Ein ukrainischer Soldat in einem Waldgebiet in der Region Donezk | AP
Interview

Ukraine und Russland "Die Frage ist, wer schneller kollabiert"

Stand: 06.07.2022 11:42 Uhr

Anhaltende Kämpfe mit hoher Intensität in der Ukraine - der Militärexperte Gady sieht darin einen Abnutzungskrieg. Im Interview erklärt er, was das für beide Armeen bedeutet und welche Offensive für die Ukraine entscheidend sein könnte.

tagesschau.de: Die ukrainische Armee hat Lyssytschansk aufgegeben, nun gibt es schwere Kämpfe rund um Donezk - was bedeutet das für ihre strategische Position in diesem Krieg?

Franz-Stefan Gady: Rein militärisch verändert die Aufgabe von Lyssytschansk nicht viel. Es ist ein symbolischer Sieg für die russischen Streitkräfte, aber die strategischen Konsequenzen werden minimal sein für die Fortdauer dieses Krieges. In der Donbass-Region herrscht ein Abnutzungskrieg. Hier geht es nicht so sehr um die Eroberung einzelner Städte, sondern vielmehr darum, der gegnerischen Seite mehr Verluste an Menschen und Material beizubringen, als sie die eigene Seite erleidet.

Es war abzusehen, dass Lyssytschansk und Sjewjerodonezk früher oder später fallen wegen der massiven Überlegenheit der russischen Streitkräfte - vor allem, was die Artillerie betrifft. Die ukrainischen Kräfte haben sich taktisch zurückgezogen und nicht - wie in Mariupol - bis zum letzten Mann gekämpft, um hier einer Einkesselung zu entgehen. Das zeigt, wie strategisch signifikant diese Städte für die Ukraine sind, und der Gedanke ist wohl auch, dass man diese Städte vielleicht später in einer Gegenoffensive zurückerobern kann.

Nun haben sich die ukrainischen Streitkräfte auf eine neue, gut ausbaute Verteidigungslinie - verankert in Bachmut, Soledar und Siwersk - zurückgezogen. Eine weitere Verteidigungslinie gibt es bei Slowjansk und Kramatorsk - beide urbane Zentren wurden seit 2014 zu Verteidigungsbastionen ausgebaut.

"Enorme Verluste" auf beiden Seiten

tagesschau.de: In welchem Zustand befinden sich denn beide Armeen nach viereinhalb Monaten Krieg?

Gady: Für beide Streitkräfte ist es ein "race to the bottom" ("Unterbietungswettlauf"). Beide Streitkräfte sind erschöpft, sind ausgeblutet, haben enorme Verluste erlitten. Jetzt ist die Frage, wer schneller kollabiert. Das ist immer die Frage in einem Abnutzungskrieg. Und hier gibt es verschiedene Faktoren. Kurzfristig schaut die Situation für die ukrainischen Streitkräfte schlimmer aus im Osten, weil die russischen Streitkräfte im Bereich der bodengestützten Artillerie eine enorme Überlegenheit haben und auch wenig Nachschubprobleme bei der Munition.

Zugleich können die russischen Streitkräfte im Donbass mit Raketen- und Flugabwehrsystemen einen Schutzschirm über die russischen Operationen werfen - anders als in der ersten Phase des Krieges. Die ukrainische Luftwaffe kommt hier nur schwer zum Einsatz. Das ist ein großes Manko.

Gleichzeitig haben die Russen eine Übermacht im elektronischen Kampf, weshalb auf ukrainischer Seite Drohnen nur spärlich zum Einsatz kommen, weil durch elektronische Störungen ihr Einsatz verhindert werden kann, und das erschwert die Aufklärung. Das große Manko der russischen Armee bleibt die fehlende Infanterie.

 Franz-Stefan Gady 
Zur Person

Franz-Stefan Gady ist Militärexperte und Research Fellow beim Institute for International Strategic Studies.

Können die Ukrainer das Blatt noch wenden?

tagesschau.de: Und auf ukrainischer Seite?

Gady: Russland muss einkalkulieren, dass sich für die Ukrainer langfristig das Blatt wenden kann - und das hängt davon ab, wie stark die Ukrainer von westlichen Munitions- und Waffenlieferungen profitieren können. Wird es einen gut koordinierten kontinuierlichen Waffenfluss geben, wird es kontinuierlich eine Übermittlung von Daten im nachrichtendienstlichen Bereich geben, wird kontinuierlich ein gut integriertes Trainingsprogramm aufgestellt werden können, wo die ukrainischen Streitkräfte den Umgang mit und die Instandhaltung der vom Westen gelieferten Waffen lernen können? Hier muss von westlicher Seite besser koordiniert und langfristiger strategisch gedacht werden.

Es bringt wenig, wenn die Ukraine ein halbes Dutzend verschiedene Artilleriesysteme im Einsatz haben wird und dazu jeweils eigene Logistikketten aufbauen muss. Das ist ineffektiv. Hier bedarf es einer Planung und Konzentration auf vielleicht zwei Systeme. Das erleichtert die Ausbildung an den Systemen und gleichzeitig die Instandsetzung. Im Moment scheinen die ukrainischen Streitkräfte teilweise nicht das gesamte Potential einzelner aus dem Westen gelieferter Waffensysteme wegen mangelnder Ausbildung ausschöpfen zu können. Selbstverständlich muss auch Munition den ukrainischen Streitkräften in solch einer Anzahl zur Verfügung gestellt werden, dass langfristig die Einsatzfähigkeit gesteigert werden kann.

Ein Defizit bei den ukrainischen Streitkräften sind weiter die Mittel- und Langstrecken-Flugabwehrsysteme. Da muss auch dringend nachgeliefert werden, weil dies sonst ein großes Defizit bei zukünftigen Offensiven sein wird. Und die Ukraine braucht in der elektronischen Kriegsführung, so gut es geht, unterstützend elektronische Kriegsführung, weil das die Kampfkraft der einzelnen Systeme multipliziert. Wenn Aufklärungsdrohnen ohne gegnerische Störung Ziele aufklären und die Daten übermitteln könnten, würde das bedeuten, dass die Ziele schneller ausgesucht und bekämpft werden können.

Ein ukrainischer Soldat tarnt eine von den USA gelieferte M777-Haubitze im Kampfgebiet bei Donezk | AP

Aus dem Westen gelieferte Waffen wie diese M777-Haubitze beeinflussen den Kriegsverlauf - aber sind auch ein wichtiges Ziel für russische Angriffe. Bild: AP

"Waffenlieferungen machen einen Unterschied"

tagesschau.de: Ist denn weiter ein Effekt der internationalen Waffenlieferungen festzustellen?

Gady: Ja, und das sieht man zum Beispiel an gezielten Angriffen auf Nachschubverbindungen oder Munitionsdepots durch Mehrfachraketenwerfer, die den Ukrainern bereitgestellt wurden. In der ersten Phase des Krieges waren die "MANPADS", also die tragbaren Flugabwehrsysteme, und vor allem die Panzerabwehr-Lenkwaffen enorm wichtig, um das Überleben von einzelnen ukrainischen Verbänden zu sichern. Das hat den russischen Streitkräften enorme Verluste zugefügt. Die Waffenlieferungen helfen, haben einen Unterschied gemacht und steigern nach wie vor die Kampfkraft der ukrainischen Streitkräfte.

Für die militärische Führung der Ukraine ist die größere Frage jetzt, inwiefern diese Waffen, die eintreffen oder an denen die eigenen Streitkräfte ausgebildet werden, sofort an die Front kommen. Oder stabilisiert sich die Front in den kommenden Wochen so, dass einige der gelieferten Systeme zurückgehalten werden können, um Reserveeinheiten zu bilden, mit denen man zu einem günstigen Zeitpunkt zum Gegenangriff übergehen kann?

Vor einer "operativen Pause"?

tagesschau.de: Lassen Sie uns einen Blick nach vorne werfen. In welche Richtung wird sich das Kampfgeschehen Ihrer Einschätzung nach entwickeln?

Gady: Ich bleibe bei meiner Einschätzung, dass dies die letzte russische Großoffensive sein wird, bevor er es in eine operative Pause geht. Das bedeutet nicht einen Waffenstillstand oder Ende der Kampfhandlungen. Vielmehr werden wahrscheinlich Geschwindigkeit und Intensität der Kampfhandlungen für eine gewisse Zeit heruntergefahren werden. In dieser Zeit werden beide Seiten versuchen, sich zu regenerieren, neue Verbände aufzustellen, und Verstärkung an heranzuführen. Ich glaube, es wird nach wie vor ein sehr dynamisches Schlachtfeld sein. Es wird keine Pattsituation geben, und der Abnutzungskrieg wird weitergehen. Wie lange, das ist schwer zu sagen.

Russland kann diese Art des Krieges noch einige Monate oder bis ins nächste Jahr durchhalten, solange es das "Personalproblem" in Griff bekommt und kontinuierlich frische Truppen an die Front schicken kann. Auch die Sanktionen werden in dieser Hinsicht wenig Einfluss auf das unmittelbare Kriegsgeschehen haben. Der Donbass hat in meinen Augen nicht die große strategische Signifikanz - mit der Ausnahme, dass hier eine große Anzahl von ukrainischem Kriegsmaterial und an Menschen verschlungen wird.

Viel wichtiger für den Fortgang des Krieges ist die Region Cherson. Ich kann mir gut vorstellen, dass hier früher oder später der erste Test für die erste große strategische Gegenoffensive der Ukraine stattfinden wird. Hier wird wichtig, dass diese ukrainische Offensive auch gelingt. Sollte sie nicht gelingen, wäre es ein Signal an westliche Partner der Ukraine, verstärkt darauf zu pochen, dass die Ukraine in Verhandlungen eintritt. Ein Misslingen würde verständlicherweise die Stimmen unter den Skeptikern der Waffenlieferungen stärken, und das wäre eine sehr prekäre Situation für die Ukraine.

Die wichtigste Offensive der ukrainischen Streitkräfte ist deshalb, die Stadt Cherson zu befreien beziehungsweise die russischen Streitkräfte über den Fluss Dnipro zurückzuwerfen. Darüber hinaus bin ich skeptisch, ob es die Ukraine schaffen wird, in den nächsten Monaten über den Fluss zu setzen und die russischen Streitkräfte weiter zurückzuwerfen. Es hängt auch davon ab, wie zäh sich die russischen Streitkräfte verteidigen. Wir haben gesehen: Wenn die Russen merken, dass sie den Kampf vielleicht doch verlieren würden, ziehen sie sich relativ schnell zurück. Die Signifikanz der potenziellen Großoffensive in der Region Cherson sollte nicht unterschätzt werden.

Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. Juli 2022 um 12:00 Uhr.