Alina Timofejenko und ihre Mutter Swetlana freuen sich über Alinas neuen russischen Pass.
Reportage

Ostukraine Russische Pässe für Donbass-Einwohner

Stand: 15.04.2021 16:24 Uhr

Seit 2019 gibt Russland in der Ostukraine russische Pässe aus. Hunderttausende Ukrainer aus den Rebellengebieten haben schon welche. Das könnte jetzt zu einer gefährlichen Eskalation des Konflikts führen.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau, zurzeit Nowoschachtinsk

Alina Timofejenko zeigt stolz ihren neuen russischen Pass. Die 16-Jährige ist eigentlich Ukrainerin, doch seit sieben Jahren werden Teile der ukrainischen Region Lugansk, in der sie mit ihrer Mutter lebt, von aus Russland unterstützten Rebellen kontrolliert. Es gibt keine Perspektiven, kaum Arbeit, die Infrastruktur ist kaputt - vor allem nach der heftigen Phase des Krieges 2014 und 2015. "Ich brauche den Pass für meine Zukunft, um eine gute Ausbildung zu bekommen und dann nach Russland zum Arbeiten zu gehen", sagt Alina. Als sie den Pass in der Hand hält, hat sie ein Lächeln auf ihrem Gesicht. "Ich habe jetzt volles Selbstvertrauen", sagt sie. "Alles ist gut!"

Demian von Osten ARD-Studio Moskau

Alina ist mit ihrer Mutter Swetlana Timofejenko hierher gekommen. Sie wohnen in der Grenzstadt Tschernowopartisansk. Nur wenige Kilometer trennen sie von Russland, doch ihr Pass der sogenannten "Lugansker Volksrepublik" wird so gut wie nirgendwo anerkannt. Und die Ukraine, zu der auch Tschernowopartisansk völkerrechtlich gehört, hat seit sieben Jahren keine Kontrolle mehr über dieses Gebiet. Wie leben die Menschen dort?

Kaum Zutritt für westliche Journalisten

"Bei uns ist alles in Ordnung", beschwichtigt Swetlana. "Aber einige Kilometer weiter ist die Situation natürlich schwieriger." Irgendwie ahnt man, dass sie eigentlich mehr weiß. Aber Swetlana wiegelt ab. "Ich bin nicht auf dem Laufenden." So reagieren fast alle auf die Frage, wie das Leben in der sogenannten Lugansker Volksrepublik derzeit ist.

Eine Menschengruppe in Nowoschachtinsk steht für die Ausgabe russischer Pässe an.

Der Andrang vor der Stelle, die in Nowoschachtinsk russische Pässe ausgibt, ist groß.

Westliche Journalisten bekommen dorthin so gut wie nie Zutritt. Und wenn doch, dann unter äußerst schwierigen Bedingungen. Ein ARD-Team war zuletzt im November 2018 da - und erlebte damals ein Klima der Angst. Zu politischen Fragen war niemand bereit, sich vor der Kamera zu äußern. Erst wenn die Kamera aus war, schimpften die Menschen darüber, wie schlecht sie lebten. Der Geheimdienst drohte, verhinderte Berichterstattung und durchsuchte das Drehmaterial. Die lokalen Medien sind in der Hand der Machthaber.

Angst, dass wieder Krieg ausbricht

Es ist jenes Lugansk, das Julia, Mitte 40, die ihren Nachnamen nicht nennt, im April 2021 das erste Mal seit Kriegsbeginn verlässt. Auch sie will hier in Nowoschachtinsk russische Pässe abholen - für sich und die Kinder. Die Erinnerung an die Kämpfe ist noch präsent: "Wenn du zu Hause sitzt und an dir fliegen die Granaten vorbei ...!" Die Tränen in ihren Augen kann sie nicht verbergen.

Ein Zusammenleben mit der regierungstreuen ukrainischen Seite - das kann Julia sich nach den traumatischen Erlebnissen nicht mehr vorstellen. Gibt es wieder Krieg? "Wahrscheinlich", sagt sie. Sie wünscht sich, das Geräusch von Bomben und Granaten nie wieder zu hören und will deshalb mit ihren Kindern nach Russland ziehen: "Dort ist es ruhiger. Besonders für die Kinder."

Julia sieht nicht, dass der ukrainische Staat ihr eine Perspektive bietet - Russland hingegen schon, sagt sie.

Julia sieht nicht, dass der ukrainische Staat ihr eine Perspektive bietet - Russland hingegen schon, sagt sie.

Hunderttausende haben schon russische Pässe

Für die etwa 40 Menschen, die mit dem Bus aus Lugansk kamen, ist der russische Pass die Eröffnung neuer Möglichkeiten. An diesem Tag sind zwei Busse gekommen, an manchen Tagen sind es auch drei. Sechs Tage die Woche, seit zwei Jahren. Mehrere Hunderttausend Ukrainer aus den nicht anerkannten Volksrepubliken haben laut Angaben russischer Behörden schon russische Pässe erhalten.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat dies mit einem Erlass möglich gemacht - ein Hinweis darauf, wie wichtig die Passpolitik für den Donbass ist. Russland bekommt so neue, leicht zu integrierende Bürger - und die russische Regierung einen wichtigen Hebel im Ukraine-Konflikt: Notfalls sei man bereit, russische Staatsbürger auch im Donbass zu verteidigen, ließ Präsidentenberater Dmitrij Kosak kürzlich durchblicken. Je mehr Pässe Russland an Bewohner der Rebellengebiete ausgibt, umso mehr russische Staatsbürger leben dort - auf eigentlich ukrainischem Gebiet.

Für Menschen wie Alina spielt die große Politik keine Rolle. Sie gehört zu einer Generation aus dem Lugansker Gebiet, für die die Erinnerung an die Ukraine in immer weitere Ferne rückt. Sie war neun, als der Krieg begann. Jetzt plant Alina ihre Zukunft in Russland: "Das Ziel ist gesetzt und jetzt will ich es vollständig erreichen."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 12. April 2021 um 22:15 Uhr.