Touristen stehen während eines Waldbrands im türkischen Bodrum auf einem Steg. | dpa

Waldbrände in der Türkei Urlaub am Rande der Katastrophe

Stand: 06.08.2021 09:18 Uhr

Wo die einen Brände löschen, machen andere Urlaub. Trotz der verheerenden Feuer in der Türkei landet ein Ferienflieger nach dem nächsten in der Urlaubsregion. Eine Stornierung kam für viele nicht in Frage.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Kiral sitzt im Flugzeug nach Bodrum. Die 19-jährige Jurastudentin aus Berlin freut sich auf ihren Urlaub. Ihre Schwester habe ein halbes Jahr in Istanbul studiert, erzählt sie. Seit längerem hätten sie deshalb einen gemeinsamen Trip durch Istanbul geplant.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

"Wegen Corona waren wir auch im letzten Jahr nicht im Urlaub. Daher haben wir uns aufgrund der Brände jetzt nicht dazu entschieden, den Urlaub abzusagen", sagt Kiral.

Sie sieht aus dem Fenster und entdeckt plötzlich weißen Rauch in den Bergen im Hinterland von Bodrum. Der Qualm wird immer mehr, zieht sich wie ein Band über die Hügelkette. "Das macht einem schon Angst", sagt Kiral. Die Region, in die sie reisen werde, sei aber derzeit noch nicht von den Bränden betroffen. Unten am Boden in Bodrum angekommen, schlägt einem die Hitze entgegen, 36 Grad, stellenweise noch mehr.

Kahle Hänge, lodernde Flammen

Eine knappe Autostunde von Bodrum entfernt liegt Cökertme, ein kleiner idyllischer Ort an der Küste. Auf dem Weg durch die Berge dorthin ahnt man, was sich hier Anfang der Woche abgespielt haben muss. Die Hänge sind kahl und ähneln einer Mondlandschaft. An der einen oder anderen Stelle qualmt es noch oder lodern sogar noch ein paar Flammen. Am Horizont steigen dunkle Rauchschwaden auf.

Am Ende einer winzige Sackgasse liegt Hasans Restaurant, direkt am Meer. Der 67-Jährige sitzt alleine an einem Tisch. Normalerweise bekäme man jetzt am Abend keinen Platz mehr. Aber gerade gibt es keine Gäste, nur ein paar Freunde essen am Nebentisch. Hasan hat auch ein kleines Hotel, das einzige der 300-Seelen-Gemeinde. Er erzählt von vergangenem Dienstag, als die Flammen auch bis zu seiner Hoteltür kamen.

 Ein Mann geht mit einem Hund durch rauchverhangene Luft an einem Strand im türkischen Bodrum entlang. | dpa

Ein Mann geht mit einem Hund durch rauchverhangene Luft an einem Strand im türkischen Bodrum entlang. Bild: dpa

"Das tut so richtig weh"

"Als die Flammen noch hinter dem Hügel lagen, haben sie hier alles evakuiert. Wir mussten auch gehen, auch das ganze Personal und die Gäste unseres Hotels", sagt Hasan. Einige Gäste hätten ihre Koffer stehen lassen, weil sie morgen zurückkommen wollten, um weiter Urlaub zu machen.

Bis dahin müssen die Zimmer geputzt sein, denn Vieles ist mit einem dünnen Aschefilm überzogen. Nach Corona ist es die zweite Krise, die auch Hasan erfasst. Der 67-jährige grinst schelmisch und meint dann, die Türken seien erfinderisch.

Finanzielle Sorgen beschäftigen ihn weniger als der Schaden in der Natur. "Cökertme war so schön, also mit dem Blau seines Meeres und dem Grün seiner Wälder", so Hasan. "Jetzt haben wir zwar noch das blaue Meer, aber kein Grün mehr, nur noch dunkle Hügel." Er könne gar nicht dorthin schauen, seine Blicke weichen aus. "Das tut so richtig weh."

Türken diskutieren über Krisenmanagement

Viele diskutieren in der Türkei in diesen Tagen über das Krisenmanagement der Regierung um Präsident Recep Tayyip Erdogan. Hasan gehört nicht dazu. Während die Wälder noch brennen, solle man sich mit der Kritik zurückhalten und sich lieber auf die Löscharbeiten konzentrieren.

"Erst löschen, dann Rechenschaft einfordern", sagt Hasan. Ein paar Leute stellten sich mit einem Glas Raki oder Whiskey in der Hand hin und beschwerten sich, warum denn keine Löschflugzeuge im Einsatz seien. "Ja, zum Henker, lösch' erst mal mit, dann kann man sich anschließend immer noch beschweren."

Urlaub im Katastrophengebiet

Adam hat genau hier in dieser Ecke Urlaub gemacht. Der 27-jährige Pole steht am vollen Flughafen von Bodrum und erzählt, er habe elf wunderbare Tage hier am Meer verbracht. Den Urlaub wegen der Waldbrände abzubrechen kam für ihn nie infrage.

"Wenn ich abgeflogen wäre, würde das die Lage der Wirtschaft noch verschärfen. Die Leute in den Restaurants, in den Hotels, alle würden Geld verlieren", sagt Adam. Wenn er heimfliegen und den Polen erzählen würde, dass dort alles nicht mehr sicher sei, dann würde keiner mehr verreisen. "So ist das die bessere Variante."

Dann schwärmt er noch kurz von den herrlichen Tagen in der Türkei trotz der Hitze und steigt schließlich in das Flugzeug nach Hause. Die Brandkatastrophe in der Türkei wird für ihn bald sehr weit weg sein.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. August 2021 um 09:00 Uhr.