Ministerpräsident Viktor Orban spricht vor Anhängern | AP

Nationalfeiertag in Ungarn Orban startet in Wahlkampf - mit Gegenwind

Stand: 24.10.2021 04:22 Uhr

Im Frühjahr wählen die Ungarn ein neues Parlament. Den Nationalfeiertag nutzte Ministerpräsident Orban, um seine Anhänger zu mobilisieren. Doch auch sein überraschender Konkurrent Márki-Zay zeigte, dass mit ihm zu rechnen ist.

Von Wolfgang Vichtl, ARD-Studio Wien

In Ungarn hat der Wahlkampf begonnen. Inoffiziell. Der ungarische Nationalfeiertag war willkommener Anlass, 65 Jahre nach dem Beginn des Aufstands der Ungarn gegen die Sowjets. Zehntausende waren auf den Straßen der Hauptstadt Budapest, trotz Corona-Pandemie. Auf getrennten Kundgebungen wurde für die Regierung des rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Viktor Orban demonstriert - und gegen sie.

Wolfgang Vichtl ARD-Studio Wien

Im kommenden Frühjahr wird in Ungarn ein neues Parlament gewählt. Regierung und Opposition liegen in Umfragen derzeit Kopf an Kopf.

Ein Überraschungskandidat gegen Orban

Der Grund, warum es diesmal so spannend wie selten zuvor werden dürfte: Viktor Orban, Ministerpräsident und Vorsitzender der rechtspopulistischen Fidesz-Partei, hat zum ersten Mal seit elf Jahren einen ernst zu nehmenden Gegenkandidaten. Und zwar erst seit einer Woche. Einen Überraschungskandidaten, der überraschend wenig Angriffsfläche für Fidesz bietet. Und der schon bewiesen hat, dass er gegen Fidesz siegen kann.

Der neue Oppositionsführer Peter Marki-Zay spricht vor Anhängern in Budapest. | AP

Der neue Oppositionsführer Peter Marki-Zay spricht vor Anhängern in Budapest. Bild: AP

Es ist der 49-jährige Péter Márki-Zay, Bürgermeister der südungarischen Provinzstadt Hódmezővásárhely. Erzkonservativ, bekennend katholisch, früher selbst Fidesz-Anhänger und Fidesz-Wähler, wie er der ARD erzählt hat. Márki-Zay hat sich in Vorwahlen als gemeinsamer Kandidat der bis dahin zersplitterten Opposition durchgesetzt, unterstützt von einer Sechser-Allianz von links bis rechts, von ungarischen Sozialdemokraten über Ungarns Grüne bis hin zu Rechtskonservativen.

Gewählt haben ihn vor allem Junge. Er gilt als mehrheitsfähig, auch für die Wähler auf dem Land. Er will in ganz Ungarn wiederholen, was ihm in seiner knapp 50.000-Einwohner-Stadt gelungen ist. Die war lange eine stabile Fidesz-Hochburg - bis Márki-Zay kam und die Wahlen gewann.

Péter Márki-Zay versetzt Fidesz kurz in Schockstarre

Márki-Zay hat die rechtspopulistische Fidesz zu Beginn der Woche sichtbar in einer Schockstarre versetzt. Jeder andere Gegenkandidat, jede andere Kandidatin wären Orban lieber gewesen: der populäre, linksliberale Budapester Bürgermeister Gergely Karacsony etwa, oder die Sozialdemokratin Klára Dobrev, Vizepräsidentin des Europaparlaments und Ehefrau des verhassten Ex-Premiers Ferenc Gyurcsány. Aber ein erzkonservativer Vater von sieben Kindern, der von sich sagt, er lebe die Werte, die Orban nur vorspiegele zu leben?

Beide, Orban und Márki-Zay wählten den ungarischen Nationalfeiertag zur Attacke. Vor Hundertausenden Anhängern bezweifelte Orban, ob die Opposition diesmal in der Lage sei, sich rechtzeitig zur Parlamentswahl selbst zu organisieren. Außerdem, so Orban, würde innerhalb der Opposition weiter darum konkurriert, wer denn nun "Brüssels Statthalter" in Ungarn werden solle. Dafür würden man sich "mit dem Teufel verbünden".

Orban wittert Verschwörung

Orban spielt dabei an auf die Sechser-Allianz, die sich hinter seinen Herausforderer Márki-Zay stellt. Parteien und Bewegungen, die inhaltlich in manchen Punkten so weit auseinanderliegen, dass ein Miteinander kaum vorstellbar war. Vor allem nicht für Orban. Diese Opposition sei nicht sehr stark, stark sei nur deren "Hinterland", die internationalen Medien. Orban formuliert so bereits Verschwörungstheorien.

Orban-Attacken gegen die EU

Und Orban nutzte seine Rede auf der Abschlusskundgebung des sogenannten Friedensmarsches für erneute Attacken gegen die Europäische Union. Europa habe Ungarn angegriffen, Brüssel spreche mit Ungarn - und mit Polen - wie mit Feinden. Damit erfüllte er die Erwartungen seiner Anhänger, die aus dem ganzen Land zusammengeholt wurden, inklusive gleichgesinnter EU-feindlicher Gäste unter anderem aus Polen.

Der Kandidat Márki-Zay: vor allem EU-freundlich

Ganz anders Péter Márki-Zay. Mehrere Tausend waren gekommen, um ihn zu hören, auf der Kundgebung der Opposition, ebenfalls in Budapest, mit zwei Kilometern Abstand zur Veranstaltung des Ministerpräsidenten. Von Márki-Zay ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Europa zu hören. Wird er gewählt, will er den Euro in Ungarn einführen, will, dass das europäische Rechtssystem auch in Ungarn gilt, dass Pressefreiheit wiederhergestellt wird, die Justiz unabhängig arbeiten kann. Von der EU entsandte Staatsanwälte seien kein Angriff auf die Souveränität Ungarns, sagt er, sondern nur einer auf die Souveränität von Kriminellen in Ungarn.

Márki-Zay, der Konservative, wirbt bewusst auch mit seinen liberalen Ansichten. Er weiß: Will er gewinnen, muss er wählbar sein für ein breites Spektrum. Dass auch er Patriot ist und das am Nationalfeiertag zeigt: klar - aber er zeigt es ganz anders als Orban. Ungarn solle ein liebenswertes Land sein, in dem weder Hautfarbe noch Abstammung entscheidend sein dürften. In dem sich Homosexuelle offen bekennen dürften, ohne Nachteile fürchten zu müssen. Es gehe um die Freiheit der Nation, Ungarn brauche eine neue Verfassung. Er verspricht eine Volksabstimmung, wenn er die Wahl gewinne.

Ein halbes Jahr wird der Wahlkampf dauern. Lügenkampagnen werden kommen, ruft Márki-Zay seinen Anhängern zu. Seine größte Herausforderung wird sein, die Allianz aus sehr unterschiedlichen Oppositionsparteien, von rechts bis links, zusammenzuhalten.