Ein ukrainischer Soldat läuft an den Trümmern einer russischen Rakete vorbei in Lyssytschansk, Ukraine. | REUTERS

Krieg gegen die Ukraine Ukrainischer Rückzug aus Sjewjerodonezk?

Stand: 08.06.2022 14:36 Uhr

Die schweren Kämpfe um Sjewjerodonezk halten an. Die ukrainische Seite erleidet offenbar hohe Verluste und erwägt einen strategischen Rückzug aus der Stadt. Andernorts erzielten die russischen Truppen indes kaum Fortschritte, so Präsident Selenskyj.

Die ukrainischen Streitkräfte müssen sich nach Angaben eines Regionalgouverneurs möglicherweise aus der heftig umkämpften Stadt Sjewjerodonezk im Osten der Ukraine zurückziehen. Die strategisch wichtige Stadt werde "rund um die Uhr bombardiert", sagte der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Hajdaj, dem Sender "1+1". "Es ist möglich, dass wir uns zurückziehen müssen" in besser befestigte Stellungen, so Hajdaj. Zugleich versicherte er: "Niemand wird etwas aufgeben."

Sjewjerodonezk wird zum Teil von russischen Truppen kontrolliert. Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu hatte erklärt, die russischen Streitkräfte hätten die Wohngebiete der Stadt voll unter Kontrolle. Hajdaj dementierte die russische Darstellung, die Verteidigung der Stadt sei aber eine "Mission Impossible".

Eine Einnahme von Sjewjerodonezk und der Nachbarstadt Lyssytschansk würde Russland den Vormarsch auf die Großstadt Kramatorsk in der Region Donezk ermöglichen. Die Regierung in Moskau käme somit ihrem Ziel der vollständigen Eroberung des Donbass einen entscheidenden Schritt näher.

Generalstab: Halten Sturm auf Sjewjerodonezk stand

Der Generalstab der Ukraine hatte zuvor mitgeteilt, dass die ukrainischen Truppen dem russischen Sturm auf die Stadt erfolgreich standhielten. Sie wehrten demnach auch die Angriffe auf die Orte Toschkiwka und Ustyniwka weiter südlich ab.

Gouverneur Hajdaj erklärte, die russische Armee versuche jedoch weiterhin, das Industriegebiet und die umliegenden Siedlungen zu erobern. Er sagte, der Feind habe "alle Kräfte, alle Reserven mobilisiert", um die Hauptstraße von Lyssytschansk nach Bachmut abzuschneiden und so beide Großstädte einzukesseln. "Sie bombardieren Lyssytschansk sehr heftig", so Hajdaj über die Nachbarstadt, die durch einen Fluss von Sjewjerodonezk getrennt ist.

Es sei damit zu rechnen, dass Russland die Bombardierung von Sjewjerodonezk und Lyssytschansk verstärken werde. Vermutlich werde Russland eine gewaltige Offensive beginnen, auf die es all seine Bemühungen konzentriere, so Hajdaj.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Russland: Hohe Verluste für ukrainisches Militär

Die ukrainischen Streitkräfte verzeichnen nach russischen Angaben hohe Verluste bei den Kämpfen um die Region Donbass im Osten des Landes. Allein bei Gefechten um die Stadt Swjatohirsk habe die Ukraine innerhalb von drei Tagen mehr als 300 Kämpfer verloren, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow. Zudem seien 15 Kampffahrzeuge und 36 Waffensysteme zerstört worden.

Der Generalleutnant berichtete auch von russischen Raketenangriffen auf eine Panzerfabrik in Charkiw. Im Gebiet um die Millionenstadt seien zudem mehrere Gefechtsstände und Truppenansammlungen sowie Stellungen von Raketenwerfern mit Luft-Boden-Raketen beschossen worden. Darüber hinaus habe Russland seine taktische Luftwaffe, die Raketenstreitkräfte und Artillerie in den Gebieten Donezk und Luhansk sowie im südukrainischen Saporischschja eingesetzt. Insgesamt habe die Ukraine binnen 24 Stunden mehr als 480 Soldaten verloren.

Nach ukrainischen Angaben wiederum starben seit Kriegsbeginn 31.000 russischen Soldaten. Dies seien fast 300 Tote am Tag, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner abendlichen Videobotschaft. "Es wird jedoch der Tag kommen, an dem selbst für Russland die Zahl der Verluste inakzeptabel wird." Eine unabhängige Bestätigung der Toten auf beiden Seiten ist nicht möglich.

Selenskyj: Keine russischen Fortschritte im Donbass

Nach Angaben Selenskyjs erzielten die russischen Streitkräfte im Donbass zuletzt keine bedeutenden Kriegsfortschritte. In seiner Videoansprache erklärte er, während des vergangenen Tages habe Russland keine nennenswerten Fortschritte erzielt und "die absolut heroische Verteidigung des Donbass hält an".

Selenskyj sagte, die russischen Truppen hätten eindeutig nicht mit so viel Widerstand gerechnet und versuchten jetzt, zusätzliche Truppen und Ausrüstung in die Region zu schaffen. Das gelte auch für die südliche Region Cherson, die Russland früh im Krieg besetzt hatte.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/07.06.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/07.06.2022

Separatisten beginnen Prozess gegen Ausländer

Die Separatisten im Donbass-Gebiet haben nach eigenen Angaben den Prozess gegen drei Ausländer aus den Reihen der ukrainischen Armee begonnen. Das oberste Gericht der selbsternannten separatistischen Donezker Volksrepublik habe Anklage gegen zwei Briten und einen Marokkaner wegen Söldnertums erhoben, berichtete die russische staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti mit Verweis auf ein vom Gericht bereitgestelltes Video. Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft bereits erklärt, dass gegen die Angeklagten die Todesstrafe verhängt werden könne.

Auf dem Video sei zu sehen, wie die drei Männer hinter Gittern mittels Übersetzer befragt werden, ob sie mit der Anklage bekannt gemacht worden seien und ob sie Einwände gegen den Prozessbeginn hätten. Die Angeklagten gaben demnach ihr Einverständnis zum Start der Verhandlungen.

Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, erklärte, die ausländischen Kämpfer würden nicht als Kombattanten betrachtet. Die internationalen Konventionen zur Behandlung von Kriegsgefangenen würden für sie nicht gelten. Daher müssten sie bei einer Gefangennahme "im besten Fall" mit einer langen Gefängnisstrafe rechnen.

Selenskyj kündigt "Buch der Henker" an

Selenskyj kündigte unterdessen ein neues Informationssystem zu Kriegsverbrechen an. In der kommenden Woche solle ein "Buch der Henker" gestartet werden, in dem bestätigte Informationen über Kriegsverbrecher und Kriminelle der russischen Streitkräfte gesammelt werden sollen, so der Präsident in seiner Videobotschaft. "Ich habe wiederholt betont, dass sie alle zur Rechenschaft gezogen werden. Und wir gehen das Schritt für Schritt an."

Bei den gesammelten Informationen gehe es um "spezifische Fakten über spezifische Menschen, die spezifische Gewaltverbrechen gegen Ukrainer begangen haben", so Selenskyj. Es gehe darum, nicht nur die direkten Täter wie etwa die Soldaten zur Verantwortung zu ziehen, sondern auch deren Befehlshaber, die die Taten ermöglicht hätten.

Mehr als 1000 Kriegsgefangene aus Mariupol in Russland

Mehr als 1000 ukrainische Kriegsgefangene aus dem eroberten Asowstal-Werk in Mariupol wurden nach russischen Angaben mittlerweile nach Russland gebracht. Die russischen Strafverfolgungsbehörden beschäftigten sich derzeit mit ihnen, meldete die russische Staatsagentur Tass unter Berufung auf Sicherheitskreise. Unter ihnen könnten mehr als 100 ausländische Kämpfer sein. Bald würden noch mehr ukrainische gefangene Soldatinnen und Soldaten aus der südostukrainischen Hafenstadt nach Russland transportiert.

Zudem übergab Russland der Ukraine nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdiensts inzwischen die Leichen von 210 beim Kampf um die Hafenstadt Mariupol getöteter Soldaten. Die meisten der Toten hätten zu den letzten Verteidigern des Asowstal-Werks gehört, hieß es. Der Militärgeheimdienst machte keine Angaben dazu, wie viele Leichen noch in den Trümmern der Anlage vermutet werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. Juni 2022 um 12:00 Uhr.