Ein Angehöriger der pro-russischen Truppen geht in der Region Donezk neben einem Bus mit Evakuierten aus dem Stahlwerk Azovstal in Mariupol. | REUTERS

Hafenstadt Mariupol Unklarheit über neue Evakuierung

Stand: 02.05.2022 15:25 Uhr

Die Evakuierungsversuche aus der südukrainischen Hafenstadt Mariupol sind nach Angaben eines Beraters des Bürgermeisters fortgesetzt worden. Ob Zivilisten die Stadt allerdings verlassen konnten, ist noch unklar.

Offenbar gibt es bei der Evakuierung der südukrainischen Hafenstadt Mariupol Schwierigkeiten. Der Stadtrat teilte mit, dass die Busse den vereinbarten Abholpunkt noch nicht erreicht hätten. Seine Aussage widerspricht sich mit einem früheren Bericht, wonach sie die zerstörte Hafenstadt bereits verlassen hätten.

Der Stadtrat forderte die Menschen auf, an Ort und Stelle zu bleiben. Zuvor hatte Petro Andrjuschtschenko, ein Berater des Bürgermeisters von Mariupol, erklärt, die Busse hätten Mariupol verlassen, doch später gab er eine Nachricht heraus, in der er ebenfalls die Verzögerung bei der geplanten Evakuierung bestätigte.

Die betroffenen Zivilisten stammen aus der Stadt selbst, nicht aus dem Stahlwerk Asowstal, von wo aus die Vereinten Nationen und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz Evakuierungskonvois organisiert haben.

Das umkämpfte Stahlwerk wird von russischen Truppen belagert. Dort befinden sich immer noch eine unbekannte Zahl an Zivilisten und Kämpfern. Das Gelände ist der einzige Ort der Stadt, der nicht von russischen Streitkräften kontrolliert wird.

Mehrere frühere Versuche, Zivilisten aus Mariupol und dem Stahlwerk herauszuholen, scheiterten wegen russischen Beschusses oder aus Sorge um die Sicherheit entlang der Route. Die russischen Truppen haben die Landbrücke zwischen dem russischen Kernland und der 2014 von der Ukraine annektierten Halbinsel Krim entlang der Küste des Asowschen Meeres faktisch geschlossen.

"Zwei Tage lang Waffenruhe"

"Die Situation wird immer mehr zur humanitären Katastrophe", sagte die ukrainische Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk mit Blick auf Mariupol. In dem Stahlwerk halten sich neben ukrainischen Kämpfern weiter auch Zivilisten auf. Wasser, Nahrungsmittel und Medikamente gehen dort immer mehr zur Neige.

Heute sollten außerdem etwa 100 am Wochenende aus dem Werk evakuierte Zivilisten nach Saporischschija 230 Kilometer nordwestlich von Mariupol gebracht werden. "Zum ersten Mal hatten wir zwei Tage lang eine Waffenruhe in diesem Gebiet, und wir haben es geschafft, mehr als hundert Zivilisten, Frauen, Kinder, herauszubringen", sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner nächtlichen Videoansprache.

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte angeordnet, das Werk nicht zu stürmen, sondern die Menschen dort faktisch auszuhungern. Dennoch gibt es immer wieder vereinzelte Bombardierungen. "Sobald die Busse mit Evakuierten Asowstal gestern verlassen hatten, begann sofort neuer Beschuss", sagte Petro Andryuschtschenko, ein Mitarbeiter von Mariupols Bürgermeister, im ukrainischen Fernsehen.

Russland zieht Truppen aus Mariupol ab

Nach Angaben des ukrainischen Militärs hat das russische Militär mehrere Bataillone aus Mariupol abgezogen. Die Soldaten seien in die Stadt Popasna in der ostukrainischen Region Luhansk geschickt worden, teilte der ukrainische Generalstab mit. Dass Truppen von Mariupol an die Front in der Ostukraine gebracht würden, zeige, dass Russland dort nicht vorankomme, sagte der ukrainische Militäranalyst Oleh Schdanow der Nachrichtenagentur AP. In der Ostukraine versucht das russische Militär, ukrainische Soldaten einzukesseln.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.