Eine Frau schaut während eines Stromausfalls in ihrem Haus in Borodyanka (Region Kiew) aus dem Fenster und hält eine Kerze. (Aufnahme vom 20. Oktober 2022) | AP

Vorbereitung auf Winter 4000 Wärmestuben für frierende Ukrainer

Stand: 23.11.2022 07:56 Uhr

In Tausenden Wärmestuben sollen Ukrainer im Winter versorgt werden. Auch Internet, Strom und Wasser stünden dort laut Präsident Selenskyj zur Verfügung. Russische Angriffe auf Infrastruktur führen regelmäßig zu Ausfällen.

Mit Tausenden öffentlichen Wärmestuben will die von Russland angegriffene Ukraine ihre Bevölkerung durch einen kalten und dunklen Winter bringen. Mehr als 4000 solcher "Stabilitätspunkte" in Schulen und Verwaltungsgebäuden seien bereits vorbereitet, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj. Weitere sollten folgen. "Alle grundlegenden Dienstleistungen werden dort bereitgestellt", sagte er. "Dazu gehören Strom, mobile Kommunikation und Internet, Wärme, Wasser, Erste Hilfe. Völlig kostenlos und rund um die Uhr."

Der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko unterstrich den Ernst der Lage für die drei Millionen Einwohner zählende ukrainische Hauptstadt: "Das ist der schlimmste Winter seit dem Zweiten Weltkrieg", sagte er der "Bild"-Zeitung. Wegen der russischen Raketenangriffe auf das Elektrizitätsnetz kämpft die Ukraine mit Stromausfällen, zudem führen die Attacken zu großen Problemen bei Fernwärme, Wasser- und Gasversorgung.

Das EU-Parlament will über eine Resolution abstimmen, die Russland wegen der Angriffe auf zivile Ziele als staatlichen Sponsor von Terrorismus bezeichnen wird.

"Stabilitätspunkte" werden innerhalb von Stunden aktiv

"Sollte es erneut zu massiven russischen Angriffen kommen und die Stromversorgung nicht innerhalb weniger Stunden wiederhergestellt werden können, wird die Arbeit der 'Stabilitätspunkte' aktiviert", sagte Selenskyj. Die lokalen Behörden sollten darüber informieren, wo man im Falle eines längeren Stromausfalls Unterstützung finden kann. Auch Unternehmen seien gebeten, Räume und andere Hilfen zur Verfügung zu stellen.

Der erste Schnee der Saison bedeckt die Dächer von Wohngebäuden während eines Stromausfalls in Kiew. | EPA

Der erste Schnee der Saison bedeckt die Dächer von Wohngebäuden während eines Stromausfalls in Kiew. Bild: EPA

Klitschko: Auf das "schlimmste Szenario" vorbereitet sein

Für Kiew sagte Bürgermeister Klitschko, man müsse auf das "schlimmste Szenario" von flächendeckenden Stromausfällen bei tiefen Temperaturen vorbereitet sein: "Dann müssten Teile der Stadt evakuiert werden, aber so weit wollen wir es nicht kommen lassen."

Der Ex-Boxweltmeister warf dem russischen Staatschef Wladimir Putin vor, durch Angriffe auf die zivile Infrastruktur noch mehr Ukrainer in die Flucht treiben zu wollen. "Aber das wird nicht passieren. Mein Eindruck ist: Die Menschen werden nur noch wütender, noch entschlossener. Wir werden nicht sterben oder fliehen, so wie Putin es möchte." Klitschko bat Deutschland, neben Waffen dringend auch Generatoren, Schutzkleidung und humanitäre Güter zu schicken.

Ukraine: Russland hat genügend Raketen für mehr Angriffe

Russland verfügt nach Einschätzung des ukrainischen Sicherheitsrates noch über genügend Raketen für drei bis vier ähnlich schwere Angriffe wie am 15. November. Damals waren etwa 100 Raketen abgefeuert worden. "Die Russen haben zu einer schändlichen Praxis gegriffen, sie zerstören die Infrastruktur, von der das Leben von älteren Menschen, Kindern und Frauen abhängt", sagte der Sekretär des Rates, Oleksyj Danilow, dem Sender "Radio Liberty". "Das bedeutet, dass wir einen schwierigen Winter haben werden. Aber das bedeutet nicht, dass wir aufgeben oder kapitulieren sollten."

Verteidigungsminister Oleksij Resnikow veröffentlichte eine Übersicht zum angeblich verbleibenden russischen Raketenarsenal, wobei die Angaben aus Kiew nicht unabhängig überprüfbar sind. Von den Boden-Boden-Raketen des Typs Iskander seien 829 Stück, also mehr als vier Fünftel des Bestands verschossen worden, hieß es. Bei Luft-Boden-Raketen der Typen Ch-101 und Ch-555 sei noch die Hälfte des Arsenals da.

Selenskyj: Noch 2000 Städte und Dörfer zu befreien

Bodenkämpfe wurden wie in den Tagen zuvor vor allem aus dem Donbass im Osten der Ukraine gemeldet. Aus der Stadt Sewastopol auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim gab es am Dienstagabend Berichte über einen Angriff ukrainischer Drohnen. Stadtchef Michail Raswoschajew teilte mit, zwei Drohnen seien abgeschossen worden. Sie hätten ein Strom- und Heizkraftwerk im Stadtteil Balaklawa angreifen sollen. Über dem Meer nahe der Hafenstadt habe die Schwarzmeerflotte drei weitere Drohnen abgefangen.

Als Marinebasis der Schwarzmeerflotte ist Sewastopol für Russland strategisch wichtig. Das ukrainische Militär hat die Stadt schon mehrfach mit Kampfdrohnen aus der Luft angegriffen, einmal auch von See aus mit ferngesteuerten unbemannten Booten.

Landesweit müssen nach Angaben Selenskyjs noch etwa 2000 von russischen Truppen besetzte Städte und Dörfer befreit werden. Das sagte er nach Angaben des Präsidialamts in Kiew in einer Videobotschaft für französische Kommunalpolitiker. Einige Dutzend Orte wie die Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer oder Wolnowacha im Gebiet Donezk seien durch russische Angriffe völlig zerstört worden.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 23. November 2022 um 08:33 Uhr.