Der ukrainische Präsident Selenskij | via REUTERS

Selenskyj-Video-Ansprache "20 Prozent unter russischer Kontrolle"

Stand: 02.06.2022 14:06 Uhr

Russland kontrolliert dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj zufolge derzeit rund 20 Prozent der Ukraine. Unterdessen gehen die Kämpfe im Land weiter - die Regierung meldet etwa 100 Tote pro Tag.

Die russischen Truppen kontrollieren laut dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj aktuell 20 Prozent der Ukraine. Das sagte Selenskij in einer Video-Ansprache, die im luxemburgischen Parlament übertragen wurde. Die Frontlinie sei mehr als 1000 Kilometer lang. Dort müssten sich die ukrainischen Truppen gegen "fast die komplette russische Armee verteidigen", so Selenskij weiter. Alle kampfbereiten Truppenteile Russlands seien an diesem Angriff beteiligt.

Im Osten der Ukraine sterben laut Selenskij täglich etwa 100 Menschen. 400 bis 500 weitere würden verletzt. Er sei dankbar für die Hilfe, die die Ukraine bislang erhalten habe, so Selenskij. Es seien aber noch mehr Waffen nötig.

Russland versucht, nach Süden vorzudringen

Die russischen Truppen im Osten der Ukraine versuchen unterdessen nach Angaben des Gouverneurs der Region Donezk, Pawlo Kyrylenko, weiter nach Süden vorzurücken. Sie wollten zu den vom ukrainischen Militär kontrollierten Städten Kramatorsk und Slowjansk vordringen - das seien die Schlüsselziele im Norden der Region Donezk. Die Fronten bei den Städten Lyman und Isjum seien die Hauptrichtungen. Kramatorsk ist seit 2014 de facto die Hauptstadt der Region Donezk, nachdem die Stadt Donezk von den von Russland unterstützten Separatisten eingenommen wurde.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Sjewjerodonezk weiter umkämpft

Außerdem greifen die russischen Truppen nach ukrainischen Militärangaben weiter massiv die umkämpfte Industriestadt Sjewjerodonezk an. In der Nacht hatte der für das Gebiet zuständige Regionalgouverneur Serhij Gajdaj bereits erklärt, die russischen Truppen kontrollierten "80 Prozent der Stadt".

Sjewjerodonezk ist das Verwaltungszentrum in dem von der Ukraine kontrollierten Teil des Gebiets Luhansk. Um die Stadt wird seit Wochen gekämpft. Sollten die russischen Truppen die Stadt einnehmen, hätten sie die komplette Kontrolle über die Region Luhansk. Die Einnahme der Gebiete Luhansk und Donezk ist eins der von Putin ausgegebenen Ziele.

Russen haben "operative Vorteil" in Luhansk

Der ukrainische Armeechef Walerij Saluschnyj sagte, dass seine Soldaten in Luhansk mit der derzeit "schwierigsten Situation" konfrontiert seien. "Der Feind hat einen operativen Vorteil in Bezug auf die Artillerie", räumte er laut Kiew in einem Telefongespräch am Mittwoch mit seinem französischen Kollegen Thierry Burkhard ein. Er plädierte dafür, seine Truppen "so schnell wie möglich" auf Waffentypen der NATO umzustellen. "Das würde Leben retten."

Die Ukraine hofft auf die kürzlich vom US-Präsidenten Joe Biden versprochenen Mehrfachraketenwerfer, die eine größere Reichweite und Präzision versprechen.

Erneut Eisenbahnlinien beschossen

Bereits in der Nacht und am frühen Morgen meldeten ukrainische Stellen, mehrere Regionen seien mit Raketen angegriffen worden. Bei einem Angriff auf eine Bahntrasse in der westukrainischen Region Lwiw wurden laut dem Gebietsgouverneur fünf Menschen verletzt. "Vier feindliche Marschflugkörper wurden abgefeuert. Sie wurden vom Schwarzen Meer aus abgeschossen", bestätigte der Chef der Militärverwaltung im westukrainischen Lwiw, Maxym Kosytzkyj, auf seinem Telegram-Kanal. Demnach richtete sich der nächtliche Raketenangriff gegen Eisenbahnobjekte in den Kreisen Stryj und Sambir.

Anton Geraschtschenko, ein Berater im ukrainischen Innenministerium, sagte, dass die russischen Truppen den Beskyd-Bahntunnel in den Karpaten getroffen hätten, um offenbar eine wichtige Schienenverbindung zu kappen und Lieferungen von Waffen und Treibstoff zu unterbinden. Der Chef der ukrainischen Bahn erklärte, dass Schäden an der Bahntrasse noch geprüft würden. Der Tunnel selbst sei aber verschont geblieben. Durch den Angriff soll es bei drei Passagierzügen zu Unterbrechungen gekommen seien, doch konnten sie die Fahrten offenbar später fortsetzen.

Über die Region Lwiw gelangen Waffen und andere Ausrüstung für die Verteidigung gegen die russischen Angriffstruppen in die Ukraine.

Explosionen in Odessa

Explosionen waren am Morgen auch in der Hafenmetropole Odessa im Süden der Ukraine zu hören. Der Sprecher der regionalen Militärverwaltung, Serhij Bratschuk, bestätigte zwar einen Luftalarm, warnte aber zugleich lokale Medien vor der Veröffentlichung von Schadensmeldungen, bevor es öffentliche Verlautbarungen dazu gebe.

Im Norden der Ukraine teilte der Gouverneur des Gebiets Sumy, Dmitro Schywytzkyj, auf seinem Telegram-Kanal mit, dass durch Raketenbeschuss im Kreis Krasnopilja ein Wohnhaus völlig zerstört und drei Menschen verletzt worden seien.

Ortschaften in Region Cherson zurückerobert

Im besetzen Gebiet Cherson im Süden das Landes berichtete das ukrainische Militär dagegen von der Rückeroberung von 20 Ortschaften. Aus diesen Dörfern sei etwa die Hälfte der Bevölkerung geflüchtet, hieß es. Unabhängig überprüfbar waren die Angaben nicht.

Selenskyj sagte in seiner nächtlichen Videoansprache, dass seit Beginn des Krieges vor 99 Tagen mindestens 243 Kinder getötet worden. Zudem seien mindestens 446 Kinder verletzt worden, 139 Kinder würden vermisst. "Und das sind nur die, von denen wir wissen." Es gebe keine Informationen aus den von russischen Truppen besetzten Gebieten.

Selenskyj: Fast 260.000 Kinder nach Russland gebracht

Nach Angaben Selenskyjs wurden außerdem knapp 260.000 Kinder aus der Ukraine nach Russland gebracht. Die Kinder und Jugendlichen seien über ganz Russland verteilt worden. Darunter seien Kinder aus ukrainischen Waisenhäusern, mit ihren Eltern verschleppte Kinder und jene, die von ihren Familien getrennt worden seien.

"Der Zweck dieser kriminellen Politik ist es nicht nur, Menschen zu stehlen, sondern die Verschleppten dazu zu bringen, die Ukraine zu vergessen und ihnen die Rückkehr unmöglich zu machen", erklärte Selenskyj. Die Ukraine werde die Verantwortlichen bestrafen. Zunächst aber werde man Russland auf dem Schlachtfeld zeigen, dass die "Ukraine nicht erobert werden kann, dass unser Volk sich nicht ergeben wird und unsere Kinder nicht das Eigentum der Besatzer sein werden".

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. Juni 2022 um 14:00 Uhr.