Zivilisten, die das Gebiet in der Nähe des Stahlwerks Azowstal in Mariupol verlassen haben in Bezimenne, Region Donezk. | REUTERS

Ukraine-Krieg Zivilisten verlassen Stahlwerk in Mariupol

Stand: 01.05.2022 18:03 Uhr

Nach UN-Angaben läuft eine Evakuierungsaktion zur Rettung von Zivilisten aus dem belagerten Stahlwerk in Mariupol. Ukraines Präsident Selenskyj erklärte, etwa 100 Zivilisten seien auf dem Weg nach Saporischschja.

Aus dem von russischen Truppen eingekesselten Stahlwerk in Mariupol sind nach ukrainischen Angaben rund 100 Zivilisten befreit worden. Die Menschen seien auf dem Weg in das ukrainische Saporischschja, schrieb der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf Twitter.

Die russische Seite bestätigte, dass Zivilisten Mariupol verlassen hätten, und sprach von 80 Personen. Inzwischen heißt es von Seiten der Behörden in Mariupol, die Evakuierung sei ausgesetzt worden. Den Angaben zufolge soll die Operation morgen früh fortgesetzt werden.

"Sehr komplexe Lage"

Die Vereinten Nationen hatten am Nachmittag gemeldet, dass eine Evakuierungsaktion zur Rettung von Zivilisten aus dem Stahlwerk angelaufen sei. Ein Sprecher des UN-Nothilfeprogramms, Saviano Abreu, erklärte, der Einsatz erfolge in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz und sei mit ukrainischen und russischen Behörden abgestimmt. Die Helfer hätten das Stahlwerk bereits gestern erreicht.

Abreu bezeichnete die Lage als sehr komplex und wollte keine Einzelheiten zu dem Einsatz nennen. In den Kellern des weitläufigen Stahlwerks Azowstal werden noch etwa 1000 ukrainische Zivilisten und 2000 Kämpfer vermutet. Das Gelände ist der einzige Ort der Stadt, der nicht von russischen Streitkräften kontrolliert wird.

Ukrainische Armee meldet mehrere Attacken

Bei einem ukrainischen Angriff auf das Quartier des russischen Armeestabs in der Stadt Isjum sind nach Angaben aus Kiew mehrere Menschen getötet worden. Darunter seien ranghohe Offiziere, berichtete ein Berater des ukrainischen Innenministers, Anton Heraschtschenko, auf Telegram. Die 50.000-Einwohner-Stadt Isjum liegt im Osten der Ukraine. Nach ukrainischen Angaben hält sich dort auch der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow auf, um die Offensive im Donbass zu befehligen. Der Angriff soll bereits gestern erfolgt sein. Aus Russland gab es dafür keine Bestätigung - auch nicht für den Aufenthalt Gerassimows in der Gegend.

Die ukrainische Seite gab außerdem an, die Schlangeninsel im Schwarzen Meer angegriffen zu haben. Die Insel war bereits zu Kriegsbeginn im Februar von der russischen Armee erobert worden. Sie liegt etwa 35 Kilometer vor der ukrainischen Küste. Bei der Attacke seien mehrere Luftabwehrkomplexe und eine Kommunikationseinheit zerstört worden, teilte das Kommando "Süd" der ukrainischen Armee mit. 42 russische Soldaten sollen getötet worden sein. Eine russische Bestätigung des Angriffs liegt nicht vor.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Neue Schäden an russischer Infrastruktur

In einer zum russischen Verteidigungsministerium gehörenden Anlage nahe der ukrainischen Grenze ist nach russischen Behördenangaben ein Feuer ausgebrochen. Bei dem Brand in der Region Belgorod sei ein Mensch leicht verletzt worden, berichtete Regionalgouverneur Wjatscheslaw Gladkow auf Twitter.

Unklar ist, ob der teilweise Einsturz einer Eisenbahnbrücke nahe der russisch-ukrainischen Grenze im Gebiet Kursk mit dem Kriegsgeschehen zusammenhängt. Derzeit ermittelten Spezialisten die Ursache, schrieb Gouverneur Roman Starowoit auf Telegram. Es sei niemand verletzt worden. Der westrussische Kreis Sudscha, in dem die Brücke die gleichnamige Stadt mit dem Ort Sosnowy Bor verbindet, grenzt an das nordostukrainische Gebiet Sumy, aus dem sich die russischen Streitkräfte zurückgezogen hatten. Ob es einen Zusammenhang mit dem Krieg im Nachbarland gibt, ist bislang unklar. Zuletzt hatte Russland der Ukraine wiederholt Angriffe auf sein Territorium vorgeworfen. Die russischen Behörden haben in der Region eine erhöhte Warnstufe wegen "Terrorgefahr" verhängt.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/30.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/30.04.2022

Russland bestätigt Angriffe im Süden und Osten

Russland hat erneute Angriffe auf den Osten und den Süden des Nachbarlands Ukraine bestätigt. Im Gebiet Saporischschja seien Flugabwehrraketensysteme vom Typ S-300 zerstört worden, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, in Moskau. Im Gebiet Charkiw seien zwei Kampfflugzeuge abgeschossen worden. Die ukrainische Seite wiederum sprach von mehreren Verletzten infolge der russischen Angriffe auf Charkiw. Konaschenkow bestätigte zudem einen Angriff auf einen Flugplatz der Schwarzmeer-Metropole Odessa. Mit Raketen sei die Landebahn zerstört worden sowie ein Hangar, in dem aus den USA und Europa gelieferte Waffen gelagert gewesen seien.

Selenskyj appelliert an russisches Militär

Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj verstärkt Russland seine Streitkräfte im Osten des Landes. "Russland sammelt zusätzliche Kräfte für neue Angriffe gegen unser Militär im Osten des Landes", sagte Selenskyj in seiner regelmäßigen Videoansprache. Damit versuche Russland den militärischen Druck im Donbass zu erhöhen. Er appellierte an das russische Militär: "Jeder russische Soldat kann immer noch sein Leben retten. Es ist besser für Sie, in Russland zu überleben, als in unserem Land zu sterben."

23.000 russische Soldaten sind nach ukrainischen Angaben seit Beginn des Kriegs in der Ukraine gefallen. Außerdem seien bereits mehr als 1000 russische Panzer sowie fast 2500 andere Militärfahrzeuge zerstört worden, sagte Selenskyj in seiner Videoansprache. Die tatsächlichen militärischen Verluste sind schwer abzuschätzen. Moskau gesteht bislang mehr als 1000 gefallene Soldaten ein und beziffert seinerseits die Zahl der gefallenen ukrainischen Kämpfer auf mehr als 23.000.

Der ukrainische Präsidentenberater Olexij Arestowytsch berichtete laut der Agentur Unian, dass seit bereits vier Tagen keine Truppenbewegungen aus Russland in Richtung Ukraine beobachtet wurden. Nach Russland hingegen werde "eine große Anzahl kaputter Ausrüstung, Verwundeter und Toter" zurückgebracht.

Tote bei Angriffen auf Dörfer in Cherson

Laut russischen Angaben nahmen ukrainische Streitkräfte Dörfer in der Region Cherson unter Beschuss. Dabei seien Zivilisten getötet und verletzt worden, berichtet die russische Nachrichtenagentur RIA mit Bezug auf das russische Verteidigungsministerium. Das Ministerium teilte mit, ukrainische Streitkräfte hätten eine Schule, einen Kindergarten und einen Friedhof in den Dörfern Kyseliwka und Schyroka Balka beschossen. Es machte keine Angabe über den Zeitpunkt des Angriffes oder die Zahl der Toten und Verletzten. Die Ukraine reagierte bisher nicht auf den Bericht. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Ukraine und USA stimmen Waffenlieferungen ab

Das ukrainische und das US-Militär stimmten sich nach ukrainischen Angaben erneut über die Lieferung von Waffen, Munition und weiterer Ausrüstung ab. Der Prozess dazu werde ständig streng kontrolliert, hieß es nach einem Telefonat zwischen dem ukrainischen Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj und US-Generalstabschef Mark Milley Saluschnyjs. Er betonte, dass die ukrainische Armee von sowjetischer Ausrüstung auf NATO-Modelle umsteigen müsse. "Und je früher wir diesen Prozess beginnen, desto eher werden wir ihn abschließen", hieß es.

Beschlagnahmung von Unternehmensvermögen?

Russland erwägt nach eigenen Angaben die Beschlagnahmung von Vermögen von Unternehmen aus "feindlichen" Ländern. Dies sei eine mögliche Reaktion auf die US-Ankündigung, beschlagnahmtes Vermögen russischer Oligarchen der Ukraine zukommen zu lassen, schrieb Parlamentspräsident Wjatscheslaw Wolodin auf Telegram. Das durch den möglichen Verkauf des Vermögens eingenommene Geld solle der Entwicklung Russlands zugute kommen.

Dabei gehe es um "auf russischem Territorium ansässige Unternehmen, deren Eigentümer Staatsbürger feindlicher Länder sind", in denen die Entscheidung zur Beschlagnahmung getroffen wurden. Wolodin beschuldigte "eine bestimmte Zahl an feindlichen Ländern - Litauen, Polen und selbst die USA" des "puren Diebstahls".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Mai 2022 um 07:28 Uhr.