Ein Mann trägt sein Fahrrad an einem durch Bombardierung zerstörten Einkaufszentrum in Kiew vorbei. | dpa

Krieg gegen die Ukraine Neue Angriffe auf Kiew

Stand: 21.03.2022 10:49 Uhr

Russland hat bei Angriffen auf die ukrainische Hauptstadt Kiew Wohnhäuser und ein Einkaufszentrum getroffen. Dabei starben mehrere Menschen. Entwarnung gab es nach einem Ammoniak-Austritt in einer Chemiefabrik.

Russische Streitkräfte haben ihre Angriffe auf die Ukraine fortgesetzt. Wohnhäuser und ein Einkaufszentrum in der Hauptstadt Kiew wurden nach Angaben des ukrainischen Zivilschutzes beschädigt. Allein beim Angriff auf das Einkaufszentrum starben mindestens acht Menschen, teilte die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft mit. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko sprach auch von Angriffen auf mehrere Wohnhäuser im Stadtteil Podil. Retter und Sanitäter seien vor Ort, schrieb Klitschko bei Telegram.

Rettungsdienste erklärten auf Facebook, dass "feindlicher Beschuss" mehrere Stockwerke eines Einkaufszentrums im Nordwesten der Stadt in Brand gesetzt habe. Journalisten berichteten von einer gewaltigen Explosion und Feuer. Auf von den Behörden veröffentlichten Aufnahmen von Sicherheitskameras war eine große Explosion gefolgt von kleineren Detonationen zu sehen. Feuerwehrleute zogen mindestens einen staubbedeckten Mann aus den Trümmern. Soldaten sperrten den Ort ab und warnten vor Gefahr durch nicht explodierte Munition.

Selenskyj: Russlands falsche Vorstellungen

Der russische Vormarsch auf die Hauptstadt war zuletzt weitgehend zum Stillstand gekommen. Moskaus Streitkräfte liefern sich im Nordwesten und Osten der Stadt sporadische Gefechte mit ukrainischen Verteidigern, haben sich aber seit zwei Wochen kaum bewegt. In seiner nächtlichen Videoansprache wies der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die russischen Soldaten auf falsche Vorstellungen vom Verlauf ihrer Invasion hin: "Sie suchen weiterhin nach den imaginären Nazis, vor denen sie angeblich unsere Leute schützen wollten und sie können noch immer keine Ukrainer finden, die sie mit Blumen empfangen", sagte er.

Die Videobotschaften des ukrainischen Staatschefs, in denen sich Selenskyj vereinzelt auch direkt an die russischen Soldaten oder auch die Bevölkerung Russlands wendet, sind inzwischen fester Bestandteil der Verteidigungsmaßnahmen gegen die russischen Angriffe.

Mariupol: "Es wird keine Kapitulation geben"

Diese konzentrieren sich weiter auf den Süden und Osten der Ukraine. Besonders umkämpft ist die Stadt Mariupol. In der Nacht lehnte die ukrainische Regierung ein Ultimatum zum Rückzug aus der Stadt ab. "Es wird keine Kapitulation, kein Niederlegen der Waffen geben", sagte Vize-Regierungschefin Irina Wereschtschuk der "Ukrajinska Prawda" am frühen Morgen. Sie forderte vom russischen Militär die Öffnung von Fluchtwegen für die mehreren Hunderttausend notleidenden Zivilisten.

Russland hatte am Sonntag die ukrainischen Truppen in Mariupol aufgefordert, die Waffen niederzulegen und die Stadt zu verlassen. Dazu solle ein Korridor eingerichtet werden. Das russische Militär schickte ein acht Seiten langes Schreiben und forderte eine schriftliche Antwort ein. "Anstatt Ihre Zeit auf acht Seiten Brief zu verschwenden, öffnen Sie einfach einen Korridor", zitierte Wereschtschuk aus ihrer Entgegnung.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Sorgen um Chemiefabrik bei Sumy

Bei Angriffen auf eine Chemiefabrik nahe der Stadt Sumy ist offenbar hochgiftiges Ammoniak ausgetreten. In der Sumychimprom-Anlage in Nowoselyzja sei ein "Ammoniakleck" aufgetreten, teilte der Gouverneur der Region Sumy, Dmytro Schywytsky, bei Telegram mit. Betroffen sei ein Gebiet von 2,5 Kilometern rund um die Anlage für Düngemittel. "Ammoniak ist leichter als Luft, daher sollten Schutzräume, Keller und untere Stockwerke zum Schutz aufgesucht werden", teilte er weiter mit. Rettungskräfte seien vor Ort im Einsatz. Die nahegelegene Großstadt Sumy sei jedoch nicht in Gefahr.

Die russische Regierung hat die Ukraine wiederholt beschuldigt, Angriffe mit improvisierten Chemiewaffen vorzubereiten. Dem russischen Verteidigungsministerium zufolge hätten "Nationalisten" die Ammoniak- und Chlorgaslager der Sumychimprom-Anlage "vermint". Ziel sei eine "Massenvergiftung der Bewohner der Region Sumy im Falle des Eintreffens von Einheiten der russischen Streitkräfte in der Stadt".

Der ukrainische Zivilschutz gab nach dem Ammoniak-Austritt inzwischen Entwarnung. Es bestehe nach Darstellung der Behörden keine Gefahr für die Bevölkerung, teilte der staatliche Zivilschutz bei Telegram mit und sprach von einem "leichten Ammoniak-Austritt". Durch Beschuss sei ein Tank beschädigt worden. Die betroffene Stelle sei abgedichtet worden. Den Angaben zufolge wurde ein Mitarbeiter des Unternehmens verletzt.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/20.03.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/20.03.2022

Neue Verhandlungen

Unterhändler der Ukraine und Russlands haben für heute eine neue Verhandlungsrunde per Videoschalte vereinbart. Schon am Morgen wollten die beiden Teams die Gespräche aufnehmen, sagte der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak am späten Sonntagabend der Agentur Unian. "Zuletzt haben Arbeitsgruppen beider Seiten intensiv gearbeitet."

Am vergangenen Montag waren die bisher letzten Friedensgespräche auf höherer Ebene geführt worden. Nach Meinung Podoljaks könnten die Verhandlungen mit Moskau über ein Ende des Kriegs noch "mehrere Wochen" dauern. Allerdings gebe es inzwischen Anzeichen, dass Moskaus Position zuletzt "angemessener" und realistischer worden sei. Genauere Angaben dazu machte er nicht.

Moskaus Maximalforderungen beinhalten die Neutralität der Ukraine sowie eine Entmilitarisierung des Nachbarlandes. Außerdem fordert Russland die Anerkennung der Krim als russisches Staatsgebiet sowie die Unabhängigkeit der abtrünnigen sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine hat bisher Kompromissbereitschaft bei den Gesprächen über die Neutralität des Landes signalisiert, fordert aber starke Sicherheitsgarantien des Westens. Zudem besteht Kiew auf territorialer Unversehrtheit.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. März 2022 um 09:55 Uhr.