnet Dutzende von Szenarien und macht die Dimensionen klar - in einem Diagramm etwa. Die längsten Balken zeigen den größten Nutzen: Sonnenenergie, Windkraft und weniger Waldzerstörung - das sind die Königswege im Kampf gegen die Klimakrise. Jede dieser Optionen hat das Potential, bis zirka zehn Prozent der jährlichen Treibhausgas-Emissionen zu vermeiden. Ein weiterer Vorteil: Wirtschaftlich lohnt sich der Ausbau jetzt schon oder ist für geringe Mehrkosten zu haben. Die Kosten für Sonnen- und Windenergie sowie Batterien sind seit 2010 um bis zu 85 Prozent gesunken.

CO2 aus der Luft abfangen

Aber neben diesen großen Bereichen ist die Liste der kurzen Balken lang. Das bedeutet: Sehr viele verschiedene Maßnahmen sind möglich und nötig, auch wenn sie im Einzelnen nicht sehr viel bringen oder sehr viel kosten. Das gilt etwa für alle Verfahren, CO2 technisch aus den Abgasen von Anlagen abzuscheiden oder auch direkt aus der Luft herauszufiltern und in unterirdischen Lagern "wegzusperren". Ohne diese unter den Kürzeln CDR oder CCS diskutierten Wege wird es nicht gehen, stellen die Autoren fest - erst recht nicht, wenn eine Temperaturerhöhung über 1,5 Grad Celsius hinaus später wieder "zurückgeholt" werden soll.

Der Weltklimarat hält es für erforderlich, hier mehr zu tun. Auch, weil es in allen Szenarien künftiger Energieströme immer einen unvermeidlichen Rest an Emissionen geben wird, die so neutralisiert werden müssen. Allerdings warnt der Leitautor des entsprechenden Kapitels, Dr. Oliver Geden: Emissionsreduktion sei das Wesentliche. Komplett auf solche Methoden zu setzen, sei keine Option.

Atomkraft nutzen lohnt, ausbauen nicht

CO2-Speicherung durch andere Ackerbaumethoden und Aufforstung haben große Potentiale, allerdings sind hier die Kosten oft hoch. Gesunde - vor allem fleischarme - Ernährung ist ebenfalls bedeutend, im Grunde kostenfrei zu haben und bringt sogar mehr als die Nutzung von Kernenergie. Denn Atomkraftwerke sind nur dann auch günstig, wenn sie bereits existieren. Neue dagegen sind extrem teuer: Methan aus Lecks in Erdgasleitungen und Abgase von Kohlegruben und Ölförderanlagen tragen zu sechs Prozent zur Klimakrise bei. 50 bis 80 Prozent solcher Ausstöße davon wären mit geringem Aufwand zu vermeiden.

"Es gibt Lichtblicke", sagt Jan Christoph Minx, koordinierender Leitautor des ersten Kapitels dieses Berichts. Die Kosten für Klimaschutz seien stark gesunken. Die Hälfte der Emissionen könne zu Kosten von weniger als 100 US-Dollar pro Tonne vermiedenes CO2 vermieden werden.

Fridays for Future Deutschland kommentiert den Bericht so: "Das politische Warten auf ein technologisches Wunder wird vergebens sein. Es gibt keine Möglichkeit zur CO2-Entfernung, die die Notwendigkeit radikaler Emissionsreduktion ersetzt."

"Immer mehr Treibhausgase - das unterhöhlt die fundamentalen Menschen- und Umweltrechte der Verletztlichsten dieser Welt", urteilt der Außenminister des Inselstaates Vanuatu, Marc Ati. Frans Timmermanns, Vize-Präsident der EU-Kommission, fordert alle Staaten auf, in diesem Jahr bei der UN-Klimakonferenz im ägyptischen Sharm El-Sheikh ihre Klimaziele auf das 1,5-Grad-Limit hin nachzubessern.