Löscharbeiten an einem Elektrizitätswerk in der Ukraine | AP

Nach russischem Teilabzug Umfassende Stromausfälle in Ostukraine

Stand: 11.09.2022 22:43 Uhr

In weiten Teilen der Ostukraine ist der Strom ausgefallen. Kiew machte russische Angriffe auf die Infrastruktur dafür verantwortlich. Zuvor hatte die Ukraine die Rückeroberung weiterer russisch besetzter Gebiete in der Region gemeldet.

Nach dem Teilrückzug der eigenen Truppen hat Russland ukrainischen Angaben zufolge die kritische Infrastruktur des Nachbarlandes beschossen. Die ostukrainischen Regionen Charkiw und Donezk seien komplett ohne Strom, teilte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf Twitter mit. "Russische Terroristen bleiben Terroristen", schrieb er dazu. Sie würden es nicht auf militärische Ziele absehen, sondern die Menschen in der Ukraine ohne Strom und Heizung zurücklassen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Angriffe auf kritische Infrastruktur

Der Gouverneur der Region Charkiw erklärte, russische Angriffe auf "wichtige Infrastruktur" hätten die Strom- und Wasserversorgung unterbrochen. Die Rettungsdienste arbeiten daran, die Brände an den getroffenen Orten unter Kontrolle zu bringen. Der Gouverneur der Region Dnipropetrowsk warf den russischen Truppen vor, "Energie-Infrastruktur" angegriffen zu haben, um sich für ihre "Niederlage auf dem Schlachtfeld" zu rächen. Sein Amtskollege in der der Region Sumy berichtete, mindestens 135 Städte und Dörfer seien von Stromausfällen betroffen.

Zwischenzeitlich gab es in der gesamten Ukraine Luftalarm. Teils berichteten Anwohner in sozialen Netzwerken von Explosionsgeräuschen. In Charkiw, wo russische Einheiten erst kurz zuvor abgezogen waren, schrieb der Bürgermeister der gleichnamigen Gebietshauptstadt Charkiw, Ihor Terechow, auf Telegram: "Das ist eine abscheuliche und zynische Rache des russischen Aggressors für die Erfolge unserer Armee."

Gegenoffensive schreitet voran

Zuvor hatte die ukrainischen Truppen ihre Gegenoffensive im Nordosten sowie im Süden des Landes weiter vorangetrieben. Gouverneur Oleh Synjehubow teilte mit, mehr als 40 Orte in Charkiw seien wieder unter ukrainischer Kontrolle. Der ukrainische Militärchef Walerij Saluschnjy erklärte, seit Beginn der Gegenoffensive Anfang September seien etwa 3000 Quadratkilometer Land zurückerobert worden.

Zwei Drittel der zurückeroberten Gebiete seien in sehr kurzer Zeit wieder eingenommen worden, sagte der Sprecher des ukrainischen Generalstabs, Oleksandr Schtupun. "Das Ende der Besatzung in der Ukraine geht weiter. Insgesamt haben wir in den letzten Tagen etwa 2000 Quadratkilometer ukrainisches Territorium von russischer Besatzung befreit. Unsere Einheiten sind nach Kupjansk vorgedrungen und sind dabei, Ortschaften in den Gegenden Kupjansk und Isjum des Gebiets Charkiw zu befreien."

Russland gesteht Geländeverluste ein

Das russische Ministerium zeigte beim täglichen Briefing auf einer Karte den Umfang des Abzugs: Demnach kontrolliert die russische Armee nur noch einen kleinen Teil im Osten der Region östlich des Flusses Oskol. Beim Briefing am Vortag hatte die Karte noch ein weitaus größeres Gebiet als unter russischer Kontrolle stehend ausgewiesen.

Russen sollen sich auch aus Cherson zurückziehen

Nach ihrer Niederlage im ostukrainischen Gebiet Charkiw ziehen sich russische Truppen nach Angaben aus Kiew zufolge auch aus Teilen des südlichen Gebiets Cherson zurück. In einigen Orten hätten die Besatzer dort bereits ihre Positionen verlassen, teilte der ukrainische Generalstab mit. In der Stadt Nowa Kachowka hätten die russischen Soldaten ein Krankenhaus geräumt, um sich darin nun selbst zu verschanzen, hieß es weiter. Unabhängig überprüft werden können diese Angaben nicht.

Deutliche Kritik von russischem Verbündeten

Der dem Kreml treu ergebene tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow machte indes Fehler der russischen Militärführung für den Rückzug aus Charkiw verantwortlich: "Sie haben Fehler gemacht und ich glaube, sie werden die notwendigen Schlüsse ziehen", erklärte er auf Telegram mit Blick auf die Militärführung.

"Wenn sie keine Änderungen an der Strategie der militärischen Spezialoperation innerhalb der nächsten ein, zwei Tage vornehmen, werde ich gezwungen sein, die Führung des Verteidigungsministeriums und die Führung des Landes zu kontaktieren, um die tatsächliche Lage vor Ort zu erklären", schrieb Kadyrow weiter. Beobachter werteten seine Aussagen als Anzeichen möglicher Spannungen innerhalb der russischen Reihen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. September 2022 um 23:45 Uhr.