Ein Mann wird in Ungarn geimpft | ATTILA BALAZS/EPA-EFE/Shuttersto

Lehrer in Ungarn Ohne Impfung kein Gehalt

Stand: 31.12.2021 01:29 Uhr

Mit dem neuen Jahr beginnt in Ungarn für viele eine Impfpflicht - andernfalls droht der Zwangsurlaub: Lehrkräfte staatlicher Einrichtungen dürfen nur noch geimpft unterrichten.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Die Warnung der ungarischen Regierung Ende Oktober an alle Beschäftigten in staatlichen Schulen, Berufsschulen und Universitäten war unmissverständlich: Ab Januar gelte für die Pädagogen die Impfpflicht. Sie hätten bis spätestens Ende Dezember Zeit, sich impfen zu lassen. Sollte dies nicht geschehen, könnten ungeimpfte Lehrerinnen und Lehrer für ein Jahr in einen unbezahlten Urlaub geschickt werden.

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

Zoltán Maruzsa, Staatssekretär im Bildungsministerium, begründete die Entscheidung so: "Man sieht eindeutig, dass die Erkrankungen oder die Verbreitung der Infektion deutlich mehr auf Ungeimpfte zurückzuführen ist. Deshalb hat die Regierung, als Arbeitgeber, in staatlichen Schulen die Impfpflicht verordnet."

Zu Beginn der Impfkampagne im Frühjahr, als zunächst nur eine begrenzte Anzahl von Menschen geimpft werden konnten, hatten die Lehrergewerkschaften verlangt, dass Pädagogen sowie das Gesundheitspersonal als erste Berufsgruppen geimpft werden müssten. Dies geschah auch so, mittlerweile sind nach Regierungsangaben rund 90 Prozent der ungarischen Lehrerinnen und Lehrer geimpft.

Proteste gegen die Pflicht

Doch als die Regierung vor zwei Monaten von der Impfempfehlung zur Impfpflicht überging, kam es zu Protesten von Eltern und Lehrern. Im westungarischen Devecser organisierte Krißtián Firnicz Demonstrationen: "Wir wünschen uns, dass Pädagogen mit einem Test bleiben dürfen. Mein Kind geht in die erste Klasse. Jetzt kommt das Halbjahr. Letztes Jahr konnten meine anderen Kinder nicht richtig lernen. Und mein Kind hat mir gesagt:  'Ich gehe nicht in die Schule, wenn meine Lehrerin nicht da ist.'"

Der Bürgermeister von Devecser, Gábor Ferenczi, steht der Impfpflicht für die Lehrer skeptisch gegenüber: "In der Schule von Devecser sind nach meinen Kenntnissen sieben Pädagogen betroffen. Wegen der Zwangsmaßnahmen dürfen sie ab Januar nicht arbeiten gehen. Es geht um gesunde, ehrenhafte und ausgebildete Mitarbeiter. Sie werden nur deswegen in den Zwangsurlaub ohne Bezahlung geschickt, weil sie sich nicht impfen lassen möchten."

Geringe Gehälter an staatlichen Schulen

Warum gibt es Eltern und Lehrer, die die Impfpflicht ablehnen? Es ist vor allem die Sorge davor, dass angesichts der bereits jetzt schon dünnen Personalausstattung an den staatlichen Schulen ab dem neuen Jahr noch mehr Lehrer aufhören könnten.

Nach Schätzungen des ungarischen Lehrerverbands fehlen derzeit schon etwa 12.000 Lehrerinnen und Lehrer. 5.000 könnten nun in unbezahlten Urlaub geschickt werden, die sich nicht impfen lassen wollten.

Für den Lehrermangel werden vor allem die äußerst geringen Gehälter an den staatlichen Schulen als Grund angeführt, warum der Beruf immer weniger Hochschulabsolventen anzieht. Das Einstiegsgehalt liegt bei umgerechnet 540 Euro brutto.

"Wenn junge Menschen in dem Beruf beginnen, werden sie sehr schnell den Job wieder verlassen, weil man mit solch niedrigen Löhnen, mit solch Beträgen das Leben nicht einfach anfangen kann", sagt Erzsébet Nagy von der Demokratischen Pädagogen-Gewerkschaft.

Péter Horváth, der Vorsitzende des nationalen Pädagogen-Verbands, befürchtet, dass ab Januar die Lage vor allem an Schulen in kleineren Städten und Dörfern eng werden könnte. Seine Prognose lautet: "Ich bin echt neugierig, was am 3. Januar passieren wird. Dann wird es eindeutig klar. Meiner Meinung nach werden unter denjenigen, die sich bisher nicht geimpft haben, nur sehr wenige ihre Meinung ändern. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt."

Ein Ausweg bleibt den impfunwilligen Lehrerinnen und Lehrern in Ungarn offen: Privatschulen verlangen keinen Impfnachweis. Darauf hat die Orban-Regierung verzichtet.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 31. Dezember 2021 um 11:48 Uhr.