Biden und Putin bei einem Treffen in Genf (Archivbild) | AP

Krisen-Gespräch zum Ukraine-Konflikt Biden und Putin telefonieren heute

Stand: 12.02.2022 10:53 Uhr

Wartet Kremlchef Putin das Ende der Olympischen Winterspiele vor einem Einmarsch in die Ukraine ab? Die US-Regierung verlegt in dem Konflikt weitere Soldaten an die Ostflanke der NATO. Biden und Putin wollen heute erneut telefonieren.

Die US-Regierung hat vor einem bevorstehenden russischen Einmarsch in die Ukraine gewarnt - während die diplomatischen Bemühungen zu einer Beilegung zur Krise weiter auf Hochtouren laufen.

US-Präsident Joe Biden und Russlands Staatschef Wladimir Putin wollen nun telefonieren. Auch der französische Präsident Emmanuel Macron will mit dem Kremlchef sprechen. Bereits zuvor hatten auch US-Außenminister Antony Blinken und Bundesaußenministerin Annalena Baerbock mit ihrem ukrainischen Kollegen Dmytro Kuleba gesprochen.

In der Unterredung Baerbocks ging es nach Angaben aus Berlin unter anderem um die aktuelle Sicherheitslage und den anstehenden Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz. Scholz wird im Anschluss dann erstmals als Kanzler in Moskau mit Putin zusammentreffen.

USA warnen vor unmittelbar bevorstehender Invasion

Die US-Regierung warnte unterdessen vor einer möglichen Invasion noch vor Ende nächster Woche. Sie verlegt etwa 3000 weitere Soldaten in den NATO-Partnerstaat Polen. Die Soldaten sollten Anfang kommender Woche vor Ort sein, teilte das Verteidigungsministerium mit.

Außerdem verlegte die US-Luftwaffe acht Kampfjets vom Typ F-16 nach Rumänien. Die Flugzeuge trafen im Luftwaffenstützpunkt Borcea, 150 Kilometer östlich von Bukarest, ein, wie das rumänische Verteidigungsministerium mitteilte. Sie würden zusammen mit 150 US-Soldaten an gemeinsamen Übungen mit dem rumänischen Militär teilnehmen, hieß es in der Mitteilung. Die Manöver sollen zwei Wochen dauern.

Bidens Sicherheitsberater Jake Sullivan machte deutlich, dass die USA einen russischen Einmarsch in die Ukraine noch vor dem Ende der Olympischen Winterspiele in China am 20. Februar für möglich halten. "Wir befinden uns in einem Zeitfenster, in dem eine Invasion jederzeit beginnen könnte, sollte sich Wladimir Putin dazu entschließen, sie anzuordnen", sagte Sullivan im Weißen Haus.

Videoschalte westlicher Verbündeter

Biden hatte sich zuvor in einer Videoschalte mit westlichen Verbündeten ausgetauscht, darunter auch Scholz, Macron und NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Nach Angaben aus deutschen Regierungskreisen betonten die Verbündeten ihre Entschlossenheit, mit schnellen und harten Sanktionen auf einen möglichen Einmarsch zu reagieren.

In Berlin hieß es, die Lage werde von den Teilnehmern aus EU und NATO als "sehr, sehr ernst" eingeschätzt. "Alle diplomatischen Bemühungen zielen darauf ab, Moskau zur De-Eskalation zu bewegen", schrieb Regierungssprecher Steffen Hebestreit auf Twitter. "Es gilt, einen Krieg in Europa zu verhindern."

Staaten fordern Bürger zur Ausreise auf

US-Verteidigungsminister Lloyd Austin sprach wegen des Ukraine-Konflikts in einer Schalte mit seinen Kollegen aus Polen, Deutschland, Kanada, Frankreich, Rumänien und Italien. Sullivan wiederum betonte, der US-Regierung lägen keine Informationen vor, dass Putin bereits eine endgültige Entscheidung für eine Invasion getroffen habe. Er fügte hinzu: "Wir sehen weiterhin Anzeichen für eine russische Eskalation, einschließlich neuer Truppen, die an der ukrainischen Grenze eintreffen."

Ein möglicher Angriff könne verschiedene Formen annehmen, darunter auch ein schneller Vormarsch der Truppen auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Sullivan forderte US-Staatsbürger in der Ukraine dazu auf, das Land schnellstens zu verlassen. "Alle Amerikaner in der Ukraine sollten das Land so bald wie möglich verlassen - und auf jeden Fall in den nächsten 24 bis 48 Stunden."

Auch Großbritannien, Dänemark, Belgien, Lettland und Estland, Kuwait sowie Australien und Neuseeland forderten ihre Bürger auf, die Ukraine zu verlassen.

USA bereiten Evakuierung ihrer Botschaft in Kiew vor

Das US-Außenministerium wolle praktisch allen knapp 200 amerikanischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erklären, dass sie die Ukraine vor einer möglichen russischen Invasion verlassen oder sich in die Nähe der polnischen Grenze begeben sollten, sagten Regierungsbeamte nach Angaben der Nachrichtenagentur AP. In Kiew solle demnach nur ein kleiner Teil der Belegschaft die diplomatische Präsenz der USA aufrecht erhalten.

Bereits zuvor waren die Familien von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufgefordert worden, das Land zu verlassen. Den Angestellten selbst blieb es bislang aber überlassen, selbst zu entscheiden, ob sie ausreisen wollen.

Großangelegte Marineübungen nahe Krim-Halbinsel

Inmitten der Krise hat Russland ein großangelegtes Marine-Manöver nahe der annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim begonnen. Von Sewastopol und Noworossijsk aus seien "mehr als 30 Schiffe der Schwarzmeerflotte" ins Meer gestochen, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Zweck der Übung sei, "die Meeresküste der Halbinsel Krim, die Stützpunkte der Streitkräfte der Schwarzmeerflotte" sowie Einrichtungen des "Wirtschaftssektors" vor "möglichen militärischen Bedrohungen zu schützen".

Hinzu kommen ein zehntägiges belarussisch-russisches Militärmanöver, für das Moskau nach US-Angaben rund 30.000 Soldaten nach Belarus verlegt hat sowie weitere russische Marineübungen unter anderem in der Arktis und im Mittelmeer.

Unklar, auf wessen Initiative Gespräch beruht

Die deutsche Regierung verfolgt unterdessen die Entwicklung in der Ukraine, hat die Deutschen aber noch nicht zur Ausreise aufgefordert. Falls es zu einem russischen Einmarsch kommen sollte, dürfte es zunächst Luftangriffe und dann eine Bodenoffensive geben, weswegen es dann kaum mehr möglich sein dürfte, das Land zu verlassen, warnte Sullivan. "Niemand könnte sich auf Luft-, Eisenbahn- oder Landverbindungen verlassen, nachdem ein Militäreinsatz beginnt", sagte er. Es werde in einem solchen Fall keinen Evakuierungseinsatz des US-Militärs für Amerikaner in der Ukraine geben.

Bezüglich des für heute Abend Moskauer Zeit geplanten Gesprächs von Biden und Putin hieß es aus dem Kreml, Washington habe um die Unterredung gebeten. Das Weiße Haus wiederum erklärte, das Gespräch gehe auf einen Vorschlag Russlands zurück.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Februar 2022 um 20:00 Uhr.