Zerstörte Autos und Gebäude auf einer Straße in Kiew. | dpa

Ukraine-Krieg Kiew verhängt Ausgangssperre

Stand: 15.03.2022 14:20 Uhr

In Kiew gilt ab dem Abend eine 35-stündige Ausgangssperre. Bei den Angriffen auf ein Wohngebiet starben nach Angaben von Bürgermeister Klitschko mindestens vier Menschen. Der Flughafen in Dnipro soll weitgehend zerstört worden sein.

Die Behörden haben eine eine 35-stündige Ausgangssperre für Kiew angekündigt. Sie gilt von abends 19.00 Uhr (MEZ) bis Donnerstagmorgen um 06.00 Uhr, sagte Bürgermeister Vitali Klitschko. Er sprach von einem "schwierigen und gefährlichen Moment" für die ukrainische Hauptstadt. "Es ist verboten, sich ohne Sondergenehmigung in der Stadt zu bewegen, es sei denn, man begibt sich in Luftschutzräume." Die Hauptstadt sei das Herz der Ukraine, "und sie wird verteidigt werden".

Zuvor hatten russische Streitkräfte nach ukrainischen Angaben am frühen Morgen mehrere Wohnblocks beschossen. Die Zahl der Todesopfer stieg laut Klitschko auf vier. Zuvor hatten die Behörden von zwei Toten gesprochen. Betroffen waren laut dem ukrainischem Rettungsdienst Gebäude in den Stadtteilen Swjatoschyn im Westen Kiews und Podil sowie das Viertel Osokorky im Südosten von Kiew.

Eingang einer U-Bahn-Station beschädigt

Das ukrainische Militär teilte mit, Explosionen in Kiew gingen auf russisches Artilleriefeuer zurück. Die russische Offensive rückt derweile näher an das Stadtzentrum der Hauptstadt heran. Schockwellen einer Explosion beschädigten den Eingang einer U-Bahn-Station in der Innenstadt, die auch als Zufluchtsort vor russischen Angriffen genutzt wurde. Die Stadtverwaltung twitterte Bilder der zerstörten Fassade und erklärte, Bahnen machten an der Station nicht mehr Halt.

"Ein Brei aus Stahl und Beton"

Weitere russische Angriffe gab es in den Vororten Irpin, Hostomel und in der Stadt Butscha unweit von Kiew, wie der Chef der Regionalverwaltung im Großraum Kiew, Oleksij Kuleba, sagte. "Viele Straßen (in diesen Gegenden) wurden in einen Brei aus Stahl und Beton verwandelt. Die Menschen verstecken sich seit Wochen in Kellern und haben Angst, hinauszugehen, selbst für Evakuierungen", sagte er im ukrainischen Fernsehen.

Die schraffierten Bereiche zeigen die von den Russen kontrollierten Gebiete in der Ukraine. | ISW/14.03.2022

Die schraffierten Bereiche zeigen die von den Russen kontrollierten Gebiete in der Ukraine. Bild: ISW/14.03.2022

Neue russische Artillerieangriffe gab es nach Angaben des Generalstabs der ukrainischen Armee zudem auf die zweitgrößte Stadt des Landes, Charkiw.

Russische Truppen greifen Flughafen von Dnipro an

Nach ukrainischen Angaben beschossen russische Truppen auch den Flughafen der Stadt Dnipro in der Ostukraine. In der Nacht habe es zwei Angriffe gegeben, "die Start- und Landebahn wurde zerstört. Das Terminal wurde beschädigt. Massive Zerstörungen", erklärte der Gouverneur der Region Dnipro im Online-Dienst Telegram. 

Dnipro ist eine Industriestadt mit rund einer Millionen Einwohnern. Sie liegt am gleichnamigen Fluss, der eine wichtige natürliche Grenze zum teilweise pro-russischen Osten der Ukraine bildet.

Nach Angaben aus Kiew sind bei nächtlichen Angriffen in der ostukrainischen Stadt Rubischne im Gebiet Luhansk vier Menschen ums Leben gekommen. Das meldete die Agentur Unian. Die Angriffe hätten eine Einrichtung für sehbehinderte Kinder, das städtische Krankenhaus und drei Schulen zerstört. Rubischne liegt nahe der Großstadt Sjewjerodonezk, um die sich pro-russische Separatisten und ukrainische Truppen derzeit heftige Kämpfe liefern.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Kadyrow: Tschetschenische Kämpfer in Mariupol

Bei Kämpfen um Mariupol habe die Armee 150 russische Soldaten getötet und zwei Panzer zerstört. In Mariupol im Südosten der Ukraine wurden nach Angaben örtlicher Behörden seit Beginn des russischen Angriffskriegs 2357 Menschen getötet. Die Stadt mit ihren etwa 400.000 Einwohnern ist seit Tagen von russischen Einheiten umzingelt und vom Rest des Landes abgeschnitten.

Nach Angaben des Republikchefs der autonomen russischen Republik, Ramsan Kadyrow, führen tschetschenische Kämpfer eine russische Offensive auf die strategisch wichtige Hafenstadt an. Kadyrow erklärte in der Nacht bei Telegram, tschetschenische Kämpfer seien etwa 1,5 Kilometer weit in die Stadt am Asowschen Meer vorgedrungen, bevor sie ihren Angriff bei Einbruch der Nacht pausiert hätten. Er erklärte, sein enger Verbündeter Adam Delimchanow führe die tschetschenischen Kämpfer in Mariupol an.

Noch mehr zivile Opfer in Mariupol befürchtet

Ein Berater des Bürgermeisters von Mariupol, Petro Andrjuschtschenko, nannte die Lage in der Stadt "unmenschlich": "Kein Essen, kein Wasser, kein Licht, keine Wärme." Er befürchte viel mehr Tote - mit zunehmender Intensität der Angriffe könnte die Zahl der Opfer bis zu 20.000 betragen.

100 Tonnen Lebensmittel, Wasser und Medikamente für Mariupol würden seit drei Tagen nicht zur Stadt durchgelassen, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Auch Evakuierungsversuche scheiterten bisher weitgehend. Heute soll es neue Versuche geben, Zivilisten aus umkämpften Städten herauszubringen.

Über dieses Thema berichteten am 15. März 2022 die tagesschau um 12:00 Uhr und Deutschlandfunk um 13:00 Uhr in den Nachrichten.