Die Präsidenten der Ukraine und der Türkei, Selenskij und Erdogan | AFP
Hintergrund

Türkei und Ukraine Das Geschäft mit den Drohnen

Stand: 27.04.2021 05:11 Uhr

Russische Militäraktivitäten im Schwarzen Meer bedrohen nicht nur die Ukraine, sie ärgern auch die Türkei. Ein Grund mehr für beide zu kooperieren. Ihre Interessen ergänzen sich nicht nur im Rüstungsbereich.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Mit einem massiven Truppenaufmarsch an der Grenze zur Ukraine hat Russland in den vergangenen Wochen seine militärische Stärke demonstriert. Auch wenn Verteidigungsminister Sergej Schoigu das Ende des Militärmanövers angekündigt hat, bleibt die Lage insbesondere im Schwarzen Meer angespannt: Russland verbietet ausländischen Kriegs- und anderen staatlichen Schiffen bis zum Herbst das Befahren der Gewässer um die annektierte Krim. Der Ukraine wird dadurch die Zufahrt zu ihren eigenen Häfen im Asowschen Meer erschwert.

Silvia Stöber tagesschau.de

Militärische Kapazitäten: Zwerg gegen Riese

Auch wenn die Ukraine seit Beginn des Konflikts in der Ostukraine 2014 ihre Streitkräfte modernisiert hat und ihre Soldaten inzwischen besser ausbildet, fehlen ihr nach Ansicht von Experten nach wie vor die Kapazitäten, einem russischen Angriff auf Dauer standzuhalten.

Dem "Stockholm International Peace Research Institute" (SIPRI) zufolge gab die Ukraine im Jahr 2019 für militärische Zwecke 5,2 Milliarden US-Dollar aus, Russland hingegen 65 Milliarden. Der "Global Firepower Index" führt für die Ukraine 255.000 Soldaten und 900.000 Reservisten auf - für Russland eine Million Soldaten und zwei Millionen Reservisten.

Während Russland mit 13.000 Panzern weltweit an der Spitze liegt, verfügt die Ukraine über 2430 Stück dieser Kampffahrzeuge. Die Liste ließe sich bis zum Thema Atomwaffen fortsetzen: Die Ukraine hatte 1994 freiwillig auf diese Waffen verzichtet im Gegenzug für die Garantie seiner territorialen Integrität durch Russland, Großbritannien und den USA.

Unerfüllte Wunschliste der Ukraine

Die Vereinigten Staaten leisteten der Ukraine nach dem Bruch dieses Übereinkommens durch Russland 2014 bilateral und im Rahmen der NATO Unterstützung. Dazu zählt die Lieferung von Panzerabwehrraketen des Typs "Javelin" seit 2018. US-Medienberichten zufolge dürfen die ukrainischen Streitkräfte "Javelin" seit Juli 2020 auch in der Ostukraine einsetzen, dies aber ausschließlich zu Verteidigungszwecken.

Doch die Wunschliste der Ukrainer an die USA bleibt lang: Darauf stehen auch Flugabwehrsysteme wie das Boden-Luft-Raketensystem "Patriot" des US-Herstellers Raytheon. Einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen" vom Sonntag zufolge bittet die Regierung in Kiew auch Deutschland um Defensivwaffen. Dazu zählten Flugabwehr, Teile von Schiffsabwehrraketen und Minenräumgerät. Der Wunsch nach gebrauchten deutschen Korvetten sei nicht erfüllt worden.

NATO-Partner Türkei zögert weniger

Ein anderer NATO-Staat ist da weit weniger zögerlich - die Türkei, die eine Kooperation mit der Ukraine aus eigenen Interessen verfolgt. Denn Russland umzingelt die Türkei geradezu mit militärischen Aktivitäten, angefangen vom Schwarzen Meer über den Südkaukasus bis hin zum südlichen Nachbarn Syrien und das Mittelmeer. Wenn Russland für die Türkei kein Feind ist, so doch ein Rivale.

Präsident Recep Tayyip Erdogan verurteilte die russische Besetzung der Krim mehrfach und unterstützt die muslimischen Krimtataren, von denen viele inzwischen geflohen sind. So verkündete die türkische Regierung den Bau von 500 Häusern für Krimtataren in der Ukraine bei einem Treffen Erdogans mit Präsident Wolodymyr Selenskyj Mitte April in Ankara.

Rüstungsgeschäfte zum beiderseitigen Vorteil

Bei den Gesprächen inmitten des russischen Truppenaufmarschs stand ein weiteres Thema weit oben auf der Agenda: die Vertiefung der militärisch-technischen Kooperation. Laut einer Mitteilung des ukrainischen Verteidigungsministeriums verhandelten die Fachminister beider Seiten konkret über die Umsetzung von Verträgen vom Dezember 2020 zum Bau von Schiffen der Korvetten-Klasse, Kooperation bei Aufklärungs- und Kampfdrohnen des Typs "Bayraktar" und weitere Projekte insbesondere in der Luftfahrtindustrie.

Bei den "Bayraktar TB2" mit dazugehöriger Munition und Kontrollstationen handelt es sich um einen Großauftrag. Eine kleinere Anzahl dieser unbemannten Fluggeräte hat die Ukraine bereits gekauft und setzte sie zumindest testweise ein.

Ein Zeichen dafür, dass Russland darauf reagiert, könnte eine Militärübung von Anfang April sein, bei der russischen Streitkräfte an der Grenze zur Ukraine auch Maßnahmen zur "elektronischen Kriegsführung und Flugabwehr zum Schutz vor Drohnenangriffen" trainiert werden sollten.

Die türkischen Drohnen erwiesen sich in Syrien, Libyen sowie im Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan als effektiv auch gegen russische Waffensysteme. Allerdings verweisen Experten darauf, dass Verbündete Russlands üblicherweise nicht die neueste Kampftechnik erhalten. Zudem entwickeln russische Unternehmen anhand der Erfahrungen bei Einsätzen wie in Syrien Drohnen und Flugabwehr weiter.

Triebwerke aus der Ukraine

Ähnlich ist es mit der Türkei. Deren Hersteller sind bislang allerdings auch auf - zumeist nicht militärische - Bauteile aus dem Ausland angewiesen, für die Bayraktar-Drohnen beispielsweise aus Deutschland, Kanada und Österreich. Nachdem dies bekannt wurde, versuchten die kanadische Regierung und der Mutterkonzern Bombardier des österreichischen Motorenherstellers ROTAX, dies zu unterbinden.

Bei den Motoren springt die Ukraine ein, die in einem Joint Venture mit der Türkei auch selbst Bayraktar-Drohnen herstellen wird. Darüber hinaus soll die Ukraine unter anderem Motoren für einen größeren Kampfdrohnentyp mit Namen Akinci an die Türkei liefern.

Auf diese Weise gleichen die Ukraine und die Türkei untereinander aus, was ihnen andere Staaten wie die USA nicht an Waffen oder Bauteilen liefern - auch als Antwort auf die Militarisierung der Region durch Russland.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. April 2021 um 06:45 Uhr.