Uragan-Mehrfachraketenwerfer des russischen Militärs feuern Raketen auf ukrainische Truppen an einem ungenannten Ort. | dpa

Russische Raketenangriffe Der blinde Fleck der ukrainischen Flugabwehr

Stand: 17.07.2022 13:34 Uhr

Während die ukrainische Flugabwehr auf russische Kampfjets offenbar gut eingestellt ist, hapert es eigenen Angaben nach bei der Abwehr von Raketen. Die Armee hofft deshalb auf modernere Systeme.

Von Palina Milling, WDR Köln, für das ARD-Studio Moskau

Russland hat offenbar einen der schwächsten Punkte der ukrainischen Flugabwehr entdeckt und nutzt das aus. Die Ukraine schafft es zwar, russische Bomber vom ukrainischen Territorium größtenteils fernzuhalten. Sie kann aber wenig gegen Raketen ausrichten. Also setzt Russland nun immer mehr darauf. 

Palina Milling

Der Sprecher des Kommandos der ukrainischen Luftstreitkräfte, Jurij Ignat, gab an, die Ukraine habe inzwischen mehr als 200 russische Kampfflieger vom Himmel geholt. "Das hat sie dazu gezwungen, die Einsatztaktik ihrer Luftwaffe zu verändern", sagt er. "Momentan agiert die feindliche Luftwaffe meistens aus der Ferne. Die fliegen nicht näher ran, weil sie begriffen haben, dass sie vernichtet werden. Deswegen üben sie die Schläge mit Raketen aus - vom Meer, vom Boden und aus der Luft."

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

"Wir brauchen moderne Systeme"

Auch wenn sich die Statistik nicht unabhängig überprüfen lässt, scheinen zumindest die Raketenangriffe zugenommen zu haben. Mykolajiw, Dnipro, Tschuhujew, Odessa, Winnyzja - das sind nur einige Städte, wo zuletzt Raketen eingeschlagen sind. Danach überall das gleiche Bild: Brände, Häuser in Schutt, viele Verletzte.

"Unsere Flugabwehr ist vor allem darauf geeicht, Ziele mit einer größeren Reflektionsfläche abzuschießen. Sie werden von Radaren entdeckt", sagt Ignat im ukrainischen Radio. "Raketen sind dagegen wenig auffällig, deswegen gelingt es uns nicht immer, sie abzufangen. Das ist schwierig für uns. Wir brauchen deshalb moderne Systeme, die fähig sind, solche Ziele zu treffen."

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/16.07.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/16.07.2022

Die Ukraine werde einige davon bekommen, sagt Ignat. Aktuell geht es um die NASAMS-Systeme, eine Ko-Produktion aus den USA und Norwegen. Sie haben eine mittlere Reichweite bis zu 25 Kilometern. "Es gibt eine Vereinbarung über zwei Batterien, die nicht nur Startsysteme enthalten, sondern auch Ladefahrzeuge, Ausstattung für die Entdeckung der Ziele und für die Bedienung der Systeme", sagt Ignat. Eine Batterie der moderneren NASAMS besteht aus zwölf Startanlagen. Aus Deutschland werden für die ukrainische Luftverteidigung die IRIS-T-Systeme kommen. Das erste wird im Oktober erwartet.

Weitere Mehrfachraketenwerfer offenbar angekommen

Auch in Sachen schwere Artillerie gibt es Neuigkeiten. Der ukrainische Verteidigungsminister Oleksij Reznikow twitterte, dass nun weitere Mehrfachraketenwerfer im Land angekommen seien - die sogenannten M270 MLRS. Je nach Bestückung können sie auf die Entfernung zwischen 35 und etwas mehr als 80 Kilometern schießen. Die etwas früher gelieferten HIMARS haben die ukrainischen Streitkräfte seit etwa zwei Wochen im Einsatz. Damit konnten sie inzwischen Dutzende russische Munitionsdepots, Kommandostellen und Techniklager angreifen. 

Mit der Lieferung der schweren Artilleriesysteme flammt in der Ukraine die Diskussion über mögliche Angriffe auf die Halbinsel Krim auf. "Aktuell ist die Halbinsel Krim zu einem Hub für die Verlegung der ganzen Technik und Waffen aus Russland in den Süden unseres Landes geworden", sagt Wadym Skybizkyj, Vertreter des ukrainischen Geheimdienstes. "Auf der Krim werden Kampfgeräte und Munition angehäuft, mit denen später die russische Besatzungsarmee versorgt wird." Skybyzkyj schloss deshalb den Einsatz von M270 und HIMARS auf der Krim nicht aus.

Vor allem in den südlichen Regionen hofft die Ukraine auf militärische Erfolge. Eine große Gegenoffensive der Bodentruppen zeichnet sich bisher nicht ab. Angesichts der neuen Lieferungen werden die Streitkräfte vermutlich weiter russische Waffendepots angreifen. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Juli 2022 um 13:10 Uhr in der Sendung „Informationen am Mittag“.