Eine Frau befreit ihre Küche von Trümmern in einem zerbombten Wohnblock in Kiew, Ukraine. | dpa

Krieg gegen die Ukraine Angriffe auf viele Städte

Stand: 22.03.2022 07:49 Uhr

Russische Truppen haben nach ukrainischen Angaben in fast allen Landesteilen angegriffen. In Mariupol soll eine Fluchtroute beschossen worden sein. Die Spionageabwehr behauptet, ein Attentat auf Präsident Selenskyj verhindert zu haben.

Die russische Armee hat nach ukrainischen Angaben erneut zahlreiche Städte im Land angegriffen. Zu den Städten, aus denen Luftangriffe gemeldet wurden, gehörten die Hauptstadt Kiew, die zweitgrößte Stadt Charkiw im Osten der Ukraine, die Hafenstädte Mariupol und Odessa sowie Mykolajiw im Süden des Landes.

In der seit Wochen von russischen Truppen belagerten Stadt Mariupol sind nach Angaben der Militärverwaltung mittlerweile "mehr als 80 Prozent der Infrastruktur beschädigt oder zerstört". Die humanitäre Lage dort ist nach UN-Angaben "äußerst ernst", mit "einem kritischen und potenziell lebensbedrohlichen Mangel an Nahrungsmitteln, Wasser und Medikamenten". Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell nannte "das, was in Mariupol geschieht, ein schweres Kriegsverbrechen".

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf den russischen Truppen vor, eine Fluchtroute aus Mariupol beschossen zu haben. Dabei seien vier Kinder verletzt worden, sagte er in einer Videobotschaft an die Nation. Der Beschuss sei in der Region Saporischschja erfolgt - dem ursprünglichen Ziel jener, die aus Mariupol flüchten. Laut der Kiewer Regierung konnten zuletzt 3000 Menschen aus der südukrainischen Hafenstadt evakuiert werden.

Offenbar Schüsse auf Demonstranten in Cherson

In der von russischen Truppen besetzten Stadt Cherson im Süden der Ukraine schossen russische Soldaten nach Angaben Selenskyjs auf Demonstrantinnen und Demonstranten. "In Cherson schossen die Besatzer auf Menschen, die friedlich, ohne Waffen, hinausgegangen waren, um zu protestieren. Für die Freiheit - für unsere Freiheit", sagte er in einer Videoansprache. Mindestens ein Mensch wurde verletzt.

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba erklärte auf Twitter: "Dies ist das hässliche Gesicht Russlands, eine Schande für die Menschheit." Er nannte die russischen Soldaten "Kriegsverbrecher". Kuleba veröffentlichte zu seinem Tweet ein Video, auf dem ein älterer Mann, der ein Armband in den Farben der ukrainischen Nationalflagge trägt, mit Schusswunden zu sehen ist.

Bürgermeister fordert zum Verlassen von Boryspil auf

Offenbar in Erwartung russischer Angriffe rief der Bürgermeister von Boryspil - eine Stadt mit 60.000 Menschen, knapp 30 Kilometer südostlich von Kiew - die Zivilbevölkerung zum Verlassen der Stadt auf. Sein Aufruf gelte auch für alle Zivilisten, die aus anderen Teilen der Ukraine in die Stadt geflüchtet seien, sagte Wolodymyr Borissenko. Der Appell zur Evakuierung erfolge aus rein militärtaktischen Gründen. "Die Erfahrung aus anderen Orten, um die gekämpft wird, hat gezeigt, dass die Arbeit der Streitkräfte einfacher ist, wenn weniger Zivilbevölkerung in der Stadt ist", sagte Borissenko. "Es gibt keinen Grund, in der Stadt zu bleiben, in der Umgebung wird bereits gekämpft."

In Makariw, einem strategisch wichtigen Vorort nordwestlich von Kiew, konnte das ukrainische Militär eigenen Angaben zufolge russische Soldaten verdrängen. Nach heftigen Kämpfen seien die Russen dazu gezwungen worden, Makariw zu verlassen, teilte das ukrainische Verteidigungsministerium mit. Damit werde verhindert, dass russische Truppen die Hauptstadt Kiew aus dem Nordwesten einkesseln.

Nach Angaben des Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, sind allein dort seit Kriegsbeginn vor knapp einem Monat "65 friedliche Einwohner" bei Luftangriffen getötet worden.

Spionageabwehr stoppt möglichen Anschlag auf Selenskyj

Die ukrainische Spionageabwehr verhinderte nach eigenen Angaben ein mögliches Attentat auf Selenskyj. Eine Gruppe von russischen Saboteuren, angeführt von einem Geheimdienstler, sei in der Stadt Uschgorod im Dreiländereck zwischen der Ukraine, der Slowakei und Ungarn festgenommen worden, berichtete die Nachrichtenagentur Unian. Zum Auftrag der etwa 25 Männer gehörten neben dem Anschlag auf Selenskyj in Kiew auch die Ausführung einer Reihe von Sabotageakten im Regierungsviertel sowie in anderen Landesteilen der Ukraine.

Demnach wollten sie sich als Angehörige der Territorialeinheiten der Ukraine ausgeben und auf diese Weise nach Kiew gelangen. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen. Nach ukrainischer Darstellung haben russische Spionagetrupps seit Kriegsbeginn bereits mehrfach versucht, in Kiew einzudringen und den Präsidenten auszuschalten.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Selenskyj: Bereit zu Gesprächen über Deal mit Russland

Dieser erklärte sich zu Gesprächen über eine Vereinbarung zur Beendigung des Krieges bereit. Im Gegenzug für eine Feuerpause, einen Abzug der russischen Truppen und Sicherheitsgarantien für sein Land wäre er willens, über eine ukrainische Absage an eine NATO-Mitgliedschaft zu reden, sagte Selenskyj im Interview mit ukrainischen TV-Sendern. "Es ist ein Kompromiss für alle: für den Westen, der in Bezug auf die NATO nicht weiß, was er mit uns machen soll; für die Ukraine, die Sicherheitsgarantien will; und für Russland, das keine weitere NATO-Expansion will."

Selenskyj bekräftigte auch seine Forderung nach direkten Gesprächen mit Kremlchef Wladimir Putin. Solange es ein solches Treffen nicht gebe, könne er unmöglich einschätzen, ob Russland den Krieg überhaupt stoppen wolle, sagte der ukrainische Präsident. Kiew sei auch bereit, nach einer Feuerpause sowie Schritten zu Sicherheitsgarantien über den Status der von Russland annektierten Halbinsel Krim und über den von prorussischen Separatisten gehaltenen Donbass in der Ostukraine zu sprechen.

Volksentscheid über mögliche Verhandlungsergebnisse

Über alle in Verhandlungen mit Russland erzielten Vereinbarungen will Selenskyj aber landesweit per Volksabstimmung entscheiden lassen. Die abschließende Form von Kompromissen mit Russland müsse in einem Referendum abgesegnet werden. Das Volk müsse über "diese oder jene Formen" der Kompromisse zu Wort kommen.

Selenskyj erteilte zugleich Ultimaten aus Russland eine grundsätzliche Absage. "Die Ukraine kann keine Ultimaten der Russischen Föderation erfüllen", sagte er. "Man muss uns alle vernichten. Dann wird ihr Ultimatum automatisch erfüllt." Russland hatte die ukrainischen Truppen in der belagerten Hafenstadt Mariupol aufgefordert, die Waffen niederzulegen und die Stadt zu verlassen. Eine solche Kapitulation lehnte die ukrainische Führung kategorisch ab.

Russische Zeitung nennt hohe Opferzahl

Für Verwirrung sorgte der Bericht einer russischen Zeitung über die Zahl der getöteten russischen Soldaten in der Ukraine. Die Kreml-nahe Zeitung "Komsomolskaja Prawda" veröffentlichte hohe Zahlen angeblich in der Ukraine getöteter Russen - und löschte diese später wieder. In einem Online-Artikel war unter Berufung auf das Verteidigungsministerium die Rede von 9861 russischen Soldaten, die seit Beginn des Kriegs gestorben sein sollen, wie aus einer archivierten Version des Textes hervorgeht. Das wären deutlich mehr als die 498 Toten, die die Regierung bislang offiziell bestätigt hat. 16.153 Soldaten sollen zudem verwundet worden sein.

Einige Stunden später war die entsprechende Passage aus dem Artikel allerdings wieder verschwunden. Eine Stellungnahme der Zeitung gab es nicht. Der ukrainische Präsidentenberater Mychailo Podoljak kommentierte auf Twitter, dass "die russische Kunst des Lügens" nicht mehr helfe. "Ein Desaster für die Propaganda Russlands, in der echten Welt gibt es aber fast schon doppelt so viele tote Russen."

Nach ukrainischen Angaben hat die russische Armee seit Kriegsbeginn etwa 15.000 Soldaten verloren. Die Angaben können nicht verifiziert werden. Die "New York Times" berichtete, dass US-Geheimdienstkreise von mehr als 7000 getöteten russischen Soldaten ausgehen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. März 2022 um 08:00 Uhr.