Eine Gruppe von Flüchtenden, die unterwegs zur polnischen Grenze ist, legt in der Oblast von Lwiw eine Ruhepause ein. | picture alliance / ASSOCIATED PR
Interview

US-Nothilfe für die Ukraine "Nur noch Vorräte für zwei, drei Tage"

Stand: 01.03.2022 11:48 Uhr

USAID-Chefin Power hält bis zu fünf Millionen Flüchtende aus der Ukraine für möglich, die die Nachbarstaaten auffangen müssten. Sie beschreibt im Interview, wie Hilfsgüter in die Ukraine kommen können und wie sie die Rolle der USA sieht.

ARD: Sie haben Ihre Karriere als Journalistin in einem Kriegsgebiet begonnen. Wie ist es für Sie, jetzt wieder in dieser Welt zurück zu sein?

Samantha Power: Einerseits ist es wirklich beängstigend. Denn in Sarajevo herrschte die gleiche Stimmung wie bei den Ukrainern vor einer Woche. Sie konnten einfach nicht glauben, dass Menschen, mit denen sie einst zusammenarbeiteten, mit denen sie lebten, mit denen sie umgingen, sich auf diese Weise gegen sie wenden würden. Und so höre ich von den Ukrainern, dass sie einfach schockiert sind, dass Russland so etwas getan hat. Und das habe ich damals in Bosnien auch gehört. Aber es ist beeindruckend, wie anders die demokratische Welt jetzt reagiert. In Bosnien gab es so viel Spaltung. Wir haben uns in vielerlei Hinsicht nur sehr langsam zusammengerauft. Deshalb ermutigt mich zumindest die Tatsache, dass wir etwas gelernt haben, nämlich: dass wir gemeinsam stärker sind.

Samantha Power | AFP
Zur Person

Samantha Power leitet die größte US-Hilfs- und Entwicklungsbehörde "United States Agency for International Development" (USAID). Zuvor war sie US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen und Pulitzer-preisgekrönte Reporterin, die unter anderem aus dem Bosnien-Krieg berichtete.

ARD: Sie kommen gerade von der ukrainisch-polnischen Grenze. Wie ist dort die Situation?

Power: Es ist überwältigend. Es sind Familien, die rüberkommen. Eigentlich sind es fast nur Frauen und Kinder, denn die Männer sind zurückgeblieben, um sich am Kampf zu beteiligen; sei es in der Logistik oder in der Kommunikation - oder einfach nur, um zu den Waffen zu greifen, obwohl viele noch nie eine Waffe in der Hand hatten.

Der Kummer, den man in den Gesichtern der Mütter, Töchter und Ehefrauen sieht, ist überwältigend. Der Flüchtlingsstrom ist sehr dicht, weil so viele Menschen kommen. So etwas hat es wahrscheinlich seit dem Zweiten Weltkrieg (in der Ukraine, Anmerkung der Redaktion) nicht mehr gegeben. Es dauert also ein bisschen, bis das in geordneten Bahnen läuft. Deshalb gibt es auf der ukrainischen Seite viel Rückstau, wie Sie wissen. Es gibt also viel Not, weil es sehr kalt ist. Es gibt nicht viel zu essen. Den Autos geht der Treibstoff aus.

"Die meisten Flüchtlinge haben schon ein Ziel"

ARD: Wie viele Menschen erwarten Sie? Welche Dimension kann das annehmen?

Power: Wenn dies ein Kampf bis zum Ende ist, könnten wir eine Massenbewegung sehen. Schätzungen von fünf Millionen Menschen sind nicht verrückt, sogar höher als das, offen gesagt. Aber es gibt viele Eventualitäten: Wirken sich die Sanktionen von EU, USA und anderen auf Putins Kalkül aus? Oder die Tatsache, dass die Ukrainer sich wehren und Widerstand leisten? Ich denke, wir sollten uns auf das Schlimmste vorbereiten und dann weiterhin die Diplomatie unterstützen. In der Hoffnung auf einen Ausweg.

ARD: Im Moment arbeiten Europäer und US-Amerikaner eng zusammen. Wenn mehr Flüchtlinge kommen: Sind die USA bereit, Ukrainer aufzunehmen?

Power: Die meisten Flüchtlinge, mit denen ich gesprochen habe, hatten schon ein Ziel: ukrainische Freunde oder Verwandte - irgendwo in Polen. Viele von ihnen wollten auch nach Deutschland. Und wir trafen ein paar Leute, die Verbindungen nach Amerika hatten. Im schlimmsten Fall würden wir uns mit der Ukraine solidarisch zeigen. Aber im Moment wollen die Menschen erstmal aus der Ukraine raus, weg von der Gefahr. Die Nachbarstaaten und die EU haben also eine entscheidende Rolle.

"Dafür sorgen, dass Hilfe an die Grenze kommt"

ARD: Lassen Sie uns über die Menschen in der Ukraine sprechen. Wie ist ihre Situation? Wie ist die Versorgung?

Power: Die schlechte Nachricht ist: Die Gewalt ist so weit verbreitet, dass es für Mitarbeiter von Hilfsorganisationen sehr schwierig ist, sich zu bewegen. Die Sicherheitsbedingungen sind wirklich ungünstig für eine größere Hilfsaktion. Das ist aber normal am Anfang eines Konflikts. Unsere Aufgabe als EU und USA ist es, dafür zu sorgen, dass Hilfsorganisationen ihr Personal aufstocken können. Wir müssen dafür sorgen, dass sie über die notwendigen Schutzwesten und Helme verfügen, um sich bewegen zu können und zu sehen, was gebraucht wird. Die Herausforderung ist, dass viele Helfer sich an die Lage erst anpassen müssen: Im Moment haben viele ihre Mitarbeiter zum Beispiel im Osten und nicht in Kiew - weil sie nie dachten, dass der Krieg bis in die Hauptstadt kommen würde.

ARD: Aber ist es im Moment möglich, Hilfsgüter in die Ukraine zu schicken?

Power: Es ist möglich, aber wir müssen durch die Staus an der Grenze durch, wo die Menschen versuchen raus zu kommen und wo wir mit Lebensmitteln rein wollen. All das wird sicher geklärt werden. Und auf der ukrainischen Seite gibt es nicht viele Möglichkeiten, weil viele Ukrainer gerade auch selbst kämpfen. Wir müssen also dafür sorgen, dass unsere Hilfe an die Grenze kommt - und dass die Ukrainer diese Hilfe annehmen und nach eigenem Ermessen verteilen können.

"Über Nacht wurde das Undenkbare denkbar"

ARD: Wissen Sie schon, was die Ukrainer am meisten brauchen und was Sie liefern müssen?

Power: Das variiert. Wir haben schon bevor Putin angegriffen hat 600 Satellitentelefone an humanitäre Helfer und ukrainische Beamte verteilt - für eine sichere Kommunikation. Jetzt habe ich auch gehört, dass in Kiew in vielen Teilen der Stadt die Lebensmittel knapp werden. Es gibt nur noch Vorräte für zwei, drei Tage. Es wird also wichtig sein, Lebensmittel aus einer Stadt wie Lwiw, die im Moment relativ ruhig ist, nach Kiew zu bringen. Wenn also Zivilisten aus Kiew evakuiert werden, zum Beispiel mit dem Zug, wollen wir, dass jeder Zug der zurückfährt, vollbeladen ist, damit wir damit beginnen können, Lebensmittel in die Stadt zu bringen.

ARD: Sie waren auch US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen. Sie denken also auch an die Politik. Wie bewerten Sie, was in Europa in den letzten Tagen passiert ist?

Power: Erstmal ist es auf emotionaler Ebene sehr bewegend. Wissen Sie, es gab viele Debatten über Europa und die Zukunft Europas - und Europa hat mit Taten beantwortet, woran es glaubt und wofür es steht. Über Nacht wurde das Undenkbare denkbar. Dass Europa sich zu solch strengen Sanktionen zusammenfinden würde, um diesen Affront gegen die Menschlichkeit, diese grausame Aggression gegen unschuldige Menschen zu bestrafen.

ARD: Und speziell zu den Entwicklungen in Deutschland, der Verstärkung der Bundeswehr - was denken Sie darüber?

Power: Wie Sie wissen, haben wir als Mitarbeiter der US-Regierung an Deutschland und an alle NATO-Mitglieder appelliert, die Verteidigungsausgaben entsprechend den globalen Erfordernissen zu erhöhen. Wir halten dies also für absolut entscheidend. Schade, dass es diesen Anlass brauchte: Aber wir glauben, dass es die Partnerschaft zwischen USA und Deutschland nur stärkt.

Das Gespräch führte Markus Preiß, ARD-Studio Brüssel.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. März 2022 um 10:00 Uhr.