Menschen kaufen in Wolnowacha Lebensmittel an Marktständen. | ARD-Studio Moskau
Reportage

Leben in der Ostukraine Wenn im Krieg noch mehr Krieg droht

Stand: 07.02.2022 12:19 Uhr

Bereits seit acht Jahren bestimmt der Krieg den Alltag der Menschen in der Ostukraine. Während der Westen vor einer neuen Eskalation warnt, herrschen dort Angst und Zuversicht zugleich.

Von Martha Wilczynski und Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Mariupol und Kiew

In Wolnowacha, etwa 30 Kilometer von der Konfrontationslinie entfernt, scheint der Krieg bereits weit weg. Die Stimmung in der Kleinstadt mit ihren rund 22.000 Einwohnern sei "winterlich, gut!", ruft eine Passantin im Vorbeigehen und stapft über den vereisten Gehweg weiter in Richtung Markt. Nebeneinander aufgereiht stehen Stände mit frischem Fisch, Fleisch, Nudeln, Eiern, Pflanzenöl, aber auch mit Kleidung, Schuhen, Zigaretten, warmen Socken und Mützen.

Andrea Beer ARD-Studio Moskau
Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

Zwischen alten Frauen mit vollgepackten Einkaufstaschen und jungen Familien tauchen auch immer wieder ukrainische Soldaten auf. Sie trinken Kaffee oder kaufen ein. Kaum jemand beachtet sie.

"Wir haben uns an den Krieg gewöhnt"

"Alle haben sich daran gewöhnt. Niemand achtet mehr darauf, so wie am Anfang", sagt Ewgenija. Die junge Frau steht vor ihrem Bekleidungsstand und wartet auf Kundschaft. Ihren Schal hat sie tief ins Gesicht gezogen, als Schutz gegen die Kälte.

2015 ist Wolnowacha zum letzten Mal beschossen worden. Seitdem aber sei es ruhig in der Stadt, sagt Ewgenija: "Na ja, eventuell hören wir mal vereinzelte Schüsse. Aber in der Regel ist alles entspannt." Sie persönlich mache sich vielmehr Sorgen um die zuletzt stark gestiegenen Preise und dass dadurch auch ihre Kunden wegbleiben.

"Ein politisches Spiel"

Olja und ihr Mann Aljoscha wohnen in Nowotrojitzke, einer kleinen Gemeinde direkt an der Kontaktlinie zu den von prorussischen Separatisten besetzten Gebieten. Sie kommen oft zum Einkaufen nach Wolnowacha. Auch sie beschreiben die Situation im Moment als ruhig.

Der Gedanke an eine mögliche, erneute Eskalation, vielleicht sogar unter offener Beteiligung Russlands, macht ihnen dennoch Angst. "Dass es aber wirklich so weit kommen wird, glauben wir nicht", sagt Aljoschja. "Oder vielleicht wollen wir es einfach nicht glauben", fügt seine Frau Olja hinzu: "Wir haben uns schon einmal in unserem Keller versteckt. Das brauchen wir nicht noch einmal."

Derartige Ängste und Bedenken wischt Marktfrau Taisa mit einer energischen Handbewegung beiseite:

Das ist ein politisches Spiel und irgendwer profitiert davon. Wenn uns wirklich jemand überfallen wollte, hätte er das längst getan. Ich glaube, alles wird gut.

"Verteidigen wir zusammen Kiew"

Rund 750 Kilometer weiter westlich in der Hauptstadt Kiew wirbt Vitali Klitschko mit ernster Miene für die sogenannte "territoriale Verteidigung" der Stadt: Brigaden, die aus Zivilistinnen und Zivilisten bestehen, die an Wochenenden trainieren und der regulären Armee unterstellt sind. Landesweit nehmen Tausende Menschen daran teil.

Vitali Klitschko ist auf einem Werbeplakat an einer Hauswand zu sehen. | ARD-Studio Moskau

Kiews Bürgermeister Klitschko wirbt in Uniform für die Beteiligung an Brigaden zur Verteidigung. Bild: ARD-Studio Moskau

Im Fall eines Angriffs könnten sie sich an einfachen Kampfeinsätzen beteiligen oder Museen oder Kläranlagen bewachen und die Zivilbevölkerung unterstützen. Auch Kiews Bürgermeister Klitschko trägt auf den Plakaten Uniform. "Verteidigen wir zusammen Kiew", appelliert er darauf.

Krisendiplomatie und Sorge wegen Manöver

Wenn Außenministerin Annalena Baerbock heute zu ihrem zweiten Besuch in Kiew landet, setzt sie die rege Krisendiplomatie der letzten Wochen fort. Zahlreiche Staats- und Regierungschefs sowie der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell gaben sich hier die Klinke in die Hand und bekräftigten im Konflikt mit Russland ihre Solidarität mit der Ukraine.

Dies sei weit mehr als bloße Pendeldiplomatie, ist der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba überzeugt. Niemand wisse, was im Kopf von Wladimir Putin vorgehe, so Kuleba Ende Januar, aber bei einer solchen Intensität hochrangiger Besuche in Kiew sinke das Risiko einer Militäreskalation.  

Russische Truppenbewegungen beunruhigen die Führung in Kiew weiter. Ein am Donnerstag beginnendes russisch-belarusisches Manöver befeuert die Sorge, russische Truppen könnten den Westen der Ukraine über das Nachbarland Belarus angreifen. Darüber hinaus haben Cyberattacken und systematische Falschinformationen aus Russland hohe Brisanz.

Historische Verantwortung auch gegenüber der Ukraine

Dass die Bundesregierung keine Waffen zur Verteidigung schickt, wird in der Ukraine viel diskutiert. Der Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion bedeute doch auch eine historische Verantwortung gegenüber der Ukraine, betont Hanna Schelest, Sicherheitsexpertin bei der Denkfabrik Prizm in Kiew.

Das Argument habe die Menschen sehr beleidigt, denn grundsätzlich hätten die Ukraine und Belarus die meisten Opfer und Feindseligkeiten erdulden müssen und nicht Russland. "Sie haben eine historische Verantwortung gegenüber Russland und nicht gegenüber der Ukraine?", fragt Schelest.

Appell: Krieg in Europa verhindern

Der 30-jährige Programmierer Oleksandr hat an Deutschland keine großen Erwartungen:

Wir rechnen damit, dass jeden Moment ein Krieg beginnen kann, und es ist die Aufgabe der gesamten zivilisierten Welt zu verhindern, dass es im 21. Jahrhundert einen Krieg in Europa gibt.

Von Kiew aus reist Außenministerin Baerbock an die Kontaktlinie zwischen ukrainischer Armee und den von kremltreuen Separatisten besetzten Gebieten um Donetsk und Luhansk. Dort  möchte sie auch mit den Menschen sprechen.

"Ich habe keinen Plan, aber geistig bin ich bereit"

Von Darina könnte die Außenministerin viel erfahren. Die 24-jährige Studentin hat noch bis 2017 in der damals bereits okkupierten Stadt Donetsk gelebt - eine Zeit, die sie schwer traumatisiert hat. Immer wieder habe es Beschießungen gegeben, erzählt sie mit leiser Stimme:

Dann habe ich gesehen, wie ein Mann von den Milizen getötet wurde - auf offener Straße. Da habe ich verstanden, dass ich diese Stadt sofort verlassen muss.
Darina | ARD-Studio Moskau

Die Studentin Darina arbeitet in der Stadtbibliothek von Wolnowacha. Bild: ARD-Studio Moskau

Darina kehrte zurück in ihre Heimatstadt Wolnowacha, nur 60 Kilometer von Donetsk entfernt und dennoch in Sicherheit. Neben ihrem Studium arbeitet sie heute in der kleinen, liebevoll gepflegten Stadtbibliothek. Ihre Erlebnisse von damals verarbeitet die 24-Jährige in Gedichten. Die seit einigen Monaten andauernden russischen Truppenbewegungen entlang ukrainischer Grenzen erfüllen sie erneut mit großer Sorge.

Das Schreiben und ihre Freundinnen aus dem Literaturclub helfen ihr zwar, auch in der jetzigen Situation nicht zu sehr in Panik zu geraten, sagt sie. Dennoch bereite sie sich auf den Extremfall vor - wenn auch nur mental: "Ich denke über verschiedene Varianten nach: Was ich tun werde, wohin ich flüchten kann. Im Moment habe ich keinen Plan, aber geistig bin ich bereit."

Dieser Beitrag lief am 07. Februar 2022 um 12:22 Uhr auf NDR Info.