Zwei Frauen fotografieren den aktiven Vulkan vom Valle de Aridane aus, La Palma/Kanarische Inseln. | EPA

Vulkan auf La Palma "Unser Lebenstraum ist zerstört"

Stand: 02.10.2021 03:54 Uhr

Der Vulkan auf La Palma hat noch lange nicht genug. Wissenschaftler glauben, dass er noch Wochen aktiv bleiben wird. Viele haben alles verloren. Sie wollen die Hoffnung trotzdem nicht aufgeben.

Von Reinhard Spiegelhauer, ARD-Studio Madrid

Sandra und Jakob waren gewarnt, die Behörden hatten alle im kleinen Örtchen “El Paraiso” aufgefordert, einen Notfallkoffer zu packen. Und deshalb baten die beiden am Sonntagnachmittag vor zwei Wochen auch die Gäste in ihren vier kleinen Ferienhäuschen darum. Man wisse halt nicht, ob der Vulkan erst in drei Jahren oder vielleicht in ein paar Minuten ausbrechen werde.

“Zwei Minuten später tut es einen mordsmäßigen Schlag, direkt hinter meinem Hof, gefühlt, als könnt ich rüberspucken, da schoss auf einmal eine riesige Fontäne in den Himmel. Das Ganze hörte sich an, ein Grollen, Rauschen, Grummeln, wie wenn Mutter Erde mit 350 km/h 'nen Güterzug zur Welt bringt. Und damit nicht mehr aufhört.
Reinhard Spiegelhauer ARD-Studio Madrid

Jakob, Sandra und die Gäste springen in ihre Autos und fliehen, alles bleibt zurück. Noch am gleichen Tag verschwindet das “Pueblo Munay”, wie die beiden ihr Feriendörfchen genannt haben, unter der Lava. Drei Tage später haben sie im leerstehenden Haus eines Deutschen Unterschlupf gefunden.

Als wir das Grundstück gefunden haben, war es einfach, uns in die Augen zu sehen und zu wissen: das ist unser Zuhause. Eigentlich habe ich gedacht, das ist auch der Ort, wo ich eines Tages mal sterben werde. Und wir haben alles reingesteckt. Es war einfach unser Baby. Die Gäste haben mir so viel zurückgegeben. Jeder einzelne Gast hat mich angeschrieben, der bis jetzt bei uns war, und hat Anteilnahme und kann es nicht glauben.”

Flucht von der Insel

Das Haus liegt zehn Kilometer vom Vulkan entfernt, bis hierher hört man die Eruptionen. Die Lava kommt nur ein paar hundert Meter entfernt von der Stelle aus dem Berg, an der sie mit einer Erbschaft, Herzblut und viel eigener Arbeit ihren Lebenstraum verwirklicht hatten.

“Es war ein Lebenstraum, das ist richtig, der ist zerstört, unwiederbringlich. Ihn hier wieder aufzubauen, kommt für mich nicht in Frage. Dazu ist mir die Insel zu jung und vulkanisch, ich hab jetzt gemerkt, dass einem da von einem Tag auf den anderen dramatische Dinge passieren können.”

Jakob hat in diesem Moment ein ganz starkes Gefühl: Er muss von dieser Insel, er muss von La Palma runter. Am nächsten Tag fahren beide mit der Fähre nach Teneriffa - eine Freundin Sandras hat dort ein Haus, in dem sie vorläufig wohnen können. Dort werden andere Journalisten auf sie aufmerksam, in El Pais und der Süddeutschen Zeitung erscheinen Interviews. Und auch mit der ARD bleiben sie in Kontakt.

Zurück auf die Insel?

Jakob und Sandra erzählen knapp zwei Wochen nach dem Schreckensnachmittag, wie es ihnen inzwischen geht: “In dieser ganzen Katastrophe haben wir ein kleines Refugium gefunden, super beschützt, so viele Leute kümmern sich um uns, die haben Kisten uns in die Wohnung gestellt mit Kleidung, es kamen Kisten mit frischem Gemüse. Das ist eine Hilfsbereitschaft, das gibt irgendwie im Herzen einen Hoffnungsschimmer."

Sogar eine Psychologin, Freundin der Freundin, hilft. Ein Anwalt unterstützt beim Papierkram mit der Versicherung. Immerhin sind die beiden versichert. Die Frage ist, wie viel sie zahlt - und Herzblut kann sie sowieso nicht ersetzen. Aber: Ganz langsam scheinen Schreck, Verzweiflung und Enttäuschung abzulassen von Sandra und Jakob.

“Wir würden beide gerne auf die Insel zurückgehen. Mein Gefühl, und das, was mein Herz mir sagt, ist, dass die Insel mir viel bedeutet, die Menschen bedeuten mir viel. Wir wären gerne auch mit dabei, um diese Insel wieder aufzubauen.

Sandra und Jakob waren gut integriert in ihrer Gemeinde, haben vor zwei Jahren dort geheiratet, haben einheimische Freunde. Vielleicht gehen sie doch wieder nach La Palma, zumindest auf Zeit, bis klar ist, wie es mit der Versicherung weiter geht. Erst dann, sagen sie, können sie die weitere Zukunft planen.

Die Karte zeigt die Insel La Palma mit dem Lavastrom aus einem Vulkan des Cumbre Vieja, Kanarische Inseln.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Oktober 2021 um 16:36 Uhr.