Ein Soldat in Flecktarn in einem abgemähten ukrainischen Weizenfeld. | picture alliance / Photoshot

Krieg in der Ukraine "Wollen die Welt mit Weizen versorgen"

Stand: 07.07.2022 16:10 Uhr

Die Ukraine und Russland geben einander die Schuld für die Probleme beim Getreideexport unter Kriegsbedingungen. Die Türkei will einen Getreide-Korridor organisieren - für ukrainische Landwirte die letzte Hoffnung.

Von Annette Kammerer, ARD-Studio Moskau, zzt. Berlin, und Rebecca Barth, RBB, zzt. Kiew

Ausgebrannte Autos, zerstörte Gebäude - das ist alles, was von Andrij Mahoments Betrieb noch übrig ist. Der Landwirt zeigt Videos der Zerstörung. Metertiefe Krater, Metallschrott zu Bergen aufgetürmt. Dazwischen der tote Körper eines Nachbarn - auch er war Landwirt. Mahoment lebt in einem Dorf bei Mykolajiw im Süden der Ukraine. Hier verläuft heute die Front.

Die Ukraine ist einer der wichtigsten Getreideexporteure der Welt. Doch besonders im Süden des Landes haben die Landwirte ein Problem: der russische Angriffskrieg. "Sie zerstören unsere Infrastruktur, brennen unsere Felder ab, damit wir keine Ernte mehr haben", erzählt Mahoment. Viele Landwirte in der Region werfen den russischen Truppen vor, gezielt landwirtschaftliche Geräte zu beschießen. Mahoment konnte einige wenige Maschinen zwar vor dem Krieg retten. Aber Minen und andere nicht explodierte Sprengsätze machen die Arbeit auf den Feldern lebensgefährlich.

Doch noch größer als das Problem verminter Feldern sei die Blockade des Schwarzen Meeres durch die russische Flotte, sagt Roman Neyter, Wissenschaftler an der Kiewer School of Economics. Denn vom Krieg direkt seien nur etwa 20 Prozent landwirtschaftlicher Nutzfläche der Ukraine betroffen. "Dass wir den Hafen nicht verlassen können, betrifft 100 Prozent aller Landwirte."

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/06.07.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/06.07.2022

Russlands Ernte: "Erstklassig"

Währenddessen zeigt das russische Staatsfernsehen Berichte über die Getreideernte in Russland. 50 Millionen Tonnen Getreide soll Russland in diesem Jahr an die Weltmärkte liefern, kündigt die Nachrichtensprecherin des Fernsehkanals "Rossija 1" an. Bei der Ernte im Gebiet Wolgograd, im Süden Russlands und nur 400 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, macht sich ein Reporter dann ein eigenes Bild. Das Fazit: Die Qualität - erstklassig. Geerntet werden könnte hier dieses Jahr vielleicht sogar so viel wie noch nie in dieser Region.

Russland liefere an 161 Länder dieser Welt, erzählte auch Wladimir Putin beim Besuch des Indonesischen Staatspräsidenten Joko Widodo Ende Juni. Russland sei Getreideexporteur Nummer eins. Außerdem habe sein Land die Absicht, den vertraglichen Verpflichtungen zur Lieferung von Nahrungsmitteln auch weiterhin "gewissenhaft zu erfüllen".

Minenräumung - ein Risiko

Für die Seeblockade im Schwarzen Meer rund um die ukrainische Küste übernehme Russland allerdings keine Verantwortung. Im Gegenteil: Russland zeige sich sogar mehr als gewillt für Zugeständnisse gegenüber der Ukraine. Wenn die ukrainischen Militärs die eigenen Häfen entminten, sagte Putin Ende Juni auf einem BRICS+ Gipfeltreffen, dann wäre Russland bereit, "eine sichere Passage für die Getreideausfuhr zu gewährleisten".

Ein Vorschlag, der von Odessas Bürgermeister Hennadij Truchanow skeptisch gesehen wird. "Natürlich wollen wir die Welt mit Weizen versorgen", sagt er. "Aber wir dürfen auch unsere Sicherheit nicht vergessen." Eine Entminung der Gewässer wäre für Odessa ein Sicherheitsrisiko.

Die Folgen der Blockade auf dem Schwarzen Meer seien für die ukrainische Wirtschaft extrem, warnt Roman Neyter von der Kyiv School of Economics: "Im Moment besteht die Gefahr, dass der gesamte Agrarsektor in der Ukraine auf den Kopf gestellt wird." Der Wirtschaftsexperte befürchtet, dass ein erheblicher Teil der ukrainischen Landwirte in den nächsten Monaten deshalb bankrott gehen könnte.

Türkei als Vermittler

Die Türkei führt derweil sowohl mit ukrainischen als auch mit russischen Vertretern Gespräche zu einem sogenannten Getreide-Korridor. Dieser soll Frachtschiffen eine sichere Durchfahrt auf dem Schwarzen Meer ermöglichen. Die Ukraine hatte den türkisch-russischen Vorschlag bislang abgelehnt. Denn Russland behielt sich das Recht vor, ukrainische Schiffe auch kontrollieren zu dürfen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan will dennoch innerhalb der nächsten zehn Tage eine Lösung für die Seeblockade präsentieren.

Für viele ukrainische Experten ist dies die einzige Möglichkeit, eine Ernährungskrise abzuwenden. Über den Landweg könnten derzeit im Monat etwa zwei Millionen Tonnen Getreide und Samen für die Ölproduktion exportiert werden. "Vorher haben wir über die Häfen sechs bis sieben Millionen Tonnen pro Monat exportiert", gibt der Chef der ukrainischen Getreidevereinigung, Nikolaj Gorbatschow, an.

Wenn in den nächsten zwei bis drei Monaten keine Lösung gefunden werde, "dann werden Millionen von Menschen in afrikanischen Ländern Hunger leiden und wir werden unsere Produktion herunterfahren".