Das Logo des HIV/Aids-Programms der Vereinten Nationen (UNAIDS). | REUTERS
Interview

Aids-Programm der UN Wen HIV-Prävention noch nicht erreicht

Stand: 08.06.2021 19:39 Uhr

Das HIV/Aids-Programm der UN tagt auf höchster Ebene über künftige Anstrengungen im Kampf gegen das Virus. Vizedirektorin Hader spricht im Interview über medizinische Fortschritte und Erkenntnisse für neue Epidemien.

tagesschau.de: "Aids geht uns alle an" lautete ein populärer Aufklärungs-Slogan während den Neunzigerjahren, als die HIV-Neuinfektionsrate so hoch war wie seitdem nicht mehr. Heute leben 37,6 Millionen Menschen weltweit mit HIV, etwa 690.000 HIV-positive Menschen sterben jährlich an Folgeerkrankungen. Kann man 2021 überhaupt noch von Personengruppen sprechen, die besonders gefährdet sind?

Shannon Hader: Männer, die Sex mit Männern haben, Menschen in Haftanstalten, Konsumenten von Drogen und Sexarbeitende haben in nahezu jedem Land der Erde ein größeres Ansteckungsrisiko. Sie machen etwa 62 Prozent aller Neuinfektionen aus und werden noch nicht im notwendigen Maß von der Prävention oder Therapie erreicht, die sie benötigen.

Es gibt also noch viel zu tun - und die Corona-Pandemie hat uns nicht gerade geholfen, Fortschritte zu machen. Gerade unsere Präventionsprogramme für Mädchen in Teenageralter und junge Frauen in Subsahara-Afrika haben darunter gelitten. Aber die Pandemie hat auch gezeigt, was die weltweite Politik erreichen kann, wenn sie sich entschließt, zu handeln und die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um wieder in die Spur zu kommen und bis 2026 besser dazustehen.

Shannon Hader | picture alliance/AP Photo
Zur Person

Shannon Hader ist seit 2019 Vizedirektorin des Gemeinsamen Programms der Vereinten Nationen für HIV/Aids (UNAIDS). Zuvor leitete sie die Abteilung HIV und Tuberkulose der US-Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention, die vom US-Gesundheitsministerium geführt werden.

Die Expertin für öffentliches Gesundheitswesen studierte an den US-Universitäten Standford und Columbia und spezialisierte sich auf Innere Medizin, Pädiatrie und Infektionskrankheiten.

tagesschau.de: UNAIDS geht davon aus, dass sechs Millionen Menschen weltweit gar nicht wissen, dass sie HIV-positiv sind. Wie haben Sie diese Zahl ermittelt?

Hader: Die Datenlage und ihre Auswertung ist über die Jahre immer detaillierter geworden. So können wir inzwischen mit Modellrechnungen ermitteln, was bestimmte Datensätze für die Weltbevölkerung, bestimmte Länder, Regionen und so weiter bedeuten. In diese Modellrechnungen fließen Statistiken ein, die die Regierungen der einzelnen Staaten anhand ihrer eigenen HIV/Aids-Aktionspläne erstellen. Außerdem führen Wissenschaftler Studien durch, indem sie Befragungen anstellen und stichprobenweise Tests durchführen - anhand dessen können wir dann unsere Zahlen recht gut ableiten.

Und diese errechneten sechs Millionen HIV-positiven Menschen, die ihren Infektionsstatus nicht kennen, müssen wir erreichen, denn über die Jahre hat sich gezeigt: Menschen, die von ihrer Infektion wissen und ihre eigene Gesundheit durch Therapie schützen, spielen eine wichtige Rolle beim Senken der Infektionsrate. Denn ist die Viruslast einer Person durch Medikamente so gering, dass es nicht mehr festgestellt werden kann, kann sie auch andere nicht mehr mit HIV anstecken.

"Wissenschaft hat einen Vorwärtsschub gegeben"

tagesschau.de: Welche Fortschritte hat die Medizin in 40 Jahren HIV- und Aidstherapie gemacht?

Hader: 1981 konnten Ärzte nur ein diffuses Immunschwäche-Syndrom [Das Akronym AIDS steht für "erworbene Immunschwäche", Anmerkung der Redaktion] diagnostizieren - es dauerte fast fünf Jahre, bis es einen Antikörpertest auf das HI-Virus gab. Vorher konnte erst bei Leuten, die bereits Symptome von Aids zeigten, ihre HIV-Infektion festgestellt werden. Von diesem Ausgangspunkt sind wir heute in der Situation, dass Leute sich selbst mit Schnelltests testen können, statt dazu eine Klinik aufsuchen zu müssen. Die Wissenschaft hat uns da einen Vorwärtsschub gegeben!

Nach etwa 15 Jahren Epidemie hatten wir eine erste HIV-Kombitherapie entwickelt - auch wenn die Präparate sehr heftige Nebenwirkungen hatten und kompromisslos waren: Patienten mussten drei- bis viermal am Tag zu bestimmter Zeit um die 20 Pillen nehmen. Ließen sie eine Dosis aus, stieg die Viruslast sofort wieder an oder ihre Körper bildeten Resistenzen gegen die Präparate.

Bis die Therapiemöglichkeit auch in ärmeren Ländern zur Verfügung stand, vergingen weitere zehn Jahre. Aber heute reicht es für die meisten HIV-positiven Menschen, eine einzige Tablette pro Tag zu schlucken, um das Virus unter Kontrolle zu halten. Und wer sich schützen will, kann vor dem Risikokontakt eine vorbeugende Tablette [bekannt als PreP, Anmerkung der Redaktion] einnehmen, die in einigen Staaten sogar rezeptfrei verfügbar ist.

tagesschau.de: Dennoch hat - je nach Weltregion und demographischen Merkmalen - bis heute meist nur ein mittlerer Prozentsatz der HIV-positiven Menschen Zugang zu den Medikamenten; etwa ist der Anteil der erreichten Männer geringer als der der Frauen. Woran liegt das?

Hader: Gerade in Subsahara-Afrika, wo sechs von sieben HIV-Neuinfektionen bei Frauen diagnostiziert werden, sprechen wir von einer "Rechtelücke" der Frauen, wenn es um ihre sexuelle Selbstbestimmung geht. Bei den Männern besteht hingegen eine "Hilfelücke" - die Therapiemöglichkeiten erreichen dort weniger Männer als im globalen Durchschnitt. Es ist leicht, das auf soziale Normen zurückzuführen: Achten Männer weniger auf ihre Gesundheit und begeben sie sich seltener von sich aus in Behandlung? Das ist ein Punkt, aber wichtig ist: Viele Behandlungseinrichtungen sind nicht auf Männer zwischen 20 und 40 ausgelegt.

Wir konnten etwa viele Frauen bei Untersuchungen während der Schwangerschaft erreichen, sodass sie ihren HIV-Status erfuhren und verhindert werden konnte, dass eine HIV-Infektion auf das Kind übertragen wird. Jetzt müssen wir lernen, auf welchem Weg wir Männer erreichen können, die nicht ohnehin regelmäßig zum Arzt gehen, weil sie an Bluthochdruck oder Diabetes leiden. Einrichtungen, die nur während der regulären Arbeitszeit geöffnet sind oder weit vom Arbeitsplatz entfernt liegen, machen es Männern zum Beispiel schwieriger, sie in Anspruch zu nehmen.

"Maßnahmen auf Rechte statt Verbote aufbauen"

tagesschau.de: Welche weiteren Lehren können wir aus 40 Jahren Kampf gegen die Ausbreitung von HIV und Aids für künftige Ausbrüche ziehen?

Hader: Oh, was haben wir da für ein Jahr der versäumten Lektionen hinter uns!... Die entscheidende Rolle spielt Vorsorge und Therapie innerhalb der Gemeinschaften, zu denen die Leute gehören - dazu zählen vor allem Einrichtungen parallel zum regulären Gesundheitssystem. Denn wenn Kliniken und Arztpraxen alle Kräfte darauf konzentrieren, mit der Corona-Krise oder einer zukünftigen Pandemie fertig zu werden, müssen diese Einrichtungen Informationen, Schutz und Behandlungsmöglichkeiten bereitstellen. Sie sind aber auch wichtig, um Aktivismus und Aufklärungsarbeit bei politischen Entscheidungsträgern zu leisten.

Zweitens kann jede Maßnahme für die öffentliche Gesundheit nur voll wirksam werden, wenn sie auf Rechten statt auf Verboten basiert - in der Corona-Pandemie waren vielerorts Einschränkungen in der Handlungsfreiheit der Bürger nötig, aber solche Einschränkungen müssen evidenzbasiert und zeitlich begrenzt sein, auf ihre Notwendigkeit überprüft werden und dürfen besonders gefährdete Gruppen nicht außen vor lassen. Das lässt sich auf die Corona-Pandemie, aber auch auch HIV übertragen.

Drittens ist es wichtig, nicht nur die Gesundheit der Menschen zu sichern, sondern auch ihre soziale und wirtschaftliche Lage - sonst sind sie besonders gefährdet. Und schließlich müssen wir uns anhand der Datenlage bewusst machen, auf welchen Ungleichheiten ein erhöhtes Infektionsrisiko basiert - Einkommensunterschiede, Rassismus, Wohnort, Zugehörigkeit zu Minderheiten - und diese gezielt angehen.

Das Gespräch führte Jasper Steinlein, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 08. Juni 2021 um 10:35 Uhr.