Besucher gehen vor der 59. Kunstbiennale durch das Gelände zum Hauptpavillon im Giardini.  | dpa

Kunstbiennale in Venedig Zwischen Surrealismus und realem Krieg

Stand: 21.04.2022 11:48 Uhr

In Venedig läuft zurzeit die Preview der Kunstbiennale, Samstag öffnet die Kunstschau dann für das Publikum. In diesem Jahr steht sie ganz im Zeichen des Surrealismus - und des Ukraine-Kriegs.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom, zzt. Venedig

Cecilia Alemani steht vor dem zentralen Pavillon in den Giardini und zuckt lächelnd mit den Schultern. Ja, räumt die 45-jährige Italienerin ein, es waren andere Zeiten, als sie vor zwei Jahren begonnen hat, die Biennale zu planen. Damals hatte sie sich - mitten in der Pandemie - für den Surrealismus als prägende Kunstrichtung der Ausstellung entschieden. Aber durch den Krieg in der Ukraine sei das künstlerische Thema der Biennale aktueller denn je, wie die Wahl-New-Yorkerin betont.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

"Wenn wir daran denken, unter welchen Bedingungen der Surrealismus in den 1920er-Jahren in Paris entstanden ist, dann war das eine Situation, die sehr ähnlich der ist, die wir heute erleben", sagt Alemani. Der Surrealismus habe sich entwickelt "aus der Asche des Ersten Weltkriegs in einer Zeit, in der totalitäre Regime an die Macht kamen, mit der Entstehung des Faschismus". Es sei eine sehr politische Kunstrichtung gewesen, antimilitaristisch, antitotalitär.

Die Kunstbiennale 2022 unter dem Motto "The Milk of Dreams" ist eine politische. Der zentrale Pavillon ist geprägt von surrealistischen Werken, die mit Verfremdung und Entstellung von menschlichen Körpern und Gegenständen arbeiten und sich mit dem Verhältnis von Mensch und Technik, von Mensch und Natur auseinandersetzen.

Krieg in der Ukraine steht im Mittelpunkt

Wichtigstes politisches Thema der Biennale des Surrealismus aber ist der reale Krieg in der Ukraine. Lange war unklar, ob es der ukrainische Beitrag überhaupt nach Venedig schafft. Bei Kriegsausbruch lagen die 78 Trichter der Wasserinstallation des Künstlers Pawlo Makow noch in der Ukraine, erzählt die Kuratorin des ukrainischen Pavillons, Maria Lanko: "Wir haben begonnen, unser Lager zu räumen, als der Krieg nahte". Die Trichter der Installation hätten sie in drei Kisten unterbringen können. Damit sei klar gewesen, dass sie in ein Auto passten und "dass es möglich ist, sie so rauszubringen, um hier unser Land zu repräsentieren, mit dem, was wir haben".

Maria Lanko persönlich war so mutig, sich ans Steuer zu setzen und das Kunstwerk über die Grenze nach Polen und von dort - mit Unterstützung der Biennale-Organisatoren - nach Venedig zu bringen. "Die Trichter mussten rausgebracht werden und sie mussten von mir rausgebracht werden", sagt Lanko. Denn sie habe als einzige aus dem Team keine Kinder oder sonstige Verwandte, um die sie sich hätte kümmern müssen. Deswegen, erzählt die Kuratorin, konnte sie sich ins Auto setzen und einfach wegfahren.

Besucher am „Brunnen der Erschöpfung“ des Künstlers Pavlo Makov im Pavillon der Ukraine auf der 59. Kunstbiennale in Venedig | AFP

Der "Brunnen der Erschöpfung" des Künstlers Pawlo Makow im Pavillon der Ukraine. Bild: AFP

Russland bleibt außen vor

Das Kunstwerk, erläutert der Künstler Pawlo Makow, erzähle auch von der Erschöpfung demokratischer Gesellschaften, die nicht darauf vorbereitet seien, sich zu beschützen. Bis zum Kriegsbeginn sei sein Kunstwerk eine Warnung gewesen, jetzt sei es ein Statement.

Schroff reagierte Makow auf die Aussage von Biennale-Direktorin Alemani, die Kunst in Venedig solle auch in Kriegszeiten einen Dialog ermöglichen. Makow dagegen lehnt ein Gespräch ab, selbst mit den russischen Künstlern, die aus Protest gegen Putins Angriffskrieg ihre Teilnahme an der Biennale abgesagt haben: "Leider ist die russische Kultur jetzt auf Panzern und Raketen in die Ukraine gekommen". Die ukrainischen Künstler versuchten jetzt, ihre Kultur zu retten. Daher, sagt Makow, "fühle ich nicht, dass ich jetzt mit ihnen reden kann. Der einzige Ort, wo wir jetzt einen Dialog führen können, ist an der Front."

Zusätzlich zum ukrainischen Länderbeitrag hat die Biennale-Leitung direkt am Eingang der Giardini eine Piazza Ucraina, einen Platz der Ukraine eingerichtet. Von weitem sichtbar ist das zentrale Kunstwerk, eine Pyramide aus Sandsäcken. Der große russische Pavillon dagegen bleibt dieses Jahr geschlossen. Offiziellen, die Kontakte zur russischen Regierung haben, ist die Teilnahme an der Biennale untersagt.

Mehr Frauen mit dabei

Eine Biennale, die im Schatten des Ukraine-Kriegs eine Zeitenwende erlebt. Zum ersten Mal sind unter den teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern 80 Prozent Frauen. Es gebe so viele starke Künstlerinnen, sagt Biennale-Direktorin Alemani, daher sei die Wende überfällig nach vielen Jahren männlicher Dominanz.

Auch der deutsche Pavillon ist von einer Frau gestaltet. Die Konzeptkünstlerin Maria Eichhorn hat - im wahren Sinne des Wortes - die Geschichte des faschistisch geprägten deutschen Baus auf dem Biennale-Gelände offengelegt. Putz von den Wänden wurde abgeschlagen, Teile der Fundamente freigelegt, um zu zeigen, wie die Nationalsozialisten 1938 ihren Erweiterungsbau dem ursprünglichen deutschen Pavillon von 1909 übergestülpt hatten.

Die Kunstinstallation "Relocating a Structure" der deutschen Künstlerin Maria Eichhorn ist im Deutschen Pavillon auf der 59. Internationalen Kunstausstellung in Venedig zu sehen. | EPA

"Relocating a Structure" der deutschen Künstlerin Maria Eichhorn ist im deutschen Pavillon zu sehen. Bild: EPA

Eichhorn selbst will ihre Arbeit nicht kommentieren. Kurator Yilmaz Dziewior sagt: Angesicht der derzeitigen Situation in der Welt, sei es mehr denn je angezeigt, dass man sich mit totalitären Strukturen auseinandersetze, dass man dafür sensibilisiere. Maria Einhorn habe es geschafft, dies in ein kraftvolles und gleichzeitig poetisches Bild zu übersetzen, indem sie im deutschen Pavillon die Nahtstellen der Baugeschichte freilegt hat. Das Ergebnis ihrer Arbeit, sagt Dziewior, zeige eine große Notwendigkeit, sich mit der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen.

Der abgeschlagene Putz und das teilweise ausgehobene Fundament im deutschen Pavillon sind nur ein Teil des Biennale-Beitrags Eichhorns. Dazu gehören auch die parallel angebotenen Führungen durch Venedig, zu Stätten des antifaschistischen Widerstands in der Zeit der deutschen Besatzung.

Goldener Löwe für Lebenswerk geht an Deutsche

Mit einem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk wird in Venedig dieses Jahr die deutsche Bildhauerin Katharina Fritsch ausgezeichnet. Ihre lebensgroße Skulptur eines grünen Elefanten steht am Eingang des zentralen Pavillons - und ist eines der wichtigsten Werke der surrealen Biennale 2022.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. April 2022 um 12:00 Uhr.