Menschen an einer Bushaltestelle in Mariupol am 25. September 2022. | AFP

Krieg in der Ukraine Verschleppungen mit System

Stand: 07.10.2022 07:45 Uhr

Immer wieder berichten Menschenrechtsorganisationen von Verschleppungen aus der Ukraine nach Russland. Die Organisation "Helping to Leave" verzeichnet Tausende solcher Schicksale - und vermutet eine hohe Dunkelziffer. Die Annexionen dürften die Lage verschärfen.

Von Laura Bisch, tagesschau.de

Es ist eine fünfstellige Zahl von Verschleppungen aus der Ukraine, die sich in den Unterlagen der Hilfsorganisation "Helping to Leave" findet. 13.547 Fälle hat die Organisation seit Mitte März registriert. Doch die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein, vermutet Bogdana Jakowenko.

Bei ihr und ihren Kolleginnen landen diese Fälle, hinter denen sich oft keine Einzelschicksale verbergen, sondern Gruppen von Menschen, die berichten, gegen ihren Willen nach Russland gebracht worden zu sein. Auf nahezu zwei Millionen Menschen schätzen Jakowenko und ihr Team die Zahl der Verschleppten.

Nicht alle können um Hilfe bitten

Allein in Jakowenkos Abteilung kümmern sich mittlerweile 40 Mitarbeitende um diese Schicksale, berichtet sie im Gespräch mit tagesschau.de. Jakowenko weiß: Längst nicht alle Verschleppten könnten sich bei "Helping to Leave" melden, manche würden festgehalten, befänden sich in Untersuchungshaft - anderen wiederum gelänge es ohne Hilfe, Russland zu verlassen.

Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch verfolge solche Fälle, berichtet Belkis Wille tagesschau.de. Konkrete Zahlen habe man zu den Verschleppungen allerdings nicht. Russland habe zwar bekannt gegeben, es seien über drei Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer im Land. Man wisse allerdings nicht, wie viele von ihnen dorthin verschleppt worden seien.

Ehrenamtliche Mitarbeitende der Hilfsorganisation "Helping to Leave" bei einem Arbeitstreffen. | Bogdana Yakovenko

Ehrenamtliche Mitarbeitende der Hilfsorganisation "Helping to Leave" bei einem Arbeitstreffen. Mit dabei: Bogdana Jakowenko, eine der beiden Leiterinnen der Abteilung für Verschleppungen, Bogdana Yakovenko (hintere Reihe, zweite von links) Bild: Bogdana Yakovenko

Keine Frage des freien Willens

Jakowenko von "Helping to Leave" glaubt nicht, dass viele Menschen aus der Ukraine freiwillig nach Russland gereist sind. Manche handelten aus reiner Not, weil sie nach Wochen der Schutzsuche in Kellern einfach nur weg wollten - das aber habe mit freiem Willen nichts zu tun.

Außerdem spreche ein weiteres Indiz für die massenhafte Verschleppung: ein klar erkennbares System. Sowohl Jakowenko als auch Wille berichten von immer gleichen Abläufen, von denen ihnen die Betroffenen erzählten. So würden die Menschen von russisch besetzten Gebieten in Lager gebracht - häufig in die Regionen Donezk und Luhansk, die Russland nach Scheinreferenden inzwischen annektiert hat.

Menschen durchlaufen "Filtrationsprozess"

Dort beginne dann das, was viele Organisationen einen "Filtrationsprozess" nennen. Dazu gehören Befragungen zur politischen Einstellung genauso wie die Registrierung der Menschen. Es würden Fingerabdrücke genommen, nach Kampfspuren gesucht und Fotos gemacht.

Außerdem würden die Smartphones der Menschen durchsucht - manche von ihnen gezwungen, Fotos und Videos zu löschen. Wer in Verdacht gerate, künftig "Probleme zu bereiten" und an pro-ukrainischen Ansichten festhalte, bekomme strenge Auflagen oder werde festgehalten. Dann gehe es unter Zwang in Bussen oder Zügen weiter in das russische Kernland.

Berichte von unmenschlicher Behandlung

Nahezu alle Menschen, die sich bei "Helping to Leave" gemeldet haben, berichten laut Jakowenko außerdem davon, unmenschlich behandelt worden zu sein. Humanitäre Hilfe gebe es meist nicht. Viele Menschen, die sich an die Organisation wenden, seien laut Jakowenko in einem schlechten körperlichen Zustand und klagten über Hass und Erniedrigungen.

Außerdem würden die Menschen in Russland immer an die gleichen Orte gebracht - beispielsweise nach Rostow, Taganrog, Belgorod, aber auch in die Regionen um Moskau und St. Petersburg. Und: Man beobachte die massenhafte Ankunft von Menschen, die in Russland ankämen und sofort wieder wegwollten, so Jakowenko.

Und dann seien da noch die Fälle von ukrainischen Kindern, die ihren Eltern entrissen und zur Adoption nach Russland gebracht würden, schildert Jakowenko. Auch diese Kinder würden nicht in der Zahl erfasst, die der Organisation vorliegt.

Wie arbeitet "Helping to Leave"?

"Helping to Leave" ist eine Hilfsorganisation, die sich vor allem über Spenden finanziert. Die Organisation ist zwar in Tschechien registriert, organisiert sich aber dezentral. Mitarbeitende arbeiten aus verschiedenen Ländern - andere helfen vor Ort. Nach Angaben der Organisation unterstützen mittlerweile mehr als 200 Ehrenamtliche die Organisation dabei, Menschen aus der Ukraine und Russland bei der Flucht zu helfen. Die Organisation versorgt die Menschen demnach mit verifizierten Infos zu Fluchtwegen und organisiert und finanziert Busse und Flüge oder rechtlichen Beistand. Menschen können sich über einen Chat-Bot auf Telegram an die Organisation wenden.

Propaganda als Motiv

Hinter den Verschleppungen erkennt Jakowenko mehrere Motive: Es gehe um Herrschaft und Kontrolle, aber auch darum, ein Narrativ zu erzeugen - eines, das Russland als befreiende, helfende Nation zeigt. So hätten Menschen aus der Ukraine etwa Geld bekommen, um in russischen Propaganda-Videos als Gerettete aufzutreten. Gleiches gelte für Kinder, die Süßigkeiten bekämen - um dabei gefilmt zu werden.

Die Arbeit ihrer Organisation, erwartet Jakowenko, dürfte in der kommenden Zeit noch schwieriger werden. Nach den jüngsten Annexionen ukrainischer Gebiete durch Russland befürchtet sie, dass noch mehr ukrainische Männer als bisher von dort aus an die Frontlinie geschickt werden, um für Russland zu kämpfen. Für die Organisation "Helping to Leave" bedeutet das: mehr Menschen, die flüchten wollen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. September 2022 um 09:00 Uhr.