Eine Frau in einem Bus Saporischschja, Ukraine | Cemal Tasdan
Reportage

Flüchtlinge in Saporischschja Gerettet - aber die Erinnerungen bleiben

Stand: 10.04.2022 10:05 Uhr

Wer aus Mariupol und anderen Orten im Südosten der Ukraine fliehen kann, landet in Saporischschja. Hier ist der zentrale Sammelplatz, Hunderte kommen an - beladen mit Trauer und bitteren Geschichten.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul, zzt. Ukraine

Es sind sieben typische Stadtbusse, die vom Roten Kreuz organisiert wurden. Etwas heruntergekommen sehen sie aus. So, als ob sich jemand dachte, solche Busse beschlagnahmen die russischen Soldaten bestimmt nicht.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Hinter den schmutzigen Scheiben sind müde, ernst blickende Gesichter zu sehen. Alte, junge, weiche, harte Gesichter. Gesichter von Frauen, Kindern und auch ein paar Männern, aber allesamt müde und erschöpft von einer Fahrt durch ein Kriegsgebiet, von einer Flucht aus umkämpften Städten im Süden der Ukraine, wie Mariupol.

Das Ziel der Busse ist der Parkplatz eines Einkaufszentrums am südöstlichen Rand von Saporischschja. Hier ist die zentrale Sammelstelle für Flüchtlinge aus den russisch kontrollierten Gebieten. Etwa 35 Kilometer entfernt vom Parkplatz liegt die Front. Südlich dieser Front kontrolliert die russische Armee ukrainisches Land.

Menschen vor Bussen in Saporischschja, Ukraine | Cemal Tasdan

Erschöpft kommen Menschen am zentralen Sammelplatz für Geflüchtete in Saporischschja an. Bild: Cemal Tasdan

Immer wieder in den vergangenen zehn Tage wollte das Rote Kreuz von hier aus Busse nach Mariupol schicken, um Menschen aus der umkämpften Stadt zu holen, die die tägliche Lebensgefahr durch den fortwährenden russischen Beschuss nicht mehr ertragen können.

Doch Putins Armee will dem Roten Kreuz keinen Zugang gewähren. So fahren die Busse nur bis in die Küstenstadt Berdjansk, die etwa 40 Kilometer südwestlich von Mariupol liegt.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/09.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/09.04.2022

Zu Fuß geflohen

Die in Saporischschja aus den Bussen steigenden Menschen müssen sich von Polizisten registrieren lassen. Eine unbürokratische, schnelle Prozedur. Bei manchen blicken die Sicherheitskräfte in die Taschen und sehen sich das Mobiltelefon an. Es könnten russische Saboteure unter den Flüchtlingen sein, so die Sorge der ukrainischen Polizei.

Ein Ehepaar steigt mit einer älteren Dame aus dem Bus. Der Mann stellt sich als Alexandr vor, seine Frau heiße Alla. Einen Nachnamen wollen sie nicht nennen. Sie kämen aus dem seit Wochen umkämpften Mariupol, erzählt er. Am 20. März hätten sie ihre Heimatstadt zu Fuß verlassen.

Es sei ein Wunder, dass sie überlebt haben, sagt Alexandr. Eine Granate habe die Decke ihrer Wohnung durchschlagen und eine Wohnzimmerwand durchbrochen. Seine Frau, die Schwiegermutter und er hätten im Flur gesessen und blieben so unverletzt.

Alexandr wollte seinen Vater mitnehmen, der im Zentrum der Stadt gewohnt habe. Auf dem Weg dorthin habe es Straßenkämpfe zwischen russischen und ukrainischen Soldaten gegeben. Am Haus des Vaters angekommen, haben sie nur noch verbrannte Trümmer vorgefunden. Sein Vater sei in den Flammen gestorben, glaubt Alexandr.   

Zwei Frauen halten Dokumente, Saporischschja/Ukraine. | Cemal Tasdan

Die Neuankömmlinge werden registriert, manche auch kontrolliert - aus Sorge vor russischen Saboteuren. Bild: Cemal Tasdan

"Ständig von russischen Soldaten kontrolliert"

Nachdem sie Mariupol verlassen hatten, liefen sie bis in die Nacht hinein und schliefen an einer Bushaltestelle. "Am nächsten Tag ging es zu Fuß weiter", so der 45-Jährige. "Ständig mussten wir an russischen Checkpoints vorbei, wurden von Putins Soldaten kontrolliert und schikaniert. Schließlich erreichten wir den Küstenort Ursuf."

Dort seien sie zehn Tage in einem Ferienressort geblieben, dann nach Berdjansk gelaufen, wo sie am 5. April in den Bus des Roten Kreuzes stiegen. Wie es jetzt weitergehe, wüssten sie noch nicht. Eine Nacht wollen sie im Flüchtlingsheim in Saporischschja übernachten, dann weiter in den sichereren Westen.

Alle aus Mariupol erzählen ähnliche Geschichten. Viele haben Verwandte oder Freunde verloren. 

Nichts klingt mehr abwegig

Lucile Marbeau vom Roten Kreuz hat die Busse begleitet. Sie sagt, die Menschen seien in einem psychisch und physisch elenden Zustand. In der belagerten Stadt fehle es an allem, an Lebensmitteln, an Trinkwasser, an Strom, an Medikamenten, an Hygieneartikeln. Es sei bitter nötig, dass man endlich Hilfslieferungen dorthin bringe, denn viele Menschen harrten während der Kämpfe in Kellern aus.

Aber bisher stoppen die russischen Soldaten Busse des Roten Kreuzes vor Mariupol. Einige Flüchtlinge erzählen, wer kein Auto habe und nicht gut zu Fuß sei, der müsse entweder in der Stadt bleiben oder könne in einen Bus nach Russland steigen. So könne sich Putin zum humanitären Helfer stilisieren und der ganzen Welt zeigen, wie gut er sich um die Flüchtlinge kümmere.   

Zwei Mädchen mit Äpfeln, Saporischschja/Ukraine. | Cemal Tasdan

Freiwillige helfen in Saporischschja, die Menschen zu versorgen. Bild: Cemal Tasdan

Gleichzeitig ist jedoch von plündernden russischen Soldaten die Rede. Radostyna Borovyk arbeitet als freiwillige Helferin an der Sammelstelle. Sie bereitet Essen für die Neuankömmlinge zu, schenkt Kaffee aus. Borovyk kümmere sich seit Kriegsbeginn um die hier Ankommenden, sagt sie.

Eine Gruppe von Flüchtlingen habe erzählt, russische Soldaten hätten zu Bekannten in Mariupol gesagt, sie könnten an einem bestimmten Tag zu einem bestimmten Platz kommen. Dort würden dann auch die Busse des Roten Kreuzes warten. Später sei der Platz mit Granaten angegriffen worden: Es habe viele Tote gegeben.

Verifizierbar ist Borovyks Aussage nicht, aber nach dem Massaker in Butscha bei Kiew oder dem Angriff auf den Bahnhof von Kramatorsk klingt nichts mehr abwegig.   

Viele wollen raus - und manche rein

Plötzlich steht Anthony auf dem Parkplatz und fragt auf Englisch mit deutlich US-amerikanischen Akzent, ob man wisse, wie er nach Mariupol kommen könne. Anthony ist Anfang zwanzig, trägt khakifarbene Kleidung und hat auf dem Oberarm der Jacke die ukrainische Flagge und darunter den Sternenbanner. Er bejaht die Frage, ob er ein "Foreign Fighter" sei - also ein Ausländer, der für die Ukraine zur Waffe greift.

Auf dem Handy zeigt er Fotos von den Kämpfen nördlich von Kiew an denen er teilgenommen habe. Zwei Kameraden aus den USA seien noch dort, um "Russen zu vertreiben". Er habe jedoch einem ukrainischen Soldaten versprochen, dessen Eltern aus Mariupol herauszuholen. Das sei jetzt seine Mission.

Eine Frau liest Aushänge an einem Schwarzen Brett, Saporischschja/Ukraine. | Cemal Tasdan

An Schwarzen Brettern werden Informationen ausgetauscht. Bild: Cemal Tasdan

Radostyna Borovyk sagt Anthony, es kämen immer wieder auch Ukrainer nach Saporischschja zum Einkaufen und führen dann im Konvoi in das von den russischen Soldaten kontrollierte Gebiet zurück. Sie gibt ihm eine Telefonnummer. Er scheint fest entschlossen. Seine Augen glänzen fiebrig. Auf den Hinweis, das sei doch lebensgefährlich, will er nicht eingehen.

Die einen sind froh, dass sie den russischen Angriffen entkommen konnten, andere stürzen sich in die Schlacht. Zwar liegt die zentrale Sammelstelle in Saporischschja etwa 200 Kilometer entfernt von Mariupol - der Wahnsinn des russischen Angriffskrieges ist jedoch hier auch schon gut zu spüren.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. April 2022 um 16:00 Uhr.