Rauch steigt über dem Wärmekraftwerk von Slowiansk auf, das bei einem russischen Angriff beschädigt wurde. | via REUTERS

Krieg gegen die Ukraine Ändert Russland seine Taktik?

Stand: 18.09.2022 20:07 Uhr

Die russische Armee soll erneut eine Reihe ziviler Ziele in der Ukraine getroffen haben. Das britische Verteidigungsministerium stuft dies als russische Taktik ein, um die Moral in der Ukraine zu untergraben.

Russland hat nach ukrainischen Angaben erneut verschiedene Ortschaften in mehreren Landesteilen beschossen. Im Nordosten im Gebiet Charkiw seien Isjum und Tschuhujiw massiv unter Beschuss genommen worden, teilte Gebietsgouverneur Oleh Sinegubow im Nachrichtendienst Telegram mit. Es sollen Wohn- und Geschäftsgebäude sowie Tankstellen und Produktionsanlagen zerstört worden sein.

In Tschuhujiw sei ein elfjähriges Mädchen getötet worden. Zwei Frauen seien während einer Autofahrt von einem Panzergeschoss tödlich verletzt worden. Isjum war jüngst von der ukrainischen Armee zurückerobert worden. In der Nähe der Stadt waren Hunderte Gräber entdeckt worden.

Krankenhaus in Mykolajiw beschossen

Der Gouverneur der ostukrainischen Region Donezk teilte mit, dass am Samstag fünf Zivilisten getötet worden seien. Weiter westlich in Nikopol wurden nach Behördenangaben Gas- und Stromleitungen sowie mehrere Dutzend Häuser beschädigt. Zwei Menschen seien verletzt worden, so Gouverneur Walentyn Resnitschenko. Nikopol liegt unweit des russisch besetzten Atomkraftwerks Saporischschja.

Im Süden des Landes soll nach Angaben des dortigen Gouverneurs Witalij Kim in der Stadt Mykolajiw ein Krankenhaus getroffen worden sein. Angaben über Tote und Verletzte machte er nicht. Mykolajiw liegt nicht weit entfernt von der Region Cherson, in der die ukrainische Armee versucht, die russischen Einheiten westlich des Dnjepr einzukesseln oder zurückzudrängen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

London: Vermehrt Angriffe auf zivile Ziele

Die Berichte nennen somit eine Vielzahl getroffener ziviler Ziele. Deutet das darauf hin, dass die russische Armee erneut ihre Taktik in der Ukraine ändert? Davor warnte zumindest das britische Verteidigungsministerium: "Da es mit Rückschlägen an der Front konfrontiert ist, hat Russland wahrscheinlich die Orte ausgeweitet, die es angreifen will, um die Moral des ukrainischen Volks und der Regierung direkt zu untergraben", schrieb das Ministerium bei Twitter.

Als Beispiel nannten die Briten den Angriff auf den Staudamm in der zentralukrainischen Industriestadt Krywyj Rih. Ziele wie dieses böten keinen unmittelbaren militärischen Gewinn. Bereits während der Belagerung der ukrainischen Hafenstadt Mariupol bis Mitte Mai hatten russische Geschosse immer wieder zivile Ziele getroffen. Und auch seitdem schlagen Granaten in Wohnhäuser und Elektrizitätswerke ein.

YLE: Flugabwehr Richtung Ukraine verlagert

In diesem Kontext sind auch Recherchen des finnischen Rundfunks YLE interessant. Der öffentlich-rechtliche Sender wertete nach eigenen Angaben Satellitenaufnahmen aus, die im August und September entstanden sein sollen. Diese zeigen offenbar den Abzug mehrerer Flugabwehrsysteme - auch aus dem Raum St. Petersburg an der Grenze zu Finnland. Es sei zu erkennen, dass vier von 14 Flugabwehrstellungen rund um St. Petersburg leer seien.

YLE berichtet, dass es sich meist um ältere Systeme wie die S-300 handelt. In den vergangenen Wochen hatte es wiederholt Berichte aus der Ukraine gegeben, dass S-300-Lenkflugkörper in der Ukraine gegen Bodenziele eingesetzt werden. Eigentlich wurde das System zur Abwehr von Flugzeugen entwickelt, es ist aber technisch möglich, auch bestimmte Bodenziele damit anzugreifen. Westliche Militärexperten deuteten den Einsatz der S-300 als Hinweis darauf, dass es der russischen Armee an modernen Marschflugkörpern und ballistischen Kurzstreckenraketen mangelt.

Russland setzt Kamikaze-Drohnen ein

Neuerdings setzt Russland in der Ukraine auch Kamikaze-Drohnen aus iranischer Produktion ein. Dies zeigen Recherchen des "Wall Street Journal". Demnach werden nach ukrainischen Angaben vor allem im Raum Charkiw Flugkörper eingesetzt, die direkt in Fahrzeuge, Artilleriegeschütze oder Stellungen gelenkt werden. Die Zeitung zitiert einen Oberst der 92. mechanisierten Brigade, der sagt, dass bereits vier Selbstfahrlafetten und zwei gepanzerte Fahrzeuge seiner Einheit von Kamikaze-Drohnen vernichtet wurden. Weil die Drohnen klein seien und tief flögen, sei die Abwehr schwierig.

Der Oberst vermutet, dass die iranischen Drohnen vor allem im Gebiet Charkiw eingesetzt werden, weil Russland dort seit der erfolgreichen ukrainischen Gegenoffensive keine nummerische Artillerieüberlegenheit mehr hat.

Ukraine beendet UN-Einsatz

Die Ukraine beendete unterdessen ihre Teilnahme an der UN-Mission in der Demokratischen Republik Kongo. Der Kommandeur der UN-Blauhelme, der brasilianische General Marcos da Costa, bedankte sich für die zehnjährige Beteiligung der Ukrainer an der UN-Mission MONUSCO.

Der Abzug war kurz nach Kriegsausbruch im März angekündigt worden. Nun verließen die 250 ukrainischen Soldaten nach BBC-Informationen das afrikanische Land. Besonders folgenreich für die UN-Mission könnte sein, dass die Ukraine auch acht Helikopter stellte, die in dem großen und bewaldeten Staat dringend für den Transport benötigt werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. September 2022 um 20:00 Uhr.