Ein Mann blickt durch das zerstörte Fenster in einem Wohnhaus in Odessa | REUTERS

Krieg gegen die Ukraine Wohnhäuser in Odessa beschossen

Stand: 21.03.2022 15:57 Uhr

Russische Streitkräfte haben erstmals zivile Gebäude in der ukrainischen Stadt Odessa beschossen. Verletzt wurde niemand. Odessa verfügt über den größten Hafen der Ukraine. In Kiew gehen die Angriffe weiter.

Bislang ist die ukrainische Hafenstadt Odessa von russischen Angriffen weitgehend verschont geblieben. Nun wurden nach Behördenangaben erstmals in den Außenbezirken mehrere zivile Gebäude beschossen.

Das Nachrichtenportal "Kyiv Independent" meldete, dass russische Kriegsschiffe mehrere Wohnhäuser von Odessa aus weiter Entfernung beschossen haben sollen. Dabei seien mehrere Gebäude beschädigt worden, so der Sprecher der Militärverwaltung von Odessa, Serhiy Bratchuk. Es habe keine Verletzten gegeben, sagte er in einer Videobotschaft bei Telegram. Odessas Bürgermeister Hennady Truchanow besuchte den betroffenen Ort und sagte: "Wir werden Odessa nicht verlassen und für unsere Stadt kämpfen."

Odessa hat den größten Hafen der Ukraine

Odessa ist die drittgrößte Stadt der Ukraine und strategisch wichtig - die Stadt am schwarzen Meer hat den größten Hafen der Ukraine und ist somit die wichtigste Verbindung für den ukrainischen Handel.

Inzwischen haben russische Truppen große Teile der ukrainische Südküste eingenommen. So legten russische Streitkräfte nach eigenen Angaben mit einem großen Landungsschiff im Hafen von Berdjansk an. Die Stadt liegt am Asowschen Meer, etwa 70 Kilometer südwestlich der belagerten Hafenstadt Mariupol. Auch Berdjansk ist strategisch wichtig. Die russische Armee dürfte über diesen Weg den Nachschub mit Ausrüstung und Munition sichern wollen.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/20.03.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/20.03.2022

Angriffe auch auf Kiew

In der vergangenen Nacht setzten die russischen Truppen auch ihre Angriffe auf Kiew fort. Ein Einkaufszentrum und Wohngebäude seien von russischem Beschuss getroffen worden, teilten die Behörden in der Hauptstadt mit. Dabei seien mindestens vier Menschen getötet worden.

Das britische Verteidigungsministerin berichtete unter Berufung auf einen geheimdienstlichen Lagebericht von heftigen Kämpfen nördlich von Kiew.

Selenskyj: Russlands falsche Vorstellungen

Der russische Vormarsch auf die Hauptstadt war zuletzt aber weitgehend zum Stillstand gekommen. In seiner nächtlichen Videoansprache wies der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die russischen Soldaten auf falsche Vorstellungen vom Verlauf ihrer Invasion hin: "Sie suchen weiterhin nach den imaginären Nazis, vor denen sie angeblich unsere Leute schützen wollten und sie können noch immer keine Ukrainer finden, die sie mit Blumen empfangen", sagte er.

Die Videobotschaften des ukrainischen Staatschefs, in denen sich Selenskyj vereinzelt auch direkt an die russischen Soldaten oder auch die Bevölkerung Russlands wendet, sind inzwischen fester Bestandteil der Verteidigungsmaßnahmen gegen die russischen Angriffe.

Ukraine: Russland betreibt Staatsterrorismus

Der ukrainische Verteidigungsminister Oleksii Reznikov sagte bei einem Besuch in London, seit dem Einmarsch Russlands seien 150 ukrainische Kinder getötet worden, mehr als 400 Schulen und Kindergärten und mehr als 110 Krankenhäuser zerstört worden. "Das ist ein Staatsterrorismus. Deshalb muss der Kreml gestoppt werden, weil er weiter gehen wird. Er wird andere Länder angreifen", sagte Reznikov. Belege für seine Behauptung führte er nicht an. Russland bestreitet Angriffe auf Zivilisten.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Neue Sanktionsrunde gegen Russland geplant

Die EU-Außenministerinnen und -minister wollen heute grünes Licht dafür geben, dass weitere Waffen im Umfang von 500 Millionen Euro für die Ukraine beschafft werden können.

Zudem wollen die EU-Staaten laut EU-Diplomaten diese Woche mit US-Präsident Joe Biden über ein Ölembargo gegen Russland beraten. "Wir arbeiten an einer fünften Runde von Sanktionen, und es werden einige neue Vorschläge gemacht", sagte ein hochrangiger EU-Diplomat. Allerdings betonte der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Hebestreit, dass die Koalition weiter der Meinung sei, dass man derzeit auf Ölimporte aus Russland nicht verzichten könne.

Verhandlungen ohne Durchbruch

Unterhändler der Ukraine und Russlands hatten für heute eine neue Verhandlungsrunde per Videoschalte vereinbart. Nach Angaben des Sprechers des Präsidialamtes in Moskau, Dmitri Peskow, sind die Gespräche über einen Waffenstillstand bislang jedoch ohne größeren Durchbruch geblieben.

Moskaus Maximalforderungen beinhalten die Neutralität der Ukraine sowie eine Entmilitarisierung des Nachbarlandes. Außerdem fordert Russland die Anerkennung der Krim als russisches Staatsgebiet sowie die Unabhängigkeit der abtrünnigen sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine hat bisher Kompromissbereitschaft bei den Gesprächen über die Neutralität des Landes signalisiert, fordert aber starke Sicherheitsgarantien des Westens. Zudem besteht Kiew auf territorialer Unversehrtheit.

Über dieses Thema berichtete am 21. März 2022 Deutschlandfunk um 14:00 Uhr in den Nachrichten und die tagesschau um 16:00 Uhr.