In einem Krankenhaus in Lyman (Ukraine) sitzen und liegen Verletzte in einem Flur | T. Dammers
Reportage

Krankenhäuser in der Ukraine Erstversorgung im Flackerlicht

Stand: 28.11.2022 14:57 Uhr

In der ostukrainischen Region Donezk sind die Kämpfe besonders hart. Vor allem bei gutem Wetter ist die Zahl der Toten und Verletzten hoch. Ärzte versorgen sie unter einfachsten Umständen und in steter Gefahr, selbst angegriffen zu werden.

Von Tobias Dammers, WDR, zurzeit Lyman

In einem Raum ohne Tageslicht, mit gekachelten Wänden und dem penetranten Geruch von Desinfektionsmitteln sitzt Oleksii mit blankem Oberkörper und verzerrt vor Schmerz das Gesicht. Von seinen Stiefeln und Knieschonern tropft feuchter Schlamm auf den Boden des OP-Saals.

Tobias Dammers ARD-Studio Warschau

Ein Arzt in olivgrünem Pullover zieht mit einer Zange einen mehrere Zentimeter langen Granatsplitter aus Oleksiis Rücken, Blut rinnt aus der Wunde. Eine andere Ärztin bereitet das Wundpflaster vor, ein weiterer Arzt setzt Oleksii eine Spritze in den Arm.

Die Granate sei direkt hinter ihm explodiert, erzählt Oleksii. Er ist Soldat der ukrainischen Armee, sein Frontabschnitt befindet sich in der Region Donezk, im Osten des Landes. "Es war eine von mehreren Dutzend Granaten, die geflogen kamen", sagt Oleksii. "Ich sorge mich um die Jungs, die immer noch da draußen sind."

Der Granatsplitter habe sich unter seiner Schutzweste in den Rücken gebohrt. Danach wurde er von Sanitätern abtransportiert und nach Lyman gebracht, einen Ort einige Kilometer hinter der Front. Hier betreiben Militärärzte und freiwillige Helfer ein provisorisches Krankenhaus, in dem Verwundete versorgt und Schwerverletzte notoperiert werden, bevor sie in die nächstgrößeren Städte transportiert werden.

Artilleriegefechte draußen, Verwundete auf den Fluren

Das Krankenhaus befindet sich in einem der vielen beschädigten Häuser von Lyman. Das Dach ist zerstört und notdürftig mit einer Plane abgedeckt. Der Strom kommt aus einem Generator. Draußen, ganz in der Nähe, ist immer wieder Artilleriefeuer zu hören. An klaren Tagen ohne Wolkendecke, berichten Ärzte, schauen sie in den Himmel und sorgen sich, dass russische Drohnen den Ort angreifen.

Innen, auf den Fluren, liegen verletzte Soldaten, die auf ihre Behandlung warten. Ein glatzköpfiger Soldat blutet aus dem Mund. Ein anderer Mann sitzt apathisch auf seiner Liege, unfähig zu sprechen. Ein weiterer Mann hat die linke Hand notdürftig umwickelt.

In einer Ecke stapeln sich Sanitätstragen, in deren Stoff sich das getrocknete Blut anderer Soldaten eingefressen hat. Viele Fälle versorgen Sanitäter und Ärzte direkt auf dem Flur, im fahlen Licht einer Glühbirne, zwischen Bergen aus Kleidern und Pappkartons. Nur die ernsten Fälle werden in den OP-Raum gebracht.

Blutbefleckte Tragen in einem Krankenhaus in Lyman (Ukraine) | T. Dammers

Die Blutflecken auf den Tragen zeugen von den dramatischen Umständen, unter denen im Krankenhaus von Lyman Nothilfe geleistet wird. Bild: T. Dammers

Granaten, Minen, Kriegstraumata

Dort lehnt sich ein kräftiger Mann mit schwarzen Haaren und leiser Stimme an einen Medikamentenschrank. Er heißt ebenfalls Oleksii und ist ein Chirurg des Krankenhauses. An seinem Gürtel hängt eine Pistole, er trägt Uniform und Kappe in Flecktarn.

Vor dem Krieg habe als ziviler Arzt in einem Hospital in Saporischschja gearbeitet, erzählt er. Nun kommandiert er die medizinische Abteilung der 66. Brigade der ukrainischen Armee, die das Krankenhaus mit betreibt.

Die häufigsten Verletzungen auf dem OP-Tisch stammten von Minen und Granatsplittern, berichtet Oleksii. Auch Schusswunden kämen vor, aber seltener. Und: Kriegstraumata, eine Art Schockreaktion nach Explosionen.

"Viele Leute haben den Krieg mit ihrem Leben bezahlt", sagt der Chirurg langsam, "für unsere Unabhängigkeit. Der Preis der Krieges ist hoch, aber der Sieg wird uns gehören." Auf die Frage, wie viele Verletzte pro Tag behandelt werden, antwortet Oleksii nicht. "Mir wäre lieber, es wären weniger", sagt er. 

An manchen Tagen, erzählen andere Ärzte und Sanitäter, werden bis zu 50 Verwundete gebracht. Vor rund einer Woche seien die Zahlen noch höher gewesen. Insbesondere immer dann, wenn das ukrainische Militär Offensiven durchführt oder wenn das Wetter schön ist. Denn, so die Ärzte, bei gutem Wetter nehmen auch die Kämpfe zu.

In einem Krankenhaus in Lyman (Ukraine) liegt ein Verletzter in einem Flur. | T. Dammers

Immerhin ein Platz in einem Flur - mehr aber auch nicht: In Lyman kommen nur die ganz schwer Verletzten in den OP-Saal. Bild: T. Dammers

Kaum Angaben zu Gefallenen und Verletzen

Verlässliche Zahlen zu gefallenen und verwundeten ukrainischen Soldaten gibt es nicht. Das ukrainische Militär äußert sich fast nie zu den eigenen Verlusten. Ende August sagte General Valeriyy Zaluzhnyi, der Oberkommandierende der ukrainischen Streitkräfte, dass fast 9000 Militärangehörige seit Beginn der russischen Invasion im Februar ums Leben gekommen seien.

Internationale Schätzungen gehen allerdings von deutlich höheren Zahlen aus, manche sogar von rund 100.000 gefallenen ukrainischen Soldaten. Wie viele es tatsächlich sind, lässt sich nicht überprüfen, ebenso wie die Zahl der Verwundeten.

Mehrfach hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj aber betont, dass in der Region Donezk die militärische Lage "am schwierigsten" sei. Hier greifen russische Truppen immer und immer wieder die ukrainische Verteidigungslinien an. Entsprechend hoch dürften die Verluste hier sein.

In einem Krankenhaus in Lyman (Ukraine) wird einem Soldaten ein Granatsplitter aus dem Rücken entfernt | T. Dammers

Ein Granatsplitter hat den Soldaten Oleksii getroffen - nun wird er entfernt. Was aus seinen Kameraden geworden ist, weiß Oleksii nicht. Bild: T. Dammers

Transporte unter Lebensgefahr

Wenn Schwerverletzte in das Krankenhaus in Lyman eingeliefert werden, geht es zunächst darum, den Patienten am Leben zu halten, beispielsweise durch Notfalloperationen. Für komplexere Eingriffe werden die Verletzten nach Kramatorsk oder Dnipro weitertransportiert, in spezialisierte Lazarette.

Den Transport übernehmen Männer wie Dmytri. Er ist ausgebildeter Rettungssanitäter, 34 Jahre alt, trägt Dreitagebart, Erste-Hilfe-Kit und Ringe unter den Augen. Dmytri ist stolz darauf, dass bei Transporten unter seiner Aufsicht noch kein Soldat verstorben ist, wie er sagt.

Der Sanitäter gehört zum Pirogov First Volunteer Mobile Hospital, einer Gruppe freiwilliger Ärzte und Helfer, die in dem Militärkrankenhaus helfen, auch unter persönlicher Lebensgefahr.

So findet der Transport von Schwerverletzten auch bei Artillerie- und Raketenbeschuss statt. Dann fahren Dmytri und andere Sanitäter in Schutzwesten und Helmen.

Der Rettungswagen ist ein umgebauter Lieferwagen, zur besseren Tarnung in braun und grün angestrichen. Die Ausrüstung wurde gespendet oder von den Freiwilligen selbst mitgebracht.

Ein zum Krankentransporter umgebauter Lieferwagen in der Ukraine. | T. Dammers

Auch ein Lieferwagen taugt in Lyman als Krankentransporter - ein Notbehelf bleibt er dennoch. Bild: T. Dammers

Selbst das Geld für die Tankfüllung fehlt

Weil viele schwerverletzte Soldaten unterkühlt ankommen, ist die Transportliege beheizbar. "Eine wunderbare Decke", nennt Dmytri es. Sie gebe den Patienten "eine um ein paar Prozent größere Chancen, zu überleben".

Trotzdem fehle es im Rettungswagen am Nötigsten. Manchmal reiche das Geld kaum für die Tankfüllung, so Dmytri.

Er schaut sich im Rettungswagen um. Auf die Beatmungsgeräte, die flackernden Monitore, die abgepackten Medikamente. Wer wisse schon, welche Talente die Menschen gehabt hätten, deren Leben der Krieg beendet habe - vielleicht seien sie sogar ein Genie gewesen, das etwas Unbezahlbares für die Menschheit hätte leisten können. "Das ist wahrscheinlich der Preis der Krieges."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 26. November 2022 um 22:50 Uhr.