Rettungskräfte suchen nach einem Raketenangriff auf ein Wohnhaus in Tschassiw Jar unter den Trümmern nach Überlebenden. | REUTERS

Angriff auf Tschassiw Jar "Bist du noch am Leben?"

Stand: 11.07.2022 18:18 Uhr

Nach dem Raketenangriff auf ein Wohnhaus in Tschassiw Jar ist die Zahl der geborgenen Opfer auf mehr als 30 gestiegen. Wie viele Menschen noch vermisst werden, ist unklar. Präsident Selenskyj verurteilte den Beschuss ziviler Objekte.

Von Palina Milling, WDR

Es sind grauenvolle Szenen, die sich den Rettungskräften im ostukrainischen Tschassiw Jar bieten. Ein fünfstöckiges Haus gleicht einem Trümmerhaufen. Zwischen Betonbrocken und Ziegelsteinen liegt die menschliche Existenz dort in Fetzen. Der Raketeneinschlag hat Habseligkeiten und ihre Besitzerinnen und Besitzer unter dem Schutt begraben.

Palina Milling

Die Einsatzkräfte versuchen trotzdem noch, Überlebende herauszuholen. Eine Aufnahme des ukrainischen Katastrophendienstes zeigt, wie das geschieht: "Bist du noch am Leben?", ruft einer der Retter. Die Männer halten inne und hören hin: "Bitte sag' was!"

Dann hocken die Rettungskräfte um eine Betonplatte herum, dahinter befindet sich offenbar noch ein Mann, der am Leben ist. Sie reichen ihm einen Helm, damit er beim Herausholen den Kopf schützen kann. "Wir werden jetzt die Platte anheben und die Ziegelsteine werden herunterfallen", ruft einer. Schließlich zieht einer der Einsatzkräfte den Mann heraus, seine Beine sind voller Blut.

Acht Menschen holte der Katastrophendienst aus den Trümmern. Mindestens 31 Menschen überlebten den Angriff nicht. Wie viele noch vermisst werden, ist unklar.

Selenskyj will Verantwortliche verfolgen

Tschassiw Jar ist ein kleines Städtchen im Norden des Donezker Gebietes, 12.000 Menschen lebten dort vor Kriegsbeginn. Der Ort ist bekannt für seinen besonderen Lehm, der für Kaminziegel verwendet wird. Militärstützpunkte gab es dort nach ukrainischen Angaben jedenfalls nie. Und trotzdem haben russische Truppen Raketen auf den Ort gerichtet. Auf Wohnhäuser.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij erhob schwere Vorwürfe. "Das war ein Raketenangriff. Und jeder, der solche Raketenangriffe befiehlt, jeder, der sie auf unsere Städte, auf Wohnviertel ausübt, tötet bewusst", sagte er.

Nach solchen Angriffen können die Mörder nicht sagen, dass sie etwas nicht gewusst oder nicht verstanden hätten. Alle, die diesen Beschuss und andere Angriffe ausführen, alle, die unsere Städte aus der Raketenartillerie beschießen, werden gefunden.
Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

"Das ist alles einfach nur grausam"

Zuvor hatten Angriffe auch die Metropole Charkiw erschüttert. Im Zentrum wurden mehrere Stockwerke eines Hochhauses zerstört. Eine Bewohnerin erzählte im ukrainischen Fernsehen:

Die Fensterscheiben prasselten herunter und wir rannten in Nachthemden nach draußen. Wir Frauen rannten einfach nur raus. Wir kamen dann später wieder zurück, um zumindest die Dokumente zu holen. Das ist alles einfach nur grausam.

Insgesamt meldete der Katastrophenschutz drei Raketen auf Charkiw. Neben dem Angriff in der Innenstadt schlugen sie in einer Schule ein und in der Nähe einer Lagerhalle.

Angriff auf Charkiw: 28 Verletzte und drei Tote

Seit Ausbruch des Krieges steht Charkiw im Visier der russischen Truppen. Kaum eine Woche vergeht dort ohne Beschuss. Vom Flair einer quirligen Studentenstadt ist nichts mehr geblieben. In der überwiegend russischsprachigen Gegend prägt nun Angst den Alltag. Erneut berichtete der Gouverneur der Region, Oleg Sinegubow, von Artilleriebeschuss: Es gebe in Charkiw 28 Verletzte und drei Tote.

"Seit dem Beginn dieser Invasion tun ukrainische Staatsanwälte alles, um die Verbrechen der Besatzer zu dokumentieren und Beweise zu sammeln", sagte Selenskyj. Man haben Partner aus mehreren Ländern hinzugezogen. "Der russische Terror hat längst jede Grenze überschritten, so dass die zivilisierte Welt eingesehen hat, dass es eine Frage der globalen Sicherheit ist."

Die Strafverfolgung dieser Fälle dürfte denkbar schwierig werden. Viele Prozesse würden in Abwesenheit stattfinden, sagte die ukrainische Generalstaatsanwältin Iryna Wenediktowa. Dies sei jedoch eine Frage der Gerechtigkeit. Täglich erreichen die Generalstaatsanwaltschaft nach eigenen Angaben 200 bis 300 Meldungen über Kriegsverbrechen. Man ermittle inzwischen in mehr als 21.000 Fällen.